Mein erstes Mal Armina, 21, begleitet Sterbende

Als sie ihren neuen Arbeitsort zum ersten Mal betrat, war sie vom Stöhnen und Schreien der Menschen geschockt: Armina Arabi, 21, leistete ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sterbehospiz in Jerusalem. Im SchulSPIEGEL erzählt sie von ihrem Umgang mit dem Tod - und einer koketten alten Dame.

Armina Arabi: "Ein ganz besonderer Moment ist das Einwickeln der Leiche"
Amina Arabi

Armina Arabi: "Ein ganz besonderer Moment ist das Einwickeln der Leiche"


"Eigentlich wollte ich mein Freiwilliges Soziales Jahr in Afrika machen, aber da waren alle Plätze schon belegt. 'Warum nicht?', habe ich gedacht, als mir die Organisation vorgeschlagen hat, nach Jerusalem zu gehen, um in einem Sterbehospiz zu arbeiten.

Mein Vater ist Araber, deshalb interessiert mich die politische Situation in Israel sehr. Meine Mutter und meine Freundinnen waren nicht so begeistert, dass ich gerade dort mein Jahr verbringen wollte. Die haben falsche Vorstellungen von Israel - sie denken, dass dort überall Krieg herrscht, aber das stimmt ja so auch nicht.

Gleich in meiner ersten Nacht hat mich eine Schwester durch die Station geführt. Ich war noch ganz müde vom Flug und erst einmal geschockt: Das Stöhnen und die Schreie aus den Zimmern zu hören war schrecklich. 'Was mache ich hier bloß?', habe ich gedacht. 'Willst du mal eine Leiche sehen?', hat mich die Schwester gefragt.

So habe ich den ersten Leichnam in meinem Leben gesehen, er war schon grün und blau angelaufen. Später hat mir dieser Anblick überhaupt nichts mehr ausgemacht, man gewöhnt sich daran. Ein Mitarbeiter im Sterbehospiz hat immer gesagt: 'Vor den toten Menschen musst du keine Angst haben, sondern vor den lebenden.'

Begegnung mit einer koketten alten Dame

Mit mir haben noch 19 andere Freiwillige aus ganz Europa im Sterbehospiz gearbeitet. Unsere Aufgabe war es, die Bewohner in ihren letzten Stunden und Monaten zu begleiten und sie, so gut es geht, in dieser schweren Zeit zu unterstützen und zu pflegen. Insgesamt leben immer so um die 50 Menschen im Hospiz, mal länger, mal kürzer.

Manchmal sind wir einfach mit den Patienten rausgegangen, haben ein bisschen mit ihnen geredet oder ihnen vorgelesen. Es kommt natürlich darauf an, wie fit jemand ist. Mit einer arabischen Nonne sind wir immer in die Altstadt Eis essen gegangen. Sie war dement und schon über 90. Sie hat die ganze Zeit das Ave Maria aufgesagt, mit einer ganz monotonen Stimme, viel mehr hat sich nicht mehr gesagt. Aber die Ausflüge haben ihr immer Spaß gemacht.

Meine Lieblingsbewohnerin war eine polnische Jüdin. Sie war Anfang 60 und hatte Blasenkrebs. Sie hat mir imponiert. Sie hat immer ganz elegante Kleidung angezogen, und wir Freiwillige mussten ihr die Fingernägel lackieren. Mit den männlichen Freiwilligen hat sie geflirtet: Einmal hat ihr ein Freund von mir die Hose ausgezogen, um ihr ein Nachthemd anzuziehen. 'Und was ist mit dir?', hat sie dann zu ihm gesagt. Ganz schön kokett für so eine alte Dame!

Eine Frau umklammerte den Leichnam ihres Mannes

Leider hatte sie auch noch Alzheimer. Mit der Zeit ist sie immer vergesslicher geworden. Das traurige war, dass sie selbst nicht damit klar gekommen ist, dass sie alles vergisst. Das ist typisch für Alzheimer-Patienten, in dieser Anfangsphase wehren sie sich gegen die Krankheit und können nicht akzeptieren, dass ihr Geist sie im Stich lässt. Irgendwann war sie plötzlich tot. Einfach so. Sie saß vor dem Fernseher und ist nicht mehr aufgewacht.

Ein ganz besonderer Moment ist das Einwickeln der Leiche: Vor der Beerdigung müssen wir den toten Körper in weiße Krankenhauslaken einschlagen. Ich mochte diese Arbeit. Erst befreit man den Körper von Schläuchen wie Magensonden oder Kathetern. Erst danach wird er in die weißen Tücher gepackt. Wirklich stramm wird der Leinen aber nicht gezogen, schließlich verpacken wir ja keine Mumien.

Meine Freunde Zuhause haben mich immer gefragt, ob mich die Arbeit in einem Sterbehospiz nicht total belastet. Aber man entwickelt mit der Zeit eine professionelle Distanz zu den Bewohnern, schließlich weiß man vom ersten Moment an, dass sie sterben werden.

Mit Humor das Leid verarbeiten

Sicherlich gibt es Augenblicke, in denen man schlucken muss. Meistens dann, wenn die Angehörigen der Tod des geliebten Menschen sehr mitnimmt. Einmal hat eine Frau ihren Ehemann verloren - sie hat schrecklich geweint und den Leichnam umklammert. Da kamen auch mir die Tränen.

Aber ich war ja nie alleine mit meinen Gedanken - jeden Abend haben wir Freiwilligen zusammengegessen und darüber gesprochen, was am Tag so passiert ist: 'Wie viele Ausscheidungen hattest du heute?', war die Standardfrage. Das heißt, wie viele Tote man heute gesehen hat. Das mag vielleicht makaber klingen, aber diese Art von Humor war wohl unsere Art, das ganze Leid zu verarbeiten.

Eigentlich war die Arbeitsatmosphäre ganz entspannt und nicht traurig, wir haben viel gelacht und gescherzt. Schließlich möchten wir, dass sich die Bewohner wohl fühlen und nicht schon Monate vor ihrem Tod unter einer gedrückten Stimmung leiden. Letztendlich gehören Tod und Krankheit zum Alltag dazu. Während meiner Zeit in Jerusalem sind bestimmt 40 Menschen gestorben.

Was ich in dieser Zeit gelernt habe? Vielleicht, den Tod als einen Teil vom Leben zu akzeptieren."

Aufgezeichnet von Linda Tutmann

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