Marcs Studienstart Hemden a la plancha

Erstsemester Marc Röhlig, 20, kämpft mit all den lästigen Dingen, mit denen Studienanfänger kämpfen, wenn Muddi ganz weit weg ist: waschen, bügeln, fegen. Zum Glück weiß die bezaubernde Franzi Rat - nur nicht gegen den keineswegs knitterfreien Nachbarn.


In meinem Hausflur steht ein Einkaufswagen. Das ist ziemlich dämlich, weil ein Einkaufswagen nun mal zum Einkaufen, nicht aber zum Durch-die-Welt-schieben da ist. Er gehört dem Supermarkt, nicht den Kunden. Nur weil man ihn für einen Euro entführen kann, ist er noch lange kein Schnäppchen. Ich habe mich trotzdem des Wagens angenommen und ihn aus dem Flur weggerollt, um ihn zu seiner Einkaufswagenherde zurückzufahren.

Vorher allerdings konnte ich nicht widerstehen, das Metallgestell mal eben zu zweckentfremden: Flugs auf den Balkon geschoben, wurde der Wagen zum Wäschetrockner. Weil, und das fällt mir momentan fünfmal am Tag auf: Umziehen in die erste eigene Wohnung ist wie überstürztes Verreisen. Ich bemerke täglich tausend Dinge, die ich vergessen habe einzupacken.

Was im Urlaub der Farbfilm oder die Sonnencreme ist, sind beim Umzug dann Wäscheklammern oder Wischeimer. Also typische Muttiwerkzeuge, die entweder links unter der Spüle oder aber in der Kammer hinter der blauen Dose stehen. Nie habe ich mir über diese Dinge Gedanken gemacht. Dass sie mir nun fehlen, fällt natürlich erst auf, wenn ich sie brauche.

So zum Beispiel das Bügeleisen. Das braucht jeder, das hat auch jeder. Nur in der neuen Wohnung und an Feiertagsnachmittagen neben einem Haufen einkaufswagengetrockneter Hemden – da fehlt es. Für alle Männer, die (ich gehe mal davon aus, dass so etwas nur Männern passiert) auch in meine Lage kommen: Nehmt euch eine Pfanne!

Und das muss ich näher erklären: Ich war im Sommer mit Franzi in Madrid. Franzi ist ein Mädchen von der Sorte "bezaubernd". Sie hat tausend gute Eigenschaften, zwei davon sind ihr Spanisch-Sprachtalent und ihr bodenloses Allgemeinwissensfass. An einem Freitagabend saßen wir in diesem kleinen, verführerisch hergerichteten Lokal, und sie las aus der Speisekarte wie aus einem Märchenbuch. Zu jedem Gericht hatte Franzi auch noch ihre eigenen Anmerkungen.

Ein Brandloch muss drin sein

So auch zu "gambas a la plancha". Was stark an den grausamen Ohrwurm "Vamos a la Playa" erinnert, bedeutet eigentlich "Garnelen auf heißer Metallplatte gebraten". Aber, und das hat mir Franzi verraten, "plancha" heißt Bügeleisen. Da aber ein Bügeleisen umkippen würde, wollte man Garnelen darauf braten, haben die pfiffigen Spanier einfach Pfannen zum Braten genommen. Wir sinnierten dann noch lange über die heimliche Bruderschaft von Pfanne und Bügeleisen.

Schließlich, an jenem bügeleisenfreien Feiertag, habe ich Franzis Pfannenidee in die Tat umgesetzt. Seitdem bügele ich mit meiner Bratpfanne meine Hemden. Den Herd auf Stufe sechs, die Pfanne drauf und ab durch die Textilien!

Es funktioniert tatsächlich, Falten weichen meiner Bügelpfanne wie einst das Rote Meer dem Herrn Moses. Erst ein rotes T-Shirt erweist sich als nicht robust genug und fängt sich einen kreisrunden Brandfleck ein. Das war dann doch nicht so ganz gewünscht.

Am Morgen nach meiner Pfannenaktion klingelt sich der erste Überraschungsbesuch in mein Zimmer; ich öffne mit knitterfreiem Hemd. Es ist mein Nachbar. Er fordert sein "Wägele" ein. Damit meint er den Einkaufswagen auf meinem Balkon; der "g'hört" ihm, den hat er sich "g'koaft". Um sein Besitztum zurückzufordern und unseren Hausflur erneut mit einem Einkaufswägele zu schmücken, packt er mich noch am Hemdkragen – das verleiht Nachdruck und Knitterfalten.

Ich bin dann erstmal Muttiwerkzeuge einkaufen gegangen.

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