Mail aus Yale Zwischen Party-Hopping und Staatsphilosophie

Thomas König, 19, wirbelt durch die Uni Yale, um dem Motto der Erstsemester gerecht zu werden: "Work hard, play harder." Der Neusser Abiturient will alle Kurse gleichzeitig belegen und auf keiner Party fehlen - da fällt die Wahl zwischen Vorlesung und Wohnheim-Feier schwer.


"Ich bin zu Hause." Ich ertappte mich bei diesem Gedanken, als ich vor zwei Tagen schnellen Schrittes gegen drei Uhr morgens die Sterling Memorial Library verließ und über den vorherbstlichen Old Campus eilte, um schnell mein gemütliches Zimmer zu erreichen.

Campus in Yale: Wer viel lernt, sollte sich auch amüsieren
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Campus in Yale: Wer viel lernt, sollte sich auch amüsieren

Knapp zweieinhalb Wochen sind seit dem mehr als stressigen Move-In Day vergangen. In der Bibliothek ist mein Arbeitsplatz belegt mit einem Berg von assigned readings und papers. Ich fühle mich, als würde ich hier schon seit Monaten leben. Vielleicht liegt das daran, dass es hier so unendlich viel zu tun gibt, und dass ich am liebsten an allen Aktivitäten teilnehmen würde. Vielleicht liegt es aber auch an der familiären Atmosphäre, die auf dem Old Campus (auch bekannt als der Freshman Campus) vorherrscht.

Man sieht sich, man trifft sich, man verbringt Zeit miteinander und man wird durchgehend das Gefühl nicht los, dass man zusammengehört. Ich würde liebend gerne meine typische Skepsis an den Tag legen und das hier Erlebte in Frage stellen – nur fällt es mir wirklich schwer, mich nicht einfach treiben zu lassen und das Geschehene zu genießen.

Das Programm der Einführungswoche war satt: Angefangen mit dem hektischen Move-In Day, an dem ich meine neuen Mitbewohner kennen lernte, und den vielen Treffen mit den Freshman-Beratungen und Einführungsveranstaltungen der Fachschaften. Der Dekan begrüßte uns Erstsemester mit einer rührseligen Rede ("Sie sind die besten Studenten, die diese Welt zu bieten hat, und wir sind sehr stolz, sie hier zu begrüßen"). Ich aß zum ersten Mal in der wunderschönen Dining Hall. Ich habe für Theaterstücke vorgesprochen und die ersten wilden Partys auf unserem Stockwerk erlebt.

Gleichzeitig begann die so genannte Shopping Period – die Zeit, in der alle Studenten zwei Wochen lang die verschiedensten Kurse antesten können, um sich dann nach dieser "Probezeit" für einen festen Stundenplan zu entscheiden. Ich war relativ schnell fertig: Chinesisch 115, Internationale Beziehungen 171, Psychologie 110 und Literatur 120 – vier Kurse, die meine Interessen perfekt wiedergeben und nebenbei auch noch von einem Nobelpreis-Nominiertem, einem Diplomaten und einem Ex-Mitarbeiter des Außenministeriums von China geleitet werden. Kann ich mehr verlangen? Wohl kaum.

Zu allem Überfluss muss ich natürlich noch meine erste Story für die Tageszeitung "Yale Daily News" beenden, einen Artikel für das multikulturelle Magazin "Babel Babel" anfertigen, regelmäßig das Fußballtraining besuchen und meine Arbeitspapiere für meinen Kellnerjob in der Pierson Buttery unterschreiben lassen. Und natürlich konnte ich nicht anders, als mich zu entschließen, meine eigene Improvisationsgruppe auf dem Campus zu gründen. Nicht, dass ich nicht genug zu tun hätte.

Letztlich bin ich aber ein Yale Student. Und das verpflichtet auf das Motto: Work hard, play harder. Aber jetzt muss ich mich erst einmal um 130 Seiten Staatsphilosophie kümmern.

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