Grundschule wird Energiesparmeister 2019 "Unser Ziel: eine plastikfreie Schule"

Eine Grundschule in Mecklenburg-Vorpommern ist "Energiesparmeister 2019". Im Interview erklärt Lehrerin Birgit Degner-Beilke, wie man Kinder für Umweltschutz begeistern kann - und wie sich dadurch das Bewusstsein der Eltern verändert.

So sehen Sieger aus: Die Robert-Lansemann-Grundschule in Wismar ist Energiesparmeister 2019
Phil Dera/ www.energiesparmeister.de/ obs

So sehen Sieger aus: Die Robert-Lansemann-Grundschule in Wismar ist Energiesparmeister 2019

Von Franca Quecke


Die Grundschullehrerin Birgit Degner-Beilke setzt sich schon lange für ein größeres Umweltbewusstsein an ihrer Schule ein. Jetzt wurde die evangelische Robert-Lansemann-Grundschule in Wismar an der Ostsee bei einem bundesweitem Wettbewerb zum "Energiesparmeister 2019" gekürt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Degner-Beilke, wie wird man Energiesparmeister von Deutschland?

Birgit Degner-Beilke: Wir haben das mit unserem plastikfreien Anti-Müllmonster-Frühstück geschafft: Kinder oder Eltern packen das Butterbrot direkt in die Dose und wickeln es vorher nicht noch einmal in Alufolie. Auf verpackte Joghurts verzichten die Kinder und essen stattdessen Brot und Gemüse. Vor drei Jahren habe ich in einer ersten Klasse eine Liste eingeführt: Für jedes plastikfreie Frühstück gibt es einen Strich. Parallel dazu habe ich mit den Kindern in Vorträgen und Projekten erarbeitet, warum es wichtig ist, dass wir Müll vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Kinder reagiert?

Degner-Beilke: Die waren ganz heiß darauf und haben zu Hause Bambule gemacht, dass sie keinen Müll mehr produzieren wollen. Am Anfang habe ich noch die Striche gemacht, irgendwann haben die Kinder das selbstständig weitergeführt. Mittlerweile gibt es keine Liste mehr - weil die Kinder keinen Müll mehr produzieren.

SPIEGEL ONLINE: An welchen Projekten haben die Kinder noch gearbeitet?

Degner-Beilke: Auf Flyern haben sie erklärt, warum man möglichst wenige Verpackungen verwenden sollte. Wir waren auch beim Bürgermeister, um anzuregen, auf Stadtfesten Mehrweggeschirr und -becher zu nutzen. Das wird jetzt wahrscheinlich umgesetzt. Außerdem haben wir viele Supermarktketten und Firmen im Umkreis gefragt, wie sie Verpackungen verhindern. Von vielen haben wir ausführliche Antworten erhalten. Außerdem sind die Kinder in jede Klasse gegangen und haben Vorträge über das Anti-Müllmonster-Frühstück gehalten. Unser Ziel: eine plastikfreie Schule.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das in Ihrer Grundschule konkret?

Degner-Beilke: Von den 5000 Euro Preisgeld wollen wir einen Wasserfilter kaufen, weil die Kinder zum Essen nach wie vor aus Plastikflaschen trinken. Lehrerinnen und Erzieherinnen haben eine Umwelt-AG gegründet, in der sie darüber nachdenken, wie man weiter Müll vermeiden kann. Im Rahmen einer Garten-AG wollen wir selbst Gemüse anbauen. Umweltfreundliches Toilettenpapier benutzen, nicht das billigste. Kopierpapier aus Recyclingpapier. Man muss aber auch dazu sagen: Umweltschutz hat natürlich auch mit Geld zu tun. Wir sind eine private Schule, von daher haben wir natürlich auch eine etwas andere Klientel.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kinder schmieren ihre Brote nicht selbst, sondern die Eltern. Müssen Sie sich nicht an die wenden?

Degner-Beilke: Ich habe schon vor vielen Jahren versucht, Eltern auf Elternabenden ins Boot zu holen. Es gab zwar immer einzelne Eltern, die dafür sowieso schon ein Bewusstsein hatten, die meisten hat das aber einfach nicht interessiert. Also habe ich mich direkt an die Kinder gewendet. Mittlerweile habe ich Schüler, die ihren Eltern verbieten, Eis im Becher oder mit Löffel zu essen - sonst sprechen sie den ganzen Tag nicht mehr mit ihnen. Beim Einkaufen fordern sie, dass die eingeschweißten Tomaten nicht gekauft werden, sonst würden sie sie nicht essen.

SPIEGEL ONLINE: Und das lassen sich die Eltern gefallen?

Degner-Beilke: Bei mir hat sich niemand beschwert. Im Gegenteil: Viele Eltern finden es toll, dass ihre Kinder Umweltschutz im Unterricht so intensiv besprechen. Ihre Kinder würden sie noch einmal anregen, etwas zu verändern, erzählen mir viele.

SPIEGEL ONLINE: Und auch bei den Kindern hat niemand Widerstand geleistet?

Degner-Beilke: Bei drei, vier Kindern hat es etwas gedauert, aber das hat man ja in jeder Gruppe. Die Eltern waren lange widerspenstig und haben ihren Kindern weiterhin Plastik in die Dosen gepackt. Da frage ich mich, warum - immerhin geht es auch um die Zukunft ihrer Kinder. Am Ende haben aber alle mitgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Seit drei Jahren reden Sie mit den Kindern über die Umwelt. Wie hat sich das Bewusstsein der Kinder in dem Zeitraum verändert?

Degner-Beilke: Am Anfang haben wir uns Fotos von Fischen angeschaut, die eingeschnürt in Plastiktüten sind und einen Strohhalm in der Nase stecken haben. Das sind sehr emotionale Themen, bei denen Kinder schnell sagen: "Oh Gott, wie schrecklich." Ich versuche allerdings schon, dass die Kinder sich das nicht nur anhören, sondern auch selbst handeln. Ein Beispiel: Regelmäßig zieht die ganze Grundschule los, um Müll zu sammeln. Viele Kinder finden es mittlerweile wirklich schrecklich, dass so viel Müll herumfliegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten schon lange als Lehrerin. Merken Sie, dass Kinder heutzutage ein anderes Bewusstsein für Klimaschutz mitbringen als früher?

Degner-Beilke: Manche Kinder haben schon früh ein Bewusstsein für Umweltschutz - wenn die Eltern darauf achten. Ein bewusster Umgang muss deshalb von Eltern angeregt und von Schulen weiterentwickelt werden. Ich finde es deshalb auch so wichtig, dass Umweltschutz im Curriculum verankert wird. Das funktioniert in ganz vielen verschiedenen Fächern. Ich bin davon überzeugt: Politische Bildung muss in der Grundschule stattfinden, Lösungen müssen in den weiterführenden Schulen gefunden werden.

SPIEGEL: Haben sich mittlerweile schon andere Schulen bei Ihnen gemeldet, die Ihr Konzept übernehmen wollen?

Degner-Beilke: Nein, leider noch nicht, darauf warte ich noch. Und auf das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern, das sich meldet und sagt: "Zeigt uns mal, was und wie ihr das gemacht habt." Gestern war ein Abgeordneter aus dem Bundestag bei uns, der uns gratuliert hat. Noch lieber wäre mir allerdings, wenn er uns auch politisch unterstützen würde. Wir schauen mal, was jetzt von Seiten der Politik kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihre Schüler eigentlich auch bei den "Fridays For Future"-Demonstrationen mitgelaufen?

Degner-Beilke: Nein, die sind dafür noch zu klein. Manche sind vereinzelt mit den Eltern gegangen. Ich finde die Bewegung sehr wichtig und toll, dass sie das machen. Aber: Die einen reden darüber - und wir machen es einfach.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
daddeldumm 17.06.2019
1.
Erinnert mich daran, wie man noch vor einigen Jahren Schulkinder mit Raucherbildern geschockt hat, damit die dann, möglichst panisch und hysterisch, zu Hause Druck machten, daß die Eltern / Verwandte / Freunde mit dem Rauchen aufhören sollen. Für das Instrumentalisieren der Kinder und das Ausnützen ihrer emotionalen Empfänglichkeit sollten solche Lehrer ein Disziplinarverfahren erhalten.
vetris_molaud 18.06.2019
2.
Wäre eine ideologie-freie Schule nicht erstrebenswerter? Eine Schule, in der Lehrer ihre persönlichen politisch-weltanschaulichen Dogmen nicht ungehemmt den Schülern aufoktroyiert wird? Eine Schule, in der die Schüler nicht im Klassenverband zum allfreitäglichen Schulschwänzen verpflichtet werden? Eine Schule, in der die Lehrer an ihre Pflichten denken, die ihr Beamtenstatus fordert?
fatherted98 18.06.2019
3. meiner Meinung nach....
....lernen Kinder am Besten in dem man sie durch Wissen überzeugt....nicht durch Ideologie. Wenn man ihnen beibringt selbst über Situationen und Gegebenheiten nachzudenken ohne zu großen Einfluss zu nehmen, wirkt sich das viel besser aus als sie mit der eigenen Meinung zu erdrücken....das kann dann mal nach hinten losgehen und das Gegenteil bewirken. Außerdem....Plastik ist kein Höllenstoff. Die Verteufelung von Plastik scheint ein Manie zu werden. Plastikvermeidung und vor allem die Wiederverwertung ist ja gut und schön.....aber gar kein Plastik mehr verwenden?.....scheint wieder so eine extrem-Position zu sein....ähnlich wie die Veganer....als ob Vegetarier nicht ausreicht?...egal....jeder wie er möchte...aber bitte nicht die Kids ideologisieren....und schon gar nicht in der Schule.
dummzeuch 18.06.2019
4. Wasserfilter?
> Von den 5000 Euro Preisgeld wollen wir einen Wasserfilter kaufen, weil die Kinder zum Essen nach wie vor aus Plastikflaschen trinken. < WTF? 1. wozu ein Wasserfilter? Was soll der filtern? 2. "aus Plastikflaschen trinken" heißt wohl gekaufte Wasserflaschen aus dem Supermarkt. Warum? Schon zu meiner Kindheit gab es Trinkflaschen (ja, aus Plastik), die meine Eltern mir jeden Tag neu mit Leitungswasser aufgefüllt mitgegeben haben. Geht das heutzutage nicht mehr?
tedric 18.06.2019
5. Umweltschutz in der Schule
Ich finde das klasse, was die Lehrerin und die Schule da machen. Umweltschutz hat doch nichts mit Ideologie und Kinder instrumentalisieren zu tun. Zum Wasserfilter: Da kommt sauberes Trinkwasser raus, das man dann in Mehrwegflaschen abfüllt. Es geht auch nicht darum, gar kein Plastik mehr zu verwenden, sondern zu vermeiden, wo es unnötig ist und v.a. Einweg auf das absolute Minimum zu reduzieren. Man muss da nicht immer gleich mit Beißreflex reagieren. Wer mal bei einem Markungsputz (jährlich stattfindendes Müllsammeln in der Ortsgemarkung) mitgemacht hat, weiß, wie viel Einwegmüll überall achtlos weggeworfen wird.
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