Mein erstes Mal Antje, 18, schreibt das Pannen-Abi

Fehlerhafte Aufgaben sorgen für Aufregung unter Hessens Mathe-Abiturienten. Für Antje Schreiber, 18, kam es noch schlimmer: Bombendrohung, Schule evakuiert - und während die Darmstädter Schülerin ihre Analysis-Klausur schrieb, kreiste ein Hubschrauber über dem Gymnasium.


"Letzten Freitag habe ich an der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt meine zweite Abiturklausur geschrieben, Leistungskurs Mathematik. Das war ein einziges Fiasko. Ich war immer sehr gut in Mathe und Physik. Und ich bin ehrgeizig. Schließlich werde ich bald Angewandte Mechanik studieren. Doch mein angepeilter Abi-Durchschnitt wird nach dieser Klausur wohl ein paar Punkte nach unten rutschen.

Abiturientin Antje, 18: Abi mit Härte-Aufschlag

Abiturientin Antje, 18: Abi mit Härte-Aufschlag

Klar war ich aufgeregt, als ich am Freitagmorgen um 7.45 Uhr mit dem Auto zur Schule fuhr. Als ich die Schule eine halbe Stunde später erreichte, standen schon zwei Mannschaftswagen der Polizei auf dem Schulhof. Eine Bombendrohung, hieß es - die Abitur-Prüflinge dürften allerdings ins Gebäude, wenn sie wollten. Ich blieb noch ein paar Minuten draußen stehen, solange ich Zeit hatte. Dann wurde ich unruhig - ich musste doch mein Abi schreiben - und ging hinein.

In der Schule standen 140 Mathe-Prüflinge auf den Gängen herum, durften aber wegen der Bombendrohung nicht den Klassenraum betreten. Polizisten durchsuchten darin Pulte und Mülleimer. Schon riefen die ersten Mitschüler von draußen an und berichteten, dass sich niemand der Schule bis auf zehn Meter nähern dürfe. Und ich stand mittendrin.

Bombensuche in Papierkörben

Kein Lehrer konnte uns sagen, wie es weitergehen sollte. Die Schulleitung schlug vor, uns vielleicht in einer anderen Schule schreiben zu lassen, das wurde aber wieder verworfen. Dann hieß es, wir sollten an einem anderen Tag nachschreiben. Wir wussten nicht, was los war, wann wir anfangen würden, ob wir überhaupt schreiben würden - es war schrecklich.

Dann schließlich, eine halbe Stunde nach offiziellem Prüfungsbeginn, ging es doch los. Von Konzentration konnte trotzdem kaum die Rede sein. Zwei Stunden lang kreiste noch ein Polizeihubschrauber über der Schule.

Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf die Analysis-Aufgabe zu richten und nicht an etwaige Bomben zu denken. Ich wollte so gern an einen falschen Alarm glauben - doch die Eindrücke von Winnenden waren noch so frisch, dass eine Katastrophe plötzlich auch an der eigenen Schule vorstellbar erschien. Ich konnte nicht verstehen, warum wir nicht in einer der benachbarten Schulen des Schulzentrums schreiben durften.

Meine Klausur kam mir extrem schwierig vor. Selbst die leichteren Fragen zu Beginn waren völlig umständlich formuliert und viel anspruchsvoller als die Mathe-Aufgaben aus den beiden Vorjahren, die ich zur Vorbereitung durchgerechnet hatte. Wie sollen verschiedene Abi-Jahrgänge miteinander verglichen werden, wenn die Aufgaben mal leichter, mal schwieriger gestellt werden?

Ratlose Mitschüler: Und jetzt?

Und dann ging etwa nach einer halben Stunde die Tür auf, die Schuldirektorin erschien. Sie flüsterte der Klausuraufsicht etwas ins Ohr und verkündete dann, die Integralfunktion der Grundkurs-Klausur sei falsch. In Aufgabe 2.2 konnten die Gleichungen überhaupt nicht geometrisch gedeutet werden wie gefordert, völlig unmöglich. Auch eine Leistungskurs-Aufgabe war offenbar fehlerhaft gestellt, doch für uns Leistungskursler hatten die Lehrer zum Glück die Alternativ-Aufgabe ausgesucht.

Meine Mitschüler schauten sich ratlos an: Was nun? Unsere Lehrerin ging hinaus, vermutlich telefonierte sie auf dem Flur mit dem Kultusministerium. Dann kam sie wieder herein und korrigierte die Aufgabe. Ein Stöhnen ging durch den Raum. Alle Grundkursler mussten die Aufgabe noch mal von vorn rechnen.

Jetzt heißt es, die 15.000 betroffenen Schüler in Hessen dürften in einem Monat die Mathe-Klausur nachschreiben. Ein schwacher Trost, denn keiner lernt gern zwischen den mündlichen Prüfungen ein zweites Mal für eine Klausur, die längst vorbei sein sollte.

Nach fünf Stunden verließen wir frustriert das Gebäude, einige von uns haben geweint. Wir haben wohl einfach Pech gehabt mit unserem Abi."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg

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