Selbstversuch eines Teenagers Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift

Im Internet fand Moritz Deutschländer bisher alles, wonach er suchte. Dann, mit 16 Jahren, kauft er sich seine erste Zeitschrift. Ziemlich beeindruckend, findet er. Aber dann schenkt er den Schmöker doch seinen Eltern.
Moritz Deutschländer: "Ein großer Zeitschriftenleser werde ich wohl nie mehr"

Moritz Deutschländer: "Ein großer Zeitschriftenleser werde ich wohl nie mehr"

Foto: Privat

Berlin-Amsterdam, sechseinhalb Stunden Fahrt. Da ich weder einen Laptop (zu schwer) noch ein Handy (in der Reparatur) dabei hatte, ging ich vorher in den Bahnhofskiosk. Ich war noch nie ein eifriger Leser. Internet, Dokus auf YouTube, manchmal auch im Fernsehen, reichen mir völlig.

Zunächst war ich verblüfft über die riesige Auswahl: Hunderte Zeitschriften. Von den allermeisten Titeln hatte ich noch nie gehört. Ich ging zum Politik-Regal. Wie kommt jemand an die Macht? Wie nutzt er sie? Darüber diskutieren meine Freunde und ich sehr oft.

Mir fiel sofort ein Heft auf. Nicht, weil es besonders gut aussah, sondern weil es 10 Euro kosten sollte. Das machte mich neugierig. "GEO Epoche", Schwerpunkt: "Der Kapitalismus". Das Geld hatte ich, meine Mutter hatte gesagt: "Kauf dir was zu lesen für die Fahrt, am besten ein Buch, denn denk daran, du sitzt über sechs Stunden im Zug." Die Zeitschrift schien mir dick wie ein Taschenbuch, nur halt in A4.

"Krasse Zeitschrift entdeckt, willste mal haben?"

Meine Mutter hat nie verstanden, wieso mich Gedrucktes nicht interessiert. Höchstens mal der "Kicker" meines Vaters. Immer wieder brachte sie bunte Hefte mit: "Petterson und Findus", "Geolino", DEIN SPIEGEL, "Yuno", "Neon", selbst mit der "Bravo" hat sie es versucht. Ich habe darin geblättert, auch mal gelesen, überzeugt hat es mich nie. Vielleicht lag es daran, dass meine Eltern dauernd irgendwas lesen, für mich ist das ein Erwachsenending. In meinem Freundeskreis hat jedenfalls nie einer gesagt: "Krasse Zeitschrift entdeckt, willste mal haben?"

Nun also "Der Kapitalismus". Ich beschäftige mich schon eine Weile mit diesem Thema, mich beunruhigt, dass er die absolute Kontrolle über uns hat. Als Schüler spüre ich nicht nur den Leistungsdruck, mich nervt auch der Konsum-, Werbe-, Mode-, Schönheits-, Datenstress. Der Schlachtruf "Alles ist möglich, mach das Beste draus für dich" macht erst einmal nur eins: immerzu ein schlechtes Gewissen.

Einerseits weiß ich natürlich, dass ich ohne Geld von vielen Dingen ausgeschlossen bleibe. Andererseits will ich nicht einfach nur funktionieren und mitmachen. Dieses System ist nicht gerecht: Banken verspekulieren sich, lösen eine internationale Finanzkrise aus und können weitermachen wie vorher. Konzerne plündern ungestraft die Umwelt. Warum findet man zu all dem meist nur Pro und Contra im Internet und nicht in den klassischen Medien, Fernsehen, Radio, Print? Gibt es neben der offenen Herrschaft des Geldes auch eine geheime der Meinungen? Würde ich in einer Zeitschrift mehr erfahren?

"Das finde ich alles im Internet"

"Der Kapitalismus" startet vor rund 700 Jahren. Als der Zug hält, sind wir in Stendal, ich bin mit meiner Lektüre noch bei den Anfängen in Florenz. Die Peruzzi besaßen damals das größte Geldhaus und liehen am Ende auch dem König Geld. Später fragte ich meine Eltern, ob sie die Peruzzi kennen. Schulterzucken. Ich lag vorn. Mein Vater gab sich doch nicht so schnell geschlagen und erklärte, er wisse natürlich, dass die ersten Banken in Italien entstanden seien. Deshalb gebe es ja auch die Begriffe Konto, Skonto, Giro, Agio. So eine einfache Verknüpfung! Warum ist die den "GEO"-Journalisten nicht eingefallen?

Den Rest der Entstehungsgeschichte lese ich nicht zu Ende. Bei aller Liebe, immer nur Museumsbilder und ein extrem detailreicher Endlostext, das werde ich mir eh nicht merken können. Das finde ich alles im Internet, wenn ich es mal brauche, denke ich. Also blättere ich weiter. Ein Text über Karl Marx. "Der Kapitalismus" ist wirklich eine Art Geschichtsbuch: gut geschrieben und so gut wie werbefrei, das ist angenehm. Aber es gibt wenig aktuelle Bezüge. Schade.

Mein Zug fährt gerade in Osnabrück ein. Mehr als die Hälfte ist geschafft, sowohl der Zeitschrift als auch der Strecke nach Amsterdam. Jetzt bin ich bei Rockefeller angelangt, dem wahrscheinlich einflussreichsten Kapitalisten aller Zeiten. Der Text berichtet exakt über John D. Rockefeller und seinen ersten Großkonzern, die sogenannte Bilderberg-Konferenz erwähnt er nicht, dabei hat David Rockefeller, der Enkel von John, diesen informellen Machtzirkel mitgeprägt. Bis heute treffen sich regelmäßig internationale Unternehmer und Politiker, angeblich um viel zu beschließen. 14 Seiten zu Rockefeller, kein Satz dazu. Dabei würde mich das besonders interessieren.

Im Internet wäre ich jetzt wohl weg gewesen, auf anderen Seiten, die mir bieten, was ich suche. Kostenlos. Ich bin es gewohnt, meine Informationen in der endlosen Weite zu suchen, nicht in begrenzten 173 Seiten. Jetzt kann ich nicht weiter klicken, sondern muss mich mit dem zufriedengeben, wofür ich bezahlt habe. Ich habe mehr erwartet, vielleicht zu viel. Ich bin enttäuscht. Die zehn Euro bereue ich zwar nicht, aber im Internet gibt's mehr Für und Wider.

Ein großer Zeitschriftenleser werde ich wohl nie mehr. Ein großer Kapitalist wahrscheinlich auch nicht. Ich schenke meine erste Zeitschrift meinen Eltern.

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