Marcs Studienstart Ich, die Mädels und er

Geschichtsstudent Marc Röhlig, 21, will nicht länger Single sein: Da wäre Tanga-Linda aus dem Lateinkurs. Da wären Hanni und Nanni aus dem Nachtclub oder Bio-Babsi von der WG-Party. Und dann kommt noch ER - und alles ganz anders.


Drei Sätze, eine Geschichte: "Also ich wünsche dir wirklich, dass du beim Studium eine nette kleine Freundin findest"; "Marc, du brauchst Sex!" und "Oh my god, warum habt ihr Heteromänner bloß so wenig Ahnung von Frauen?"

Geschichtsstudent Marc: Lasst die Liebes-Anstrengungen beginnen

Geschichtsstudent Marc: Lasst die Liebes-Anstrengungen beginnen

Ich muss ehrlich sein. In Sachen Frauen bin ich ein ziemlicher Depp. Während andere flirten, versuche ich krampfhaft ein Gespräch über die Situation im Nahen Osten zu beginnen. Während andere Männer ihre Eroberungen auf der Tanzfläche umschlingen, krallen sich meine Finger im Hals einer Bierflasche fest. Um meine Frauengeschichten abzuzählen, hat schon eine Hand zu viele Finger.

Als ich zur Uni ging, hatte der erste Satz seinen Auftritt: "Also ich wünsche dir wirklich, dass du beim Studium eine nette kleine Freundin findest", rief mir meine Mutter zum Abschied hinterher. Also gut. Lasst die Spiele – nein, lasst die Anstrengungen beginnen.

Tanga-Linda und Bio-Babsi

Da wäre Tanga-Linda. Sie ist der gute Grund, zum Lateinkurs zu gehen. Während der Dozent von vorne sieht, wie brav sie sich immer meldet und Caesar übersetzt, sehe ich von hinten, dass Tanga-Linda tote Sprache heiß verpacken kann. Steilvorlage in der Bibliothek: Sie stolpert mir mit einem Stapel Büchern entgegen, ein paar Bände purzeln auf den Boden. Ich helfe brav beim Aufheben, wir schauen uns an und – ich bekomme keinen Ton heraus.

Da wären die WG-Schwestern. Sie wirken ein wenig wie Hanni und Nanni, sind aber wirklich nett. Mein Kumpel Stahlin und ich stehen im Club und unterhalten uns. Der Abend ist spät, und die Gläser sind leer. Mitten im Gespräch mit den beiden schläft Stahlin an die Wand gelehnt ein. Ich muss hart arbeiten, um Sätze mit Subjekt und Prädikat zustande zu bringen. Hanni und Nanni ziehen beleidigt ab.

Da wäre Bio-Babsi. Wir sind auf der WG-Party von Hauke: Über die Küchenschränke ziehen sich bunte Fäden von verschüttetem Alkohol, irgendwer hat Bier in den Seifenspender gekippt und Haukes Kleiderschrank duftet nach Wodka-Martini.

Und dann taucht sie auf: Bio-Babsi! Was für eine Frau. Sie studiert Biologie, an ihren Namen erinnere ich mich leider nicht mehr, weshalb ich sie Bio-Babsi nenne. Und das Mädel sieht umwerfend aus. Wir reden über Filme und über Musik - sie dreht an einer Haarsträhne. Wir reden über Partys - sie blinzelt. Wir reden über die Uni: Und was studierst du? - Biologie. Und du? -Geschichtswissenschaften. Sie verschluckt sich, wiehern los und ruft: "Wiissenschaaften, Haha, Wii-hiissenschaaaaften! Und dann wirst du Taxifahrer, oder was?"

Gefühlswirbel in der hessischen Provinz

All diese Geschichten erzähle ich regelmäßig meiner Freundin Laura - die sich erst amüsiert und mich danach bedauert. Sie würde ich heiraten. Wenn sie nicht mit meinem besten Freund zusammen wäre. Der zweite Satz stammt von ihr: "Mensch Marc, so geht das nicht weiter. Du brauchst Sex!" Ja, gebe ich zu – aber es ist nun mal nicht so, dass Sex für jeden im Semesterapparat bereitsteht.

Meine Chance wartete nicht zwischen Unibibliothek und WG-Party. Sie kam auf einem Wochenendseminar für Jungjournalisten. Studenten aus ganz Deutschland tagten in einer Burg in der hessischen Provinz, die Sonne schien in den Burginnenhof, in Workshops zerpflückten wir Prosatexte über die Liebe.

Dort lernte ich ihn kennen. Er ist hinreißend: groß, gebräunt, schwarze Haare, warmes Lächeln, der südländische Typ. Er kam mir sofort nahe, denn er mag Männer. Und mich wohl ganz besonders. Na prima. Darauf habe ich seit meiner Immatrikulation gewartet. Mir ist das Ganze nicht geheuer, aber wir tauschen Telefonnummern.

Los du Tier, halt mich vom Lernen ab!

Beim Seminar in der Burg lerne ich auch sie kennen. Sie ist wirklich hinreißend: löwenbraune Augen, gute Laune auf den Lippen, ins Leben geküsst, mit Blicken, in denen ein Regenbogen zu leuchten scheint. In der Nacht zum Sonntag treffen sich unsere Zeigefinger, aus den Boxen schallt das letzte Lied, wirbelt Gefühle durch die Luft. Am nächsten Morgen schauen wir diesen Gefühlen hinterher, wie dem letzten Nachtbus, der ins Dunkel taucht. Ich muss sie wieder sehen.

Das wird kompliziert. "Ein Konzert in Freiburg findet demnächst statt", schreibe ich ihr und mache drei bedeutungsvolle Punkte dahinter. Ihre Magisterarbeit finde parallel statt, schreibt sie und fügt ein "eigentlich" an. Das lese ich als "Nein" - und gebe auf. Es wird Zeit für den dritten Satz. Und es wird wieder Zeit für ihn: Er, der schwule Student vom Burgwochenende. Wir telefonieren viel, schließlich hat er einen Narren an mir gefressen. Ich muss mir Komplimente über meine Locken und meinen Hintern anhören, erfahre dafür aber Geheimnisse aus der Welt der Frauen.

Hast du sie denn nun endlich richtig nach Freiburg eingeladen? - Na ja, schon irgendwie. Aber sie sagt, sie muss eigentlich lernen. Eigentlich. – Aaaach, Schatzi, dass ist doch nur ein Vorwand. – Wie, Vorwand? – Oh my god, warum habt ihr Heteromänner bloß so wenig Ahnung von Frauen? Also: Wenn sie sagt, sie muss eigentlich lernen, dann meint sie: Los du Tier, halt mich vom Lernen ab! – Wirklich? – Ja, wirklich. Und jetzt ruf sie endlich an, sonst haue ich dir auf deinen süßen Popo.

Ich rief an. Und wir legten nie wieder auf.

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