Mein erstes Mal Daniel, 16, rettet einem Mann das Leben

Erste Hilfe hatte er oft geübt, dann kam der Ernstfall: In einem notgelandeten Segelflugzeug sitzt ein zusammengesunkener Mann, Daniel Fechtrup und ein Freund ziehen ihn raus und beatmen ihn. Danach legt der Retter sich erst mal in die Sonne und hört Falco.

Herzmassage: In der nachgestellten Szene können der Infarktpatient (r.) und Daniel lachen
Universitätsklinikum Münster

Herzmassage: In der nachgestellten Szene können der Infarktpatient (r.) und Daniel lachen


"Später haben Freunde auf meine Facebook-Pinnwand geschrieben: 'Du bist ein wahrer Held.' Klar, bin ich ein bisschen stolz, aber ein Held bin ich nicht, finde ich.

An einem Samstag im Mai war ich mal wieder auf dem Segelflughafen in Münster-Osnabrück, weil ich gerade meinen Flugschein mache. Meine Kollegen aus der Jugendgruppe und ich bereiteten uns auf den Abflug vor, als eine Maschine notlandete. Der Pilot stieg aus und rief um Hilfe. Ich rannte los.

Auf dem zweiten Sitz im Flugzeug saß ein bewusstloser Mann. Mir war sofort klar: Da ist was gewaltig schiefgelaufen. Inzwischen standen so um die zehn Leute am Flugzeug. Viele Flugschüler, aber auch einige Erwachsene. Zu sechst holten wir den Mann aus dem engen Flugzeug und legten ihn auf die Wiese.

Mich überraschte selbst, dass ich in der Situation einen klaren Kopf hatte. Den habe ich während einer Mathearbeit nicht. Ich wusste genau, was ich zu tun habe - schließlich nimmt meine Schule seit 2006 an einem Programm teil, bei dem wir mehrmals jährlich Erste-Hilfe-Kurse besuchen müssen. Außerdem half mir ein anderer Flugschüler: Oliver engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr und kennt sich mit Erster Hilfe sehr gut aus.

Danach fühlte ich mich wie nach einer vierstündigen Klausur

Wir suchten den Puls - aber fanden ihn nicht. Hebt und senkt sich der Brustkorb? Nein. Dann kniffen wir ihm in die Nase, um zu sehen ob er auf Schmerzen reagiert. Danach fing ich mit der Herz-Druck-Massage an und beatmete ihn. Später übernahm Oliver die Massage und ich die Mund-Zu-Mund-Beatmung.

Keiner der Erwachsenen sagte: Jetzt lasst uns mal ran. Einige boten uns zwar ihre Hilfe an, aber viele wussten wohl nicht, was sie machen sollten - obwohl vermutlich alle einen Führerschein hatten. Wahrscheinlich hatten sie einfach Angst.

Ich schätze, es dauerte zehn Minuten bis der Notarzt kam, vielleicht aber auch länger, mein Zeitgefühl war in dieser Situation nicht besonders gut. Danach fühlte ich mich ein bisschen wie nach einer vierstündigen Klausur: Kein schlimmes Gefühl, aber ich wollte trotzdem erst mal entspannen. Ich legte mich in die Sonne und hörte mein damaliges Lieblingslied: "Vienna Calling" von Falco.

Mit der Situation bin ich relativ locker umgegangen, anderen fiel es schwerer. Wir setzten uns mit der Segelfluggruppe an einen Tisch und redeten darüber. Einer sagte: 'Ich schaffe es morgen nicht, in die Schule zu gehen.' Vielen war gar nicht bewusst, wie wichtig die Wiederbelebung ist, und wie schnell das Gehirn anfängt abzusterben.

Mein Opa starb an einem Herzstillstand

An dem Tag holte mich mein Vater wie geplant vom Flughafen ab. Dann erst erzählte ich ihm, was passiert ist. Wer weiß, wenn sie es vorher gewusst hätten, hätten sie mich womöglich sofort abgeholt. Und ich wollte an dem Tag unbedingt noch fliegen.

Abends erkundigte ich mich bei den Fliegerkameraden, wie es dem Mann geht. Ich wusste nur, dass im Flugzeug sein Herz stehengeblieben ist, und er jetzt im Koma liegt. Erst zwei Monate später erfuhr ich, dass es ihm wieder richtig gutgeht - ohne bleibende Schäden. Nur Telefonnummern könne er sich nicht mehr gut merken, sagte er.

Ich habe versucht, es nicht so nah an mich rankommen lassen. Mein Vater hat eine Zeit lang als Notarzt gearbeitet und sagte immer: Wenn man sich zu sehr für einzelne Schicksale interessiert, wird man verrückt. Trotzdem musste ich auch an meinen Opa denken, der im vergangenen Jahr an einem Herzstillstand gestorben ist. Er wollte nicht reanimiert werden, das hat er oft gesagt. Er hatte Angst, mit einem schweren Gehirnschaden im Krankenhaus zu liegen und das Leben nicht mehr genießen zu können.

Vor etwa einer Woche habe ich den Mann zum ersten Mal wieder gesehen. Er und seine Frau haben mir von der Hochzeit ihrer Tochter erzählt und dass sie bald Großeltern werden. Ohne Oliver und mich hätte er das nicht erlebt. Sie haben so eine große Dankbarkeit ausgestrahlt, das war ein schönes Geschenk."

Aufgezeichnet von Frauke Lüpke-Narberhaus



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mixedup11 31.10.2011
1. ...
Gratulation an den jungen Mann - gut gemacht. Es zeigt auch, dass gerade Leute die ihren Erste Hilfe Kurs erst vor kurzem hatten beherzter eingreifen, da sie wissen was zu tun ist. Wir sollten alle freiwillig alle ein zwei Jahre zu einem Auffrischungskurs gehen oder uns ab und an im Internet noch einmal über die wichtigsten Grundlagen der ersten Hilfe informieren. http://www.drk.de/angebote/erste-hilfe-und-rettung/erste-hilfe-online.html
Emil Peisker 31.10.2011
2. Erste Hilfe als Teil der Allgemeinbildung
Zitat von sysopErste Hilfe hatte*er oft geübt, dann kam der Ernstfall: In einem notgelandeten Segelflugzeug sitzt ein zusammengesunkener Mann, Daniel Fechtrup und ein Freund ziehen ihn raus und beatmen ihn. Danach legt der Retter sich erstmal in die Sonne und hört Falco. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,793654,00.html
Danke für diese Anregung. Junge Menschen sollten die Erste Hilfe als Teil der Allgemeinbildung durch die Schule erlernen und später Auffrischungskurse dazu nutzen, immer auf der Höhe der Zeit zu bleiben.
adam68161 31.10.2011
3. Junger Mann!:
Respekt !!
Dr. Zook 31.10.2011
4. Gut gemacht
langjährig im Rettungsdienst tätig kann ich die Darstellung von Daniel nur bestätigen, die meisten wissen nicht was sie tun sollen, haben Angst und beschränken ihre Hilfeleistung auf den Notruf und stehen anschliessend rum bis der Notarzt kommt. Dadurch wird wertvolle Zeit verloren, im Falle eines Herz-Kreislauf-Stillstandes, tödliche!!
Iwanov 31.10.2011
5. ...
Gut gemacht! Je früher man mit CPR beginnt desto besser. Ich kenne genügend Leute, die sich das nicht trauen würden... allein schon Mund-zu-Mund-Beatmung... Dass es dafür Tücher gibt oder man auch ein Taschentuch verwenden kann, ist für solche Menschen kein Argument. Dickes Lob an Daniel!
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