G8 Mehr Schüler wiederholen wegen Turbo-Abi eine Klasse

Führt das verkürzte Gymnasium (G8) zu gestressten Schülern und schlechten Noten? Forscher fanden dafür bisher wenig Anhaltspunkte. Nun zeigt eine neue Untersuchung: Durch das Turbo-Abi drehen mehr Schüler eine Ehrenrunde.

G8, gute Nacht (Archivbild)? Zumindest die Zahl der Klassenwiederholungen ist durch die Reform offenbar gestiegen
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G8, gute Nacht (Archivbild)? Zumindest die Zahl der Klassenwiederholungen ist durch die Reform offenbar gestiegen


Dauernder Lernstress, Unterricht bis weit in den Nachmittag, dann noch Hausaufgaben bis in die Nacht, und am Ende halten die Gymnasiasten zwar müde ein Abi-Zeugnis in der Hand, haben aber ihre Kindheit verpasst: Bei Eltern und Schülern ist die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur immer noch umstritten - mit harten Vorwürfen attackieren sie das sogenannte G8, das Gymnasium mit acht statt bisher neun Jahren bis zur Reifeprüfung.

Erst kürzlich hatte eine Untersuchung von Tübinger Bildungsforschern den G8-Kritikern noch widersprochen: Die Schüler des verkürzten Gymnasiums seien entgegen dem Klischee nicht gestresster als Abiturienten, die das Abitur nach neun Jahren ablegen (G9). Auch auf die Schulleistungen habe sich die Reform nicht nennenswert negativ ausgewirkt.

Eine neue Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bereichert die Debatte nun um einen weiteren Aspekt: G8 hat, so das Ergebnis der Wirtschaftsforscher, zwar nicht zu weniger Abiturienten geführt - allerdings drehen mehr Schüler eine Ehrenrunde.

Die Bildungsökonomen Mathias Huebener und Jan Marcus haben für ihre Studie Daten des Statistischen Bundesamts über G8- und G9-Schüler verglichen. Dabei zeigte sich: Im neunjährigen Gymnasium wiederholten im Schnitt etwa 14,5 Prozent aller Schüler bis zum Abitur eine Klassenstufe. Durch das G8 stieg dieser Wert um 3,1 Prozentpunkte auf 17,8 Prozent aller Schüler. Jungen wiederholen dabei häufiger eine Klasse als Mädchen. (Hier finden Sie die Originalstudie.)

Vor allem in den letzten Schuljahren vor dem Abitur wiederholten mehr Schüler eine Klasse. Das überrascht: Mit der Schulzeitverkürzung hatten viele Bundesländer vor allem in der Mittelstufe das Lernpensum erhöht. Dennoch blieben dort nicht wesentlich mehr Schüler sitzen als vorher.

Bemerkenswert ist auch, dass durch die Schulzeitverkürzung zwar mehr Schüler eine Klasse wiederholen, am Ende aber ähnlich viele das Abitur schaffen wie vor der Reform. Dieses Ergebnis verwundert die Forscher. Die Klassenwiederholungen spiegelten wohl "nicht automatisch eine Überforderung der Schüler" wider, vermuten die Forscher. Möglicherweise bleiben Schüler freiwillig sitzen, um ihren Schnitt zu verbessern.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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bkr



insgesamt 93 Beiträge
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Immanuel_Goldstein 30.04.2015
1.
Es war klar, dass es so kommen musste. Auch die Abbrecherquoten sind bei G8 ja deutlich höher, als bei G9 und zwar nicht weil diese Kinder plötzlich dümmer wären, sondern weil sie einfach mehr Zeit brauchen, um genauso gut zu werden. Das kann man schön daran erkennen, dass in Bayern jetzt die "erweiterte Mittelstufe" eingeführt wurde, man also die Klassen 8-10 nun in 4 Jahren machen kann. An diesem Schulversuch nehmen über 40 Gymnasien teil und in den Städten wollen ca. 50% lieber doch ein G9 machen, auf dem Land sogar bis über 90%. Damit ist letztlich das G8 gestorben.
Studiosus 30.04.2015
2. Lese- und Rechenkompetenz
Nach Adam Riese sind 14,5 % + 3,1 % nicht 21 %. Wer die Originalstudie angeschaut hat, kann dies auch erkennen. Dort wird lediglich unterstrichen, dass die Wiederholungsquote im Vergleich von G9 zu G8 um 21 % gestiegen ist. So, wie der Satz im Artikel steht, ist er schlichtweg falsch. Zum Artikel: damit sind alle Studien, die den Stresspegel der G8 Schüler analysiert haben, de facto verfälscht, sofern der Faktor Wiederholung nicht berücksichtigt wurde
grabenkaempfer 30.04.2015
3.
als ob das nur am G8 liegt wenn in der Grundschule nichts gelehrt und gelernt wird weil Schule ja Spaß machen soll und Noten deshalb nicht vergeben werden muss man das halt am Ende nachholen und da ja jeder aufs Gymnasium geschickt wird, werden jetzt halt jene ohne Eignung aussortiert
agash 30.04.2015
4. So ein blödsinn
"Dauernder Lernstress, Unterricht bis weit in den Nachmittag, dann noch Hausaufgaben bis in die Nacht, und am Ende halten die Gymnasiasten zwar müde ein Abi-Zeugnis in der Hand, haben aber ihre Kindheit verpasst" ...Ich habe in Thüringen Abi gemacht, da gab es ausschließlich G8, wir waren nicht extrem gestresst, Unterricht ging von 8 bis 14:30 Uhr und auch Hausaufgaben mussten nicht bis in die Nacht erledigt werden. Viel Freizeitgestaltung am Nachmittag und Abend war auch noch möglich. Im Gegensatz hab ich mich immer gefragt, warum manche Bundesländer 9 Jahre brauchen, für etwas, dass locker in 8 Jahren machbar ist!?
wokram 30.04.2015
5. 12. Klasse reicht!
Diese Endlosdiskussion kann ich nicht nachvollziehen! Auch wenn die Vergleich mit dem DDR - Schulsystem etwas hinkt, hier gab es nach dem 12. Schuljahr das Abitur mit z. T. nur 2 Jahren Gymnasium ( EOS) und viele sind heute Super - Fachleute. Ich bin der Meinung, heute besuchen zu viele Schüler das Gymnasium, deshalb sind manche aufgrund von Leistungsschwächen überfordert. Früher war das Abitur etwas Besonderes, heute ist es Massenware verkommen, zumal viele Kinder schon nach dem 4. Schuljahr auf das Gymnasium wechseln. Das halte ich für verfrüht.
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