Mein erstes Mal Apnoetaucher Andreas, 20, hält bei der WM die Luft an

Mit 13 Jahren war Andreas Güldner weltweit der jüngste Freitaucher. Ohne Flasche ging er in den Pool und blieb drei Minuten unter Wasser. Nun ist er 20, jagt Weltrekorde - und taucht in Ägypten 82 Meter in die Tiefe.


"Vor acht Jahren, mit zwölf, war ich ein ziemlicher Rabauke. Ich rauchte, war schlecht in der Schule und hab' sogar geklaut. Mit meinen Freunden war ich den ganzen Sommer im Schwimmbad und stellte dort nur Blödsinn an. Wir ärgerten andere und tollten stundenlang im Pool herum. Dabei konnte ich immer am längsten die Luft anhalten. Diese Fähigkeit und auch meine Stehlerei fielen dann dem Bademeister auf. Er fischte mich förmlich aus dem Wasser, setzte mich vor einen Fernseher und zeigte mir 'Im Rausch der Tiefe' von Luc Besson.

Dieser Film zeigt zwei Apnoetaucher, die sich in den sechziger Jahren einen ehrgeizigen Wettkampf um den Tiefenrekord im Freitauchen lieferten. Das Wort Apnoe bedeutet Atemstillstand. Beim Apnoetauchen geht es daher um Tauchen, so tief oder solange, wie deine Lunge mit einem einzigen Luftholen mitmacht. Während ein Flaschentaucher die Meereswelt entdecken will, entdeckt der Freitaucher sich selbst. In einer Szene des Filmes wird minutenlang kein Ton gesprochen. Die Taucher bereiten sich vor, atmen, und gleiten in die Tiefe. Wunderbar.

Diese Szene hatte in mir etwas bewegt. Und mein Bademeister, er war ein Tauchlehrer aus Ägypten, sagte zu mir: 'Junge, wenn du mit dem Klauen und dem ganzen Mist aufhörst, dann trainiere ich dich.' Drei Monate später fuhr ich zu meinem ersten Wettkampf nach Berlin. Im Streckentauchen schaffte ich auf Anhieb 75 Meter komplett Unterwasser. Beim statischen Zeittauchen - hier bleibt man ganz regungslos dicht unter der Oberfläche - konnte ich 3:03 Minuten die Luft anhalten. Bei diesem Wettkampf stellte sich heraus: Ich war der weltweit jüngste Apnoetaucher. Ich war damals 13.

Zur Weltmeisterschaft in 73 Metern Tiefe

Im Dezember hatte ich nun meine erste Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Im deutschen Team waren wir zu dritt und erreichten den neunten Platz. Ich selbst konnte mich enorm verbessern.

Beim Zeittauchen holte ich 6:14 Minuten aus meiner Lunge. In meiner Paradedisziplin Free Immersion - hier hangelt sich der Taucher ohne Flossen an einem Seil in die Tiefe - komme ich auf ganze 82 Meter. Für die WM in Ägypten zählte allerdings die Disziplin 'Tiefentauchen mit Gewicht und Flosse'. Hier erreichte ich meine Bestmarke von 73 Metern. Im Vorfeld hatte ich 65 Meter angegeben, um ganz sicher zu gehen. Wer seine gewünschte Tiefe nicht schafft, bekommt Punktabzug. Wer beim Versuch ohnmächtig wird, wird disqualifiziert. Das Risiko ist natürlich ein Problem beim Freitauchen, jedoch ein einschätzbares: Als Apnoetaucher lernst du deinen Körper sehr genau kennen. Du weißt, welche Belastung du dir zumuten kannst. In den vergangenen acht Jahren bin ich nur drei oder vier Mal ohnmächtig geworden.

Und ich könnte sowieso nicht auf das Tauchen verzichten. Das Gefühl ist überwältigend. Du gehst runter zum Grund der See. Das Wasser ist hier schon lange nicht mehr blau. Der Himmel mit seinen Wolken ist nur noch eine Erinnerung. Und während du in der Tiefe bist, herrscht befreiende Stille. Alles verschwindet. Der ganze Ärger, all der Schmutz, bleibt an der Oberfläche. Beim Tauchen kann ich eine unbegrenzte Freiheit spüren und den Meerestieren begegnen, wie es sonst kein Mensch kann. Ich gehe mit Delfinen und riesigen, engelsgleichen Mantarochen auf Tuchfühlung.

"Luftpacken" und Trancezustand

Damit ein Tiefentauchgang sicher über die Bühne geht, gehört umfangreiche Vorbereitung dazu. Ich beginne lange vor dem Sprung mit konzentrierter Atmung und pumpe Luft in meine Lunge. Den Tauchgang, auch wenn es nur in die Tiefe geht, muss ich genau im Kopf planen. Dabei falle ich in eine Art Trancezustand. Zum Schluss 'packe' ich Luft. Luftpacken bedeutet, ich kann meinen Kehlkopf als eine Art Verschlussventil benutzen, um mehr Sauerstoff in meinen Körper zu pressen, als meine Lunge eigentlich aufnehmen kann. Diese Technik beherrschen nicht viele Taucher.

Seit einem halben Jahr mache ich eine Ausbildung zum Minentaucher bei der Marine. Ich wollte unbedingt mein Hobby zum Beruf machen. Die Ausbildung ist hart und ich bin viel auf See. Aber es ist genau das, was ich will. Wenn der endlos weite Ozean mich in sich aufnimmt, dann ist das für mich das größte aller Gefühle."

Aufgezeichnet von Marc Röhlig

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