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03. Januar 2008, 13:07 Uhr

Mein erstes Mal

Ariane, 21, quasselt jetzt bei MTV

In ihrer christlichen Privatschule hat sie oft die ganze Klasse unterhalten - sie war der klassische Klassenclown. Der Rektor sagte beim Abitur: Du musst ins Fernsehen. Das fand Ariane Alter dann auch. Und hat ihren Traum wahr gemacht: Die Berlinerin moderiert bei MTV.

"2007 ist mein Vater gestorben. Nach einer kurzen, aber schlimmen Krankheit. Früher wollte er Schauspieler werden, aber sein Vater sagte, er müsse 'etwas Richtiges' machen. Bevor mein Vater krank wurde, hat er einmal zu mir gesagt, dass er jetzt alles daran setzen würde, doch noch Schauspieler zu werden - hätte er zumindest noch ein Jahr. Er arbeitete sein Leben lang als Immobilienmakler. Mein Vater hat mir gezeigt, dass man seinen Traum leben sollte.

Hätte man mich vor drei Jahren nach meinen Berufswunsch gefragt, ich hätte sofort 'VJane' geantwortet. Ich wollte immer genau das werden, was ich jetzt bin: das Mädchen, das im Musikkanal den nächsten Clip ansagt und die Sendung moderiert.

Als Kind dachte ich noch: Schauspielerin - das wäre doch auch etwas. Oder Comedian. Die ganze Schulzeit über war ich so etwas wie der Klassenclown. Für mich ist das ein negativer Ausdruck für eine positive Eigenschaft: Man muss das ja erstmal können - eine ganz Klasse unterhalten.

Rektor an Ariane: Du musst ins Fernsehen

Wirklich viel mit Medien zu tun hatte ich als Kind nicht. Meine Schule war eine evangelische Privatschule, auf der ich gerne war, obwohl ich gar nicht religiös bin. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, gehört zwar zu Berlin, aber eigentlich ist Frohnau eher ein Dorf. Die ganze Atmosphäre dort, an der Schule und im Ort hat mir irgendwie gesagt: Geh studieren! Ich bewarb mich in Berlin an der Universität der Künste.

Dann kam der Tag unserer Abiturzeugnis-Verleihung. Als ich vor dem Rektor stand, sagte er anstelle eines Standardspruches wie 'Viel Glück!' oder 'Alles Gute': 'Die Kollegen und ich sind uns einig – du musst ins Fernsehen.' Und irgendwie dachte ich das ja auch.

Ich habe erstmal ein Praktikum beim Radiosender JAM FM gemacht. Von der evangelischen Privatschule wollte ich mich übers Radio langsam ans Fernsehen rantasten. Währenddessen habe ich mich bei MTV beworben. Von der Universität der Künste bekam ich eine Absage - schade.

Aber jetzt hatte ich ja etwas anderes vor. Ich wollte eigentlich nur drei, vier Minuten Videoaufnahmen von mir bei MTV einschicken. Am Ende war das Band 20 Minuten lang.

Es muss trotzdem irgendwem gefallen haben - ich bekam einen Anruf zum Casting. Als der Hörer wieder auf der Gabel lag, bin ich schon ziemlich ausgeflippt. Was für eine Chance! Ich dachte nicht, dass das wirklich was werden würde. Aber immerhin.

MTV an Ariane: Willkommen an Bord

Kurze Zeit später war ich zu Besuch bei einem Freund in Nürnberg, wir gingen gerade durch die Fußgängerzone, mein Telefon klingelte. Es war eigentlich ein längeres Telefonat, aber ich erinnere mich nur noch an eins: 'Willkommen an Bord.' Der Rest ging im Freudentaumel unter.

Plötzlich stand ich im Scheinwerferlicht. Ich bin echt kein nervöser Mensch, das ist mein Vorteil. Ich sehe das so: Wenn du's gut machst, machst du's gut. Wenn du's verbockst, verbockst du's halt!

Die Sendung war komplizierter, als es mir vom Zuschauen schien: die ganzen Infos, die man locker, kreativ, lustig und konzentriert in einer bestimmten Zeit rüberbringen muss – das ist nicht ganz einfach. Bei der ersten Sendung hab ich in jeder Werbepause gedacht: 'Ich bin 21, und ich bin da, wo ich hinwollte.'

Natürlich habe ich da keine ausgereifte Profi-Moderation hingelegt. Ich war viel zu schnell, ich sollte beim Reden mal ein Punkt und ein Komma machen. Der MTV-Sprachcoach hat mich nach der ersten Sendung trotzdem gelobt, zum Glück. Freunde, die meine Sendungen sehen, sagen, ich sei im Fernsehen wie immer – der Klassenclown eben.

Ariane an alle: Versucht es selbst!

Jetzt arbeite ich regelmäßig als Moderatorin bei MTV, circa drei, vier Mal pro Woche. Nebenher mache ich ein Volontariat in der Redaktion. Die Jobs sind voneinander getrennt, und das Volontariat ist nicht so gut bezahlt wie die Moderationen. Beides zusammen aber macht mich – wenn man mein Alter und die fehlende Ausbildung bedenkt – fast zu einer Großverdienerin.

Meine Kollegen sind alle im sympathischen Sinn verrückt, wir sind sehr locker im Umgang miteinander. Ich kenne hier die meisten vom Sehen, aber nur meine engsten Kollegen mit Namen. Wenn das Volontariat in zwei Jahren vorbei ist, könnte ich theoretisch als freie oder feste Moderatorin bei MTV arbeiten, ganz nach dem Gusto meiner Chefs.

Schauspiel, Moderation, Redaktion - das alles kann ich mir in Zukunft gut vorstellen. Zukunftsängste bleiben trotzdem: Ich habe kein bestimmtes Ziel und bin nicht durch und durch optimistisch. In dieser Branche ist alles sehr schnelllebig. Man kann immer ins Bodenlose fallen. Wer weiß also, vielleicht studiere ich doch noch mal.

Allen, die denken, dass es ein unerreichbares Ziel sei, VJane zu werden, kann ich nur raten: Versucht es! Das schwerste ist, sich und das eigene Umfeld zu überzeugen, dass man es schaffen kann. Aber es geht. Seid mutig!"

Aufgezeichnet von Johannes Boie

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