Marcs Studienstart Kein Fleiß, kein Kreis

Der Sommer hat Freiburg im Griff, das dazugehörige Semester stört da nur. Beides in Einklang zu bringen scheint wie die Quadratur des Kreises. Quod erit demonstrandum - Geschichtsstudent Marc Röhlig, 21, sucht nach einem Beweis.


Die Quadratur des Kreises beschäftigt die Menschheit. Tausende Gelehrte haben sich seit der Antike daran die Zähne ausgebissen. Die Idee ist einfach: Mit Zirkel und Lineal wird so lange an einem vorgegebenen Kreis herumgewerkelt, bis ein Quadrat mit exakt demselben Flächeninhalt entsteht. Einfach den Kreis ausbeulen gilt nicht, es bedarf eines schlauen Kopfes, um die Quadratur durchzuführen.

Leonardo da Vinci scheiterte, nach endlosen Quadraten und Kreisen blieb ihm nur noch, einen nackten Mann in die Mitte zu malen. Die Quadratur des Kreises war ein Ding der Unmöglichkeit. Nur der Beweis dafür fehlte.

Bis 1882.

Da, vor nunmehr 125 Jahren, kam Ferdinand von Lindemann. Er war Professor in Freiburg und konnte also um die Ecke denken. Statt mit Lineal und Zirkel ging er mit Köpfchen an die Sache und betrachtete die Kreiszahl Pi einfach mal auf dem Rechenbrett. Sein Ergebnis: Pi passte einfach nicht in die grundlegenden Algebrarechnungen, die nötig sind, um ein Quadrat zu konstruieren. Pi ist also eine irrationale Zahl - nie und nimmer passt sie in ein Quadrat. Lindemann tat Großes für die Menschheit: Er bewies, dass die Quadratur des Kreises unmöglich ist.

Ebenso unmöglich scheint die Zähmung des Fleißes. Denn es ist Sommersemester. Alle zusammen: Sommersemester. Noch mal ein bisschen lauter: SOMMERsemester! Ihr dehnt Sommer lang wie einen Fruchtkaugummi, zieht es süß zwischen euren Lippen hervor. Und dann nehmt ihr Semester - und spuckt es heftig und feucht auf den Bürgersteig. Schon sind wir bei meinem Problem: Sommer und Semester passen nicht so gut zusammen, wie sie klingen; das eine ist schönste Algebra, das andere schlichtweg irrational.

Alle zusammen: Sommersemester!

Freiburg ist im Sommer eine geile Sau. Da fließt die Dreisam geschmeidig durch die Innenstadt, an ihren saftigen Ufern liegen von Hemd und Hose befreite Studenten zu Hunderten. Da wartet der Schwarzwald wie ein großes, gütiges Monster mit Schatten und Wanderweg auf das Wochenende. Da sitzen sie, junge Menschen, am Wegrand und kühlen ihre Füße im Bächle der Fußgängerzone. Auf den Gehwegen Caféstühle wie Straßenmalerei, am Seepark das große Gegrille, die Sonne verwandelt ganz Freiburg in eine Wohlfühloase - hier ist globale Erwärmung noch ein Happening.

Freie Gedanken unter freiem Himmel

Selbst die Universität Freiburg trimmt sich diese Woche auf Frohsinn. Zum 550-jährigen Jubiläum wurde unter den Augen von Aristoteles und Homer ein Beachvolleyballfeld aufgeschüttet, die Hauptstraße neben der Uni abgeriegelt und zur Wissens- und Flaniermeile umoperiert. Der u-Asta-Infostand im drohenden Boykottgelb wurde in eine dunkle Ecke weggesäubert - stattdessen prangt nun an allen Ecken das Sommerhimmelblau der Jubiläumsflaggen. Für die Exzellenzauswahl hat man sogar die Sitzbänke auf dem Campus erneuert und stumme Flachbildschirme in die Flure gehängt.

Nun würde ich am liebsten frisbeewerfend durch die Lande ziehen und mitjauchzen - aber es schlägt Uni. Ach, die Prüfungen. Zu Beginn des Semesters schienen sie so weit weg wie der letzte Schnee. Es gab viele Wochen mit Badeseen und Liegewiesen, nun überall rote Kringel im Kalender. Der Sommersemesterstudent steht vor einem Problem. Es muss doch möglich sein - ach, was red' ich: nötig sein, Studium und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Trotz fester Stundenpläne und Anwesenheitspflicht, trotz Vokabelliste, Referat und Hausarbeit. Schreibtisch contra Hängematte - oder geht das in Kombination? Gibt's hier einen Schein in Frisbeeschleudern, vielleicht mit Exkursion zum Stadtpark?

Also langsam die Leistungsbereitschaft hochfahren, als würde man Windows Vista von einer 3,5 Zoll-Diskette laden. Statt mich in der Bibliothek zu vergraben, schleppe ich ihre Bücher raus auf die Wiese. Den Hörsaal nach draußen tragen: Kann das mit den Prüfungen so klappen?

Als Lindemann 1882 seine Entdeckung machte, waren es die ersten Frühlingstage des Jahres. Der 12. April, auch noch sein 30. Geburtstag, war der große Tag. Zwölf Grad hatte es damals laut Wetterzentrale, ein leichter Aprilregen streifte den Schwarzwald. Lindemann spazierte über den Lorettoberg im Süden Freiburgs, genoss die Aussicht und spielte mit 3,14159265 im Kopf herum. Er hat seinen Hörsaal in seinen Kopf und den Kopf unter freien Himmel gelegt.

Ein Teufelskerl.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.