Mail aus Yale "Sind Sie Dealer, Schläger, Choleriker?"

Der Neusser Abiturient Thomas König, 19, hätte an allen Elite-Unis der USA studieren können. Er entschied sich für Yale - und schreibt künftig im SchulSPIEGEL über das Abenteuer Bildungsexil. Zum Start: keine Einreise ohne Papierkrieg und seltsame Blitzinterviews.


Auf meinem Schreibtisch steht ein gerahmtes Konfuzius-Zitat: "Der wahre Reisende kennt nicht sein Ziel". So gesehen bin ich also kein wahrer Reisender. Mein Ziel steht ja fest: die Yale University in New Haven.

Studenten in Yale: Bald Besuch von Freshman Thomas
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Studenten in Yale: Bald Besuch von Freshman Thomas

Und doch weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr über mein Ziel, als mir verheißungsvolle Hochglanz-Broschüren glauben machen wollen. Elite-Schmiede. Geheimgesellschaften. Heiße Partys. Weltklasse-Dozenten.

Ich bin gespannt, welches Gerücht sich bewahrheiten wird. Und hoffe, dass bei dieser Reise nicht "der Weg das Ziel ist". Denn so groß die Freude über die anstehende Zeit in Yale ist, so sehr schmerzen mir jetzt noch die Hände vom Ausfüllen der unzähligen Health- Service-, Einreise- und Finanzunterlagen, die im Laufe dieses Sommers peu a peu ihren Weg in meinen Briefkasten fanden.

"Sind Sie jemals wegen Körperverletzung verurteilt worden?"

"Haben Sie jemals Marihuana zur persönlichen Bereicherung verkauft?"

"Leiden Sie unter einem cholerischen Temperament?"

Das sind nur einige der zahlreichen Fragen, die ich im Laufe meiner "summer mailings" wahrheitsgetreu beantworten musste. Wobei dieses schriftliche Kreuzverhör mir ziemlich überflüssig vorkam. Wer würde schließlich einfältig genug sein, auch nur eine einzige dieser Fragen mit Ja zu beantworten?

Auch meinen ganz persönlichen Marsch durch die Institutionen – die Beantragung des F-1-Studentenvisums – werde ich so schnell nicht vergessen. Ein Tipp vorneweg: Amerikareisende sollten ihr Visum besser etwas früher als zwei Wochen vor Reiseantritt beantragen, das schont die Nerven. Die Zusammenstellung der zahlreichen Dokumente und Formulare kann mehrere Tage beanspruchen.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Und da ein "Visa-Interview" Pflicht ist, sollte man schon frühzeitig einen Trip entweder nach Frankfurt, München oder Berlin planen. Dort befinden sich nämlich die einzigen Konsulate, die Visa ausstellen – für mich als Neusser natürlich ganz besonders praktisch.

Meine Reise nach Frankfurt begann um 5 Uhr morgens und endete irgendwann um 19 Uhr. Ein einzigartiges Erlebnis: Schlange stehen, Sicherheitskontrollen, Schlange stehen, Sicherheitskontrollen. Gürtel aus, Taschen leeren, Schlange stehen. Und dann stundenlang in einem schlecht belüfteten Saal warten.

Nach nahezu vier Stunden Warten war ich eigentlich bereit für jegliche Verhörsituation, mir war alles egal. Aber als die Frau von Schalter elf meine Dokumente entgegennahm, wurde mir doch ziemlich mulmig. Würde sie mir das ersehnte Papier ausstellen - oder mich noch einmal um die halbe Welt schicken, weil irgendwas fehlte?

Sie: "Why do you want to go to the US?"

Ich: "To study ..."

Sie: "Where ?" (sie betrachtet meine Unterlagen). "Ah, Yale! Lucky you!"

Ich: "Thank you."

Sie: "How long do you plan to stay in the US?"

Ich: "Four to five years."

Sie: "That's all. Thank you. Have a nice day."

Vier Stunden Herumstehen - und dann nur 20 Sekunden Interview. Ich war perplex. Aber immerhin, die Formalitäten hatte ich damit abgehakt. Yale kann kommen!

Jetzt heißt es: Auf die letzten Tage in Deutschland konzentrieren. Ich denke gernean den Moment, an dem ich meinen "Yale Acceptance Letter" öffnete. Dieses überwältigende Gefühl von "Ja, du hast es geschafft!" und natürlich "Endlich raus aus Deutschland!" Doch wo der Abschied nun so kurz bevor steht, fällt es mir ungleich schwerer, zu gehen.

Selbstverständlich ist ein letztes "Dankeschön" an alle an meinem deutschen Leben Beteiligten Pflicht. Und wie kann man das besser sagen als mit einer großen Party? Ich stecke gerade mitten in den Vorbereitungen. Wenn ich dann ins Flugzeug steige, werden sicher ein paar Tränen fließen. Aber bis dahin will ich jeden Tag hier richtig auskosten.

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