Mein erstes Mal Denise, 16, bekommt ein Kind

Als sie schwanger wurde, war Denise 16 Jahre alt. Das folgende Jahr glich einer Achterbahnfahrt: Ihr Freund verließ sie, Joel kam zur Welt, Denise bezog die erste eigene Wohnung. Warum sie dort nächtelang Panik schob, erzählt sie im SchulSPIEGEL.

Michael Godehardt

"Meine Frauenärztin sagte: 'Herzlichen Glückwunsch: Sie sind in der siebten Woche schwanger!' Ihre Worte waren ein Riesenschock. Ich bekam ganz dolles Bauchkribbeln. So früh wollte ich nicht Mutter werden! Ich war 16, eigentlich war ich zu meiner Frauenärztin gegangen, um die Pille höher dosieren zu lassen - und jetzt diese Diagnose.

Als ich aus der Praxis ging, fühlte ich mich zerrissen: Die eine Hälfte weinte, die andere Hälfte lachte. Wie sollte ich das meinem Freund nur beibringen? Was wird Mama sagen? Die Gedanken fuhren Achterbahn in meinem Kopf. Ich fuhr zu meinem gleichaltrigen Freund Normen, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre zusammen war. Ich hatte Angst, er würde mich verlassen. Und was, wenn er forderte, ich solle abtreiben?

Bei Normen verdrückte ich mich mit meinem Handy in ein Zimmer. Ich wollte es meiner Mutter zuerst sagen. Doch gerade in dem Augenblick, als ich sagte, 'Mama, ich bin schwanger', kam Normen ins Zimmer. 'Das ist nicht dein Ernst', murmelte er und schüttelte den Kopf, 'das glaube ich dir nicht'. Ich habe ihm das Ultraschallbild gezeigt, das ich von der Ärztin mitnehmen durfte. Er bekam Angst, rief 'Vielleicht ist das Kind gar nicht von mir'. Und hat sich sofort entschuldigt.

Der Freund macht Schluss

Meine Mama reagierte gefasst. Es sei noch ziemlich früh, sagt sie, es hätte nicht sein müssen. Aber sie konnte mir keine wirkliche Standpauke halten, sie ist ja selbst früh Mutter geworden. Meinen richtigen Vater kenne ich nicht, er hatte meine Mutter schon verlassen, als ich geboren wurde, ich habe ihn nur einmal auf einem Foto gesehen. Und es sah so aus, als würde sich das Schicksal wiederholen.

Als ich im vierten Monat war, machte Normen mit mir wegen einer anderen Schluss, mit der er dann einen Monat zusammenwar. Danach kam er wieder an. 'Ich will dich, ich will unser Kind', hat er gesagt, und ich habe ihm geglaubt. Doch dann hat er mich erneut alleingelassen. Als ich im achten Monat war, machte er wieder Schluss, wieder wegen einer anderen.

Das war wie tausend Messerstiche ins Herz. Ich fühlte mich ganz klein, diese Zeit war schlimm für mich. In der Schule habe ich mir dumme Sprüche anhören müssen. 'Die Schlampe', haben die anderen gesagt, je dicker mein Bauch wurde. Einmal musste ich mich im Bus nach der Schule übergeben. Zwischen Normen und seiner neuen Freundin war dann auch irgendwann Schluss, er kam auch wieder an, aber diesmal konnte ich ihm nicht verzeihen.

Ich hatte Angst vor der Geburt. Je näher die Geburt kam, desto mehr musste ich darüber nachdenken, wo und wann es passieren würde. Kurz vor der Geburt, an einem Mittwoch um fünf Uhr früh, wurde ich wach, da war eine Pfütze in meinem Bett, meine Fruchtblase war geplatzt. 'Oh scheiße', habe ich gedacht. Meine Mutter setzte mich ins Auto, und wir fuhren zum Krankenhaus in Bochum. Im Auto bekam ich Wehen, ein unendlich tiefes, zähes Ziehen.

Heulend auf der Toilette

Neun Stunden später waren die Schmerzen so schlimm - ich habe nur noch nach der Rückenmarksbetäubung geschrien. Danach war mein Unterleib taub, beim Geburtsakt direkt habe ich keine Schmerzen gehabt, nur dieses unglaubliche Druckgefühl beim Pressen gespürt. Die Wehen kamen alle sieben, sechs, fünf Minuten, jede Minute. Ich schnaufte, guckte, atmete und fühlte, wie nach und nach ein kleiner Körper aus mir glitt. Nach 14 Stunden holte der Arzt meinen Jungen, und auf einmal war da ein kleines, weinendes Wesen im Raum, es war - Wahnsinn! Auf einmal hielt ich meinen Joel im Arm.

Er war ganz weich, ganz warm, ich fühlte mich so stolz. Es war, als würde sich in mir was lösen, als hätte ich viel länger auf ihn gewartet als nur neun Monate. Ich sah ihn an, in mir breitete sich ein Gefühl aus wie flüssiger Honig. Er sah aus wie Normen. Als ich nach dem Krankenhaus zu Hause ankam, erwarteten mich Freunde und Familie, alle wollten den Kleinen sehen. Eigentlich wurde mir da schon alles zu viel. Etwas später habe ich Joel zum ersten Mal im Badezimmer gewickelt, hab seine Beinchen hochgehoben, um eine Windel unter seinen Po zu schieben. Da hat er sich selbst angepinkelt.

Plötzlich war es bei mir vorbei. Ich habe mich auf den Toilettendeckel gesetzt und geheult. Ich dachte, ich schaffe das alles nicht.

Mir war klar, dass ich nicht bei meiner Mama bleiben wollte. Eine eigene Wohnung aber war zu teuer, und in ein Mutter-Kind-Heim mit mehreren Frauen wollte ich nicht. Das Jugendamt Bochum empfahl mir den "Verein für Individuelle Jugendhilfe", der junge Mütter wie mich in eigenen kleinen Wohnungen betreut, die das Jugendamt bezahlt. Normalerweise kommen die Mitarbeiterinnen die ersten drei Lebensmonate des Babys täglich, danach reduzieren sie die Besuche.

"Ich will es besser machen"

Ich aber brauchte noch länger Hilfe. Ich habe ständig Panik geschoben: Was macht er gerade? Was will er gerade? Warum verzieht er jetzt sein Gesichtchen? Warum schreit er jetzt? Warum ist er jetzt so ruhig? - Gedanken wie diese schossen mir durch den Kopf bei jeder Regung oder Nicht-Regung von Joel. Ganz schlimm war die erste Nacht allein mit Joel in der Wohnung. Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Dunkelheit. In dieser Nacht lag ich mit ihm auf der Couch und ließ die ganze Zeit Licht und den Fernseher angeschaltet.

Ein paar Nächte später bekam ich einen tierischen Schreck, rief mitten in der Nacht meine Betreuerin an. 'Joel atmet nicht mehr', weinte ich in den Hörer, ich hatte einfach so eine furchtbare Angst vor plötzlichem Kindstod. Doch es war falscher Alarm. Ich hatte ganz viele Gespräche mit meiner Betreuerin. Und mittlerweile bin ich auch schon viel ruhiger.

Joel ist jetzt 14 Monate alt, ich schlafe in meinem Bett, er in seinem Bettchen, und ich habe nicht mehr so viel Angst. Ich weiß, dass ich anfangs überreagiert habe. Aber es war einfach alles zu viel auf einmal: das erste Kind, die erste eigene Wohnung. Und dann war der Vater ja auch nicht da.

Als Joel acht Monate alt war, habe ich Normen verziehen, seitdem sind wir wieder zusammen. Ich würde niemals sagen, es war ein Fehler, Joel zu bekommen. Das war es absolut nicht! Ob ich anderen in meinem Alter empfehlen würde, so früh Mutter zu werden - nein, empfehlen würde ich das nicht. Empfehlungen sind in diesem Zusammenhang auch unangebracht. Man muss klar haben, dass da nicht nur ein neues Leben in Gestalt eines Babys ist, sondern dass man selbst auch ein neues Leben hat, das komplett anders ist als das alte.

Ich kann mich jetzt nicht mal eben einfach so mit einer Freundin treffen, und am Wochenende weggehen geht gar nicht mehr. Aber ich verzichte gern. Dazu habe ich Joel viel zu lieb. Ich habe schon während der Schwangerschaft ganz viel über Mutter-Sein und Kinder und Erziehung gelesen, und ich lese immer noch sehr viel. Ich will versuchen, alles, was ich an Schlechtem erlebt habe in meiner Familie, besser zu machen in meiner eigenen Familie - ich will das versuchen."

Aufgezeichnet von Almut Steinecke

insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
mmueller60 07.04.2010
1. x
---Zitat--- Meine Mama reagierte gefasst. Es sei noch ziemlich früh, sagt sie, es hätte nicht sein müssen. *Aber sie konnte mir keine wirkliche Standpauke halten, sie ist ja selbst früh Mutter geworden.* Meinen richtigen Vater kenne ich nicht, er hatte meine Mutter schon verlassen, als ich geboren wurde, ich habe ihn nur einmal auf einem Foto gesehen. Und es sah so aus, als würde sich das Schicksal wiederholen. ---Zitatende--- Na sowas ;)
TommIT, 07.04.2010
2. Ist das ne Sensation?
war dieses Jahr mindestens 4-6 mal auf dem Schreibtisch des Kollegen. Dazu aus der FDP dieses: MAn erinnere sich: http://www.welt.de/print-welt/article373315/Liberale_streiten_erbittert_wer_die_Kinder_kriegen_soll.html
DanielaMund, 07.04.2010
3. Dies ist kein Titel...
---Zitat von Aus dem Artikel--- *Mir* war klar, dass ich *nicht* bei meiner Mama bleiben *wollte*. Eine eigene Wohnung aber war zu teuer, und in ein Mutter-Kind-Heim mit mehreren Frauen *wollte ich nicht*. Das Jugendamt Bochum empfahl mir den "Verein für Individuelle Jugendhilfe", der junge Mütter wie mich in eigenen kleinen Wohnungen betreut,* die das Jugendamt bezahlt.* ---Zitatende--- Was hört man von dem Mädchen: "Ich will dies nicht, ich will das nicht - aber ich will, dass jemand anderes für meine Wünsche aufkommt". Warum wollte sie eigentlich nicht bei ihrer Mutter bleiben (die ihr ja in der Schwangerschaft beigestanden hat), die ihr geholfen hätte, sie wäre nachts nicht alleine gewesen... und im Wohnheim wäre ja auch immer jemand um sie rum gewesen.
mmueller60 07.04.2010
4. x
Problematisch ist halt, daß sich Kinder dieser Schicht tatsächlich verbessern (von der Lebensplanung her) mit so einer Schwangerschaft. Die Opportunitätskosten dieser Schwangerschaft sind gering, was wäre denn sonst ihr Lebensweg gewesen?
testthewest 07.04.2010
5. Staatsgeld
Zitat von DanielaMundWas hört man von dem Mädchen: "Ich will dies nicht, ich will das nicht - aber ich will, dass jemand anderes für meine Wünsche aufkommt". Warum wollte sie eigentlich nicht bei ihrer Mutter bleiben (die ihr ja in der Schwangerschaft beigestanden hat), die ihr geholfen hätte, sie wäre nachts nicht alleine gewesen... und im Wohnheim wäre ja auch immer jemand um sie rum gewesen.
Es gibt unterschiedliche Arten Staatsgeld zu verschwenden, doch eine junge Mutter, die immerhin alles tun will, um ihrem Kind eine ordentliche Kindheit zu bieten, ist meines Erachtens die sympatischste. Wenn man an sozialen Dingen sparen muss, dann wie wärs mit Hartz4, Rente oder Krankenkasse. Diese helfen oft nur Taugenichtsen, Alten und chronisch Kranken. Also Leuten, die für die Gesellschaft eine Bürde sind.
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