Mathematik Mädchen können's genauso gut

Jungen können besser rechnen, Mädchen besser lesen, denn die Talente sind eben ungleich verteilt. Stimmt gar nicht, sagen US-Forscher: Schülerinnen lösen Mathe-Aufgaben ähnlich gut wie Schüler - wenn sie nur an sich glauben und niemand ihnen eine Rechenschwäche einredet.
Mädchen und Mathematik: Keine Frage der Begabung, sagen US-Forscher

Mädchen und Mathematik: Keine Frage der Begabung, sagen US-Forscher

Foto: AP

Immer wieder sorgen die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen in der Schule für Aufregung. Warum schneiden Jungen besser ab, wenn Schüler mathematische Aufgaben lösen müssen - und warum liegen Mädchen stets im Lesen weit vorn?

Die Unterschiede haben weniger mit Begabung als mit Vorurteilen und Rollenbildern zu tun, sagen Forscher. Denn beim Lösen mathematischer Probleme schneiden Mädchen weltweit ähnlich gut ab wie Jungen. Das zeigt eine neue Analyse zweier internationaler Studien mit insgesamt fast 500.000 Schülern aus 69 Ländern. Sie zeigt, dass Mädchen und Mathematik durchaus zusammenpassen. Dabei stießen die US-Forscher aber auf nationale Unterschiede: Je ausgeprägter die Chancengleichheit der Geschlechter in einem Land war, desto bessere Resultate erzielten die Mädchen.

Die Psychologen der Villanova-Universität in Philadelphia analysierten die Ergebnisse der Pisa- und der TIMSS-Studie, an denen insgesamt fast eine halbe Million Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren teilnahm. Der TIMSS-Test prüfte mathematisches Grundwissen, während die Pisa-Studie die Übertragung dieser Kenntnisse auf alltägliche Probleme untersuchte.

Mädchen rechnen gut, wenn sie ermutigt werden

In beiden Studien schnitten Mädchen und Jungen ähnlich gut ab, wie die Forscher im Fachblatt "Psychological Bulletin" schreiben. Allerdings bewerteten Jungen ihre mathematischen Fähigkeiten selbstbewusster. Zudem glaubten sie eher, dass solche Kenntnisse für eine erfolgreiche berufliche Karriere notwendig seien, und waren daher motivierter.

Aber diese Unterschiede waren umso schwächer ausgeprägt, je mehr Frauen in dem jeweiligen Land wissenschaftlich tätig waren. "Die Vorurteile über die Unterlegenheit von Frauen in Mathematik stehen in deutlichem Kontrast zu den aktuellen wissenschaftlichen Daten", sagt Studienleiterin Nicole Else-Quest. "Mädchen schneiden wahrscheinlich ebenso gut ab wie Jungen, wenn sie nur ermutigt werden."

Die Untersuchung deckt sich mit dem Resultat einer US-Studie, die das Magazin "Science" 2008 veröffentlichte. Darin hatten Forscher Mathematik-Prüfungen von über sieben Millionen US-Schülern der Klassenstufen zwei bis elf unter die Lupe genommen - und keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gefunden.

Eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt

Diese Erkenntnis bestätigt auch eine Sonderauswertung der Pisa-Studie. Sie hatte im vergangenen Frühjahr ergeben, dass während der Schulzeit die Leistungslücke zwischen den Geschlechtern in fast allen Industriestaaten wächst - demnach schneiden Jungen im Alter von 15 Jahren in Mathematik besser ab als gleichaltrige Mädchen, die hingegen im Lesen vorn liegen.

Bei den 2006 durchgeführten Pisa-Tests hatte der Unterschied in Deutschland in der Mathematik 20 Punkte betragen, zugunsten der Jungen. Dafür waren die Mädchen beim Lesen deutlich überlegen - der Abstand betrug satte 42 Punkte. In beiden Disziplinen waren die Differenzen zwischen Schülern und Schülerinnen größer als im Durchschnitt der Teilnehmerländer. Ebenfalls interessant: Beim Lesen sind Mädchen schon in der Grundschule besser, wie die Iglu-Studien zeigen. Aber der Abstand zu den Jungen beträgt nur wenige Punkte und wächst im Laufe der Schulzeit dann deutlich an.

Der Grund für verschiedene Rechenergebnisse zwischen den Geschlechtern liege nicht in unterschiedlichen Begabungen, so die Autoren der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vielmehr sei die Schuld bei gängigen Mann-Frau-Klischees und Vorurteilen zu suchen. Anders formuliert: Allein weil Mädchen glauben, sie rechneten schlecht, schwächeln sie dann tatsächlich in Mathe - demnach ein klassischer Fall von self-fulfilling prophecy.

cpa/APD