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Schulen in Berlin: Einsturzgefahr!

Foto: Jan-Martin Wiarda

Massiver Sanierungsbedarf Die Schulruinen von Berlin

Schimmel, Bruch und Legionellen: In keinem Bundesland sind Schulen so marode wie in Berlin. Jetzt will der Regierende Bürgermeister einen Masterplan vorlegen. Schon im Vorfeld gibts Streit.

In ein paar Stunden bekommt Juri Strauß, 16, sein Abizeugnis überreicht, dann ist der Berliner offiziell kein Schüler mehr. Doch er hat nicht zwei Jahre lang für Verbesserungen gekämpft, um einfach aufzuhören. Und so steht er auch jetzt vor seiner Schule, zeigt die bröckelnde Fassade hinauf und sagt: "Wenn das mal nicht runterkommt."

Die Lilienthal-Schule ist ein Backsteinklotz aus der Kaiserzeit in Steglitz-Zehlendorf. Und wenn Berlin die Hauptstadt der maroden Schulen ist, dann ist der Bezirk im Südwesten wohl ihr Zentrum. Auf fünf Milliarden Euro beziffern Experten die Summe, die nötig wäre, um alle Berliner Schulen fit für die Gegenwart zu machen. Davon entfallen allein 457 Millionen Euro auf Steglitz-Zehlendorf.

Juri Strauß deutet auf die Zierzinnen hoch über dem Hauptportal, die hinter dem Netz des Gerüsts kaum noch zu erkennen sind. Die Stangen und Planen wurden zum Schutz der Schüler aufgestellt und lassen den Eingang der Schule zu einem dunklen Tunnel schrumpfen. "Die haben Angst, dass uns Schülern die Steine auf den Kopf fallen."

Strauß war Schülersprecher, Mitglied im Bezirksschülerausschuss - und so etwas wie der Kampagnenführer in Sachen marode Schulen. Zwei Demos hat er organisiert, die letzte erst vor ein paar Tagen. Zusammen mit seinen Mitstreitern hat er Flugblätter verteilt, Aushänge gemacht und Schüler zum Mitmachen animiert. Journalisten zeigte er die schlimmsten Bröckelecken: Knöterich und andere Gewächse, die durch die Wände in Klassenzimmer ranken, herunterhängende Deckenplatten, deren Material möglicherweise krebserregend ist.

Ein Gewirr an verschachtelten Verantwortlichkeiten

Dass der Wind durch die Fenster pfeift oder Klassenräume einen neuen Anstrich gebrauchen könnten, davon können Schüler und Lehrer überall in Deutschland Geschichten erzählen. Warum aber sind gerade die Schulen in Berlin besonders heruntergekommen?

Die Suche nach den Ursachen führt zu einem Gewirr an verschachtelten Verantwortlichkeiten zwischen Landesregierung und Bezirksverwaltung, zwischen Schul-, Bau- und Denkmalschutzämtern, das fast schon als kunstvoll zu bezeichnen ist. Denn dass der Berliner Senat seit vielen Jahren den für den Unterhalt der Gebäude zuständigen Bezirken viel zu wenig Geld überweist, sei nur ein Teil des Problems, sagt Daniela von Treuenfels, die sich lange als Elternvertreterin engagiert hat und jetzt als Vorstand der Stiftung Bildung den Blog "Einstürzendeschulbauten" betreibt : "Wenn Sie im Bezirk etwas planen, sind immer mehrere Ämter betroffen, und alle geben ihren Senf dazu. Dann wandert so ein Vorbescheid schon mal ein paar Jahre."

Oder bleibt wie in Steglitz-Zehlendorf gleich ganz im Hochbauamt liegen. Das behaupten zumindest Kritiker: Die Stellen des Behördenleiters und seines Stellvertreters waren über Jahre nicht besetzt. Der zuständige Stadtrat Michael Karnetzki weist den Zusammenhang zwischen den Personalproblemen und dem Sanierungsstau jedoch als "Unsinn" zurück: Bauarbeiten im laufenden Schulbetrieb seien äußerst kompliziert, nur in den seltensten Fällen könnten Firmen ohne Behinderung arbeiten.

Sanierungsbedarf von zwei Milliarden Euro

Seine Kollegin, die Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski, sekundiert: Es gebe in Steglitz-Zehlendorf einen großen Bestand an Altbauten, 100 Jahre und älter. "Wenn Sie da das Dach sanieren, muss das denkmalgerecht sein, und das kostet dann eben nicht 600.000 Euro, sondern zwei Millionen." Außerdem stehe ihr Bezirk im Berlin-Vergleich gar nicht besonders schlecht da: "Der Unterschied ist, dass wir seit Jahren mit ehrlichen Zahlen operieren."

Nächster Stopp auf Juri Strauß' Tour ist die Turnhalle des Lilienthal-Gymnasiums, deren Dach bei viel Schnee einzustürzen droht und deren Wasser mit Legionellen verseucht ist. Gestrüpp zieht sich an den Außenwänden entlang. Dass der Putz Löcher hat und zum Teil verfault, ist das kleinste Problem. "Es geht hier ja nicht nur um die Sicherheit", sagt Strauß. "Der Zustand einer Schule sagt etwas darüber aus, welche Bedeutung eine Gesellschaft ihrer Jugend zumisst."

Bis vor Kurzem, sagt Daniela von Treuenfels, habe die Berliner Politik den Protesten kaum zugehört und eine Bestandsaufnahme verweigert. Stattdessen schoben sich Senat und Bezirke gegenseitig die Verantwortung zu. Derweil machten die Lokalzeitungen regelrecht einen Sport daraus, sich mit krassesten Geschichten über den Schulverfall zu überbieten.

Erst auf Initiative der Piratenpartei gab es 2014 eine Senatsabfrage bei den Bezirken. Sie ergab einen Sanierungsbedarf von zwei Milliarden Euro. Seitdem kann die Politik dem Thema nicht länger ausweichen. Ein berlinweiter "Schul-Scan" nach einheitlichen Kriterien bezifferte den Baurückstau vor wenigen Tagen sogar auf besagte fünf Milliarden.

Forderung nach mehr Autonomie für die Bezirke

Im laufenden Wahljahr in Berlin könnten sich all die Blogeinträge, die jährlichen Adventskalender mit den widerlichsten Gammelfotos sowie die Schülerdemos von Juri Strauß und seinen Mitstreitern doch noch auszahlen: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) will Freitag einen Masterplan für die Schulsanierung vorlegen, ein "Schulbauprogramm" inklusive Zentralisierung der wichtigsten Bauvorhaben.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es so einfach wäre. Schon regt sich Widerstand. Bildungsstadträtin Richter-Kotowski sagt: "Typisch SPD. Eine Stadt mit bald vier Millionen Einwohnern können Sie nicht bis ins Detail zentral verwalten." Stattdessen fordert sie mehr Autonomie für die Bezirke. Übrigens ist Richter-Kotowski CDU-Politikerin. Wahlkampf eben.

Juri Strauß möchte dennoch gern glauben, dass bald alles besser wird. Inzwischen lehnt er ein paar Kilometer weiter am Bauzaun, der sich um die Fichtenberg-Oberschule zieht. Die Fassade bröckelt, zum Teil bis aufs Mauerwerk. Auf Warnschildern steht "Vorsicht, herunterfallende Gegenstände!" Im nächsten Schuljahr besucht er die Highschool in Kanada. Vielleicht wird da im Winter auch die Turnhalle warm.

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