Mein erstes Mal Chris, 18, bekommt eine Festival-Schlammpackung

Igitt! Nichts als Radau, Dreck und Dosenbier, raunen die Festivalhasser. Chris wollte selbst erleben, wie es beim Southside zugeht. Mit Freunden fuhr er zu seinem ersten Event mit 50.000 Leuten und wurde patschnass. Kaum sind die Klamotten trocken, plant er schon die nächste Open-Air-Party.

Moritz Reck

"Schlamm, Matsch, Dreck - und ich mit meinen nagelneuen Turnschuhen mittendrin. Mit viel Optimismus bin ich auf das dreitägige Southside-Festival in Neuhausen ob Eck gefahren, in der Nähe des Bodensees, voll Vorfreude auf Grillen, Chillen und in der Sonne Bands genießen. Aber Pustekuchen: Mein erstes Festival ist ein Regenfestival und Survival-Training pur.

Während meine Freunde Frank, Karl und Ilona* schon im Auto auf die kommenden Tage anstoßen, dröhne ich mich als Fahrer nur mit lauter Musik zu. Die hält uns sogar bei Laune, als wir kurz vor dem Gelände noch zwei Stunden im Stau stehen. Beim Bändchen-Holen stehen mehrere hundert Leute vor uns an, danach werden wir auch wettertechnisch gleich richtig eingestimmt: Komplett durchweicht suchen wir einen Platz zum Campen.

Unsere Zeltnachbarn haben tollerweise einen Pavillon, darunter richten wir den oberen Teil des Zeltes auf. Obwohl wir früh losgefahren sind, ist es mittlerweile 23 Uhr. Es ist kalt, ich kuschle mich gleich in meinen Schlafsack.

Dann eben barfuß, da bin ich rigoros

Am nächsten Morgen will ich erst mal nicht aufstehen. Viel zu ungemütlich wirkt der Dauerregen - und ich habe nicht mal Gummistiefel dabei. Dann eben barfuß, da bin ich rigoros. Mit den nackten Zehen tief im Schlamm geht es zum Public Viewing. Deutschland verliert zwar das Spiel, dafür ernte ich von anderen Festival-Besuchern Respekt für mein lässiges, aber schutzloses Herumstehen inmitten von Tausenden Leuten mit festem Schuhwerk.

Eine Gruppe schenkt mir sogar ein Bier. Es herrscht eine unglaublich freundschaftliche Atmosphäre, das hätte ich nicht gedacht. Viele sind freakig angezogen, tragen Pinguin-Kostüme oder rennen mit einem Megaphon über den Platz. Wirkliches Kennenlernen wird aber vom Wetter verhindert.

Das Line-Up hat mich von Anfang an überzeugt. Vampire Weekend und Jack Johnson spielen zu meiner Southside-Premiere, abends bei den Donots geht es dann so richtig ab. Da sie im Zelt spielen, ist es komplett voll und die Stimmung grandios.

Überhaupt: Klebeband!

Zebrahead, eine coole Punkband, habe ich leider verpasst: Barfüßig bin ich in eine Scherbe getreten. Bevor sich das mit dem ganzen Dreck entzündet, habe ich die Wunde lieber ausgewaschen und mir dann Gummistiefel gebastelt. Über meinen Socken trage ich jetzt Plastiktüten, damit stecken meine Füße halbwegs geschützt in den Chucks. An den Beinen sind die Tüten mit Klebeband befestigt.

Überhaupt: Klebeband! Das beste Festival-Accessoire überhaupt: Wir machen daraus Halterungen für Küchentuchrollen und Tetra-Packs. Flaschen sind auf dem Festival-Gelände nämlich nicht erlaubt, so kann ich mir mein Getränk ganz praktisch um den Hals hängen.

Zurück auf dem Zeltplatz begrüßen uns rituelle 'Helga!'-Rufe. Das geht auf einen alten Festival-Mythos zurück, den niemand so genau kennt. Lena ist ganz vorn mit dabei und initiiert freudig stets neue Ruf-Wellen, während Dennis, Michi und ich uns ums Essen kümmern. Mit einem kleinen Campingkocher zaubern wir uns im Zelt Tüten-Pasta, während Regentropfen an die Zeltwände prasseln. Auf Dosenravioli haben wir beim gemeinsamen Einkaufen verzichtet. Das war uns dann doch zu viel Klischee.

Bandstress pur: Revolverheld, Phoenix, Dropkick Murpheys, The Prodigy...

An Tag zwo, dem Samstag, gibt es Bier zum Frühstück. Präziser: als Frühstück. Hey, wir sind hier auf einem Festival, es ist versifft, und kaum jemand von uns hat noch trockene Klamotten. Ich trage sowieso nur noch eine Badehose, denn Jeans sind nass so furchtbar unangenehm.

Schon von zwölf Uhr mittags an sind wir bei den Bands. Es ist wirklich mein Highlight-Tag in Sachen Musik. Wir sehen Katzenjammer, Revolverheld und Enter Shikari. Die machen großartigen Metalcore. Dann überzeugt mich Dendemann. Ich bin eigentlich kein HipHop-Fan, aber sein Crossover-mäßiger Rap gefällt mir.

Phoenix sind richtig gut und publikumsnah, der Sänger läuft sogar direkt durch die Menge. Bei Madsen gehen die Leute ab, ich freue mich aber mehr auf die Dropkick Murpheys danach. Auf andere Bands wie die Beatsteaks muss ich leider verzichten - denn wer bei The Prodigy ganz vorne stehen will, muss früh dran sein.

Blöd, dass so viele gute Künstler gleichzeitig spielen, auf drei Bühnen. Lange halte ich es bei The Prodigy nicht direkt vor der Bühne aus, denn von allen Seiten drücken die Leute. Ich bin weder klein noch zimperlich, trotzdem boxe ich mich weiter nach hinten durch, da ist wenigstens Platz zum Springen. Gegen halb drei liege ich durchnässt, aber glücklich im Schlafsack.

Billy Talent: Fantastisch, sagen aber nicht anständig Tschüss

Auf den Sonntagmittag hatten wir uns vor allem wegen AndiOliPhilipp gefreut. Weil sie bei uns aus der Region sind, haben wir sie schon öfter live gesehen. Aber die Securitys sind unorganisiert - ein paar Fans stehen vor der Bühne, wir werden komischerweise erst eine Viertelstunde, bevor der Auftritt endet, reingelassen. Dafür fange ich beinahe den Drumstick!

Nachmittags beginnen wir mit dem Abbau, gehen erst um 18.30 Uhr wieder aufs Gelände und setzen uns auf eine Regenjacke im Dreck. Two Door Cinema Club und Billy Talent sind fantastisch, verabschieden sich aber nicht mal richtig.

Die letzte Band ist um 23.30 Uhr fertig, wir beeilen uns mit der Heimfahrt. Damit wir nicht total versifft zuhause eintreffen, ziehen wir uns im Auto um. Dennis hat keine tragbaren Klamotten mehr und deswegen nur noch Boxershorts an. Drei Stunden nach Mitternacht bin ich daheim. Noch nie habe ich mich so auf eine Dusche gefreut! Ich habe überlebt, das Survival-Camp ist abgeschlossen - und ich freue mich schon aufs Taubertal-Festival im August. Hoffentlich mit weniger Regen."

*Namen gändert

Aufgezeichnet von Fabienne Kinzelmann

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