Mein erstes Mal Dennis, 20, wird militanter Tierbefreier

Als Veganer störte sich Schüler Dennis, 20, schon länger an Massentierhaltung. Nun will er mit einer Gruppe militanter Tierbefreier gegen das Leid von Legehennen ankämpfen: Dennis bricht in Hühnerfarmen ein, klaut Hennen aus Käfigen und verschenkt sie an Bauern.


"Mitten in der Nacht standen wir auf einem Feld vor einer Hühnerfarm in Nordrhein-Westfalen. Zuerst studierten wir den Grundriss der Anlage, damit wir wussten, wo die Fluchtwege sind. Mit Taschenlampen suchten wir uns den Weg zu den Hintertüren des langen, flachen Gebäudes. Eine Tür zum Stall war nicht verschlossen. Einer aus unserer Gruppe wartete vor dem Haus, wir anderen vier gingen leise durch die Holztür in den Raum mit den Legebatterien.

Ich interessiere mich schon lange für die Massentierhaltung. Im Fernsehen habe ich schon öfter Filme und Reportagen über Tierquälerei gesehen. Seit einiger Zeit gehe ich nun in Essen zum Treffen der Tierbefreier. Einmal im Monat treffen wir uns, um legale Aktionen wie Demonstrationen zu organisieren. Dort habe ich auch ein Mädchen kennengelernt, das von nächtlichen Einbrüchen wie in Hühnerfarmen erzählte - die "Direkten Aktionen".

Sie hatte eine eigene Tierbefreiergruppe auf die Beine gestellt: Schüler, Studenten, ein Kameramann und ein Installateur. Gemeinsam holen sie Hühner aus Legebatterien, zehn oder 15 Tiere in einer Nacht, das fällt den Bauern bei über 1000 Hennen im Stall nicht auf. Danach sucht die Gruppe einen Platz für die Hühner, wo sie nach der Befreiung weiterleben können. Mir war sofort klar: Ich wollte mitmachen.

Eines nachts war es soweit. Bestialischer Gestank von Hühnerkacke und lautes Gegacker schlug mir in dem Stall entgegen. Es roch beißend nach Urin, es war ziemlich warm in dem großen Raum und schlecht gelüftet. Zuerst sah ich die vier schmalen Gänge. Rechts und links von ihnen ragten Legebatterien in die Höhe. In Metallkäfigen mit ganz dünnen Gitterstäben sind jeweils vier bis sieben Hennen eingesperrt. Gesetzlich sind höchstens vier Hühner pro Batterie erlaubt, doch daran halten sich die Bauern nicht immer. Vor den Käfigen läuft die ganze Zeit ein Förderband mit Futter, der Kot von den Hühnern fällt einfach durch die Gitterstäbe nach unten in den nächsten Käfig. Die Hühner ganz unten in den Batterien kriegen alles ab.

Tote Hennen im Käfig

Nach ein paar Minuten hatte ich mich an den Geruch und das Gezeter der Hühner einigermaßen gewöhnt. Das Licht brennt in diesen Anlagen auch nachts, damit die Hühner zu jeder Tageszeit Eier legen. Die Tiere taten mir schrecklich leid. Einige lagen tot getrampelt in den Käfigen, weil die Hennen darin zu wenig Platz haben. Sie behacken sich gegenseitig und rupfen sich die Federn vom Körper, viele hatten Wunden oder Entzündungen an den Augen. Ich war schockiert. Vorher hatte ich mir nicht vorstellen können, wie schlecht es eigentlich den Hühnern in einer deutschen Legebatterie geht.

Seit anderthalb Jahren lebe ich vegan und esse keine Eier mehr, mein letztes Hühnchen habe ich vor über zwei Jahren gegessen. Mein großer Traum wäre, dass alle Menschen Veganer würden, damit diese Tierquälerei beendet wird. Leider ist das utopisch. Aber zumindest beim Einkaufen kann jeder etwas ändern. Wenn es unbedingt Eier sein müssen, können es auch Bioeier aus Bodenhaltung sein.

Im Stall fotografierten und filmten wir die Legebatterien, nahmen aus den überfülltesten Käfigen einige Hühner heraus und brachten sie in Plastikkästen nach draußen. Nach einer halben Stunde waren wir wieder raus aus dem Stall und haben in derselben Nacht die zerrupften Tiere zu einem Gnadenhof gebracht.

Hätte der Bauer von unserem Besuch etwas mitbekommen, hätte uns unser Wachposten über Funk verständigt. Angst davor, erwischt zu werden, hatte ich eigentlich nicht. Die Tierbefreier hatten mich mit der Info beruhigt, dass in Deutschland Tiere als Sachen gelten und ein Huhn nur einige Euro wert sei. Bei einer Anzeige wegen Diebstahls müsse ich deshalb nicht mit einer schlimmen Strafe rechnen.

Für uns ist es wichtig, dass wir die Qualen der Tiere nicht noch verschlimmern. Während der "Direkten Aktionen" tragen wir oft weiße Schutzanzüge, um die Hühner nicht mit Bakterien oder Krankheiten von draußen noch mehr zu schädigen. Einmal war es ein wenig heikel, als ein Huhn ausgerissen war - wir mussten es im Stall wieder einfangen. Insgesamt finde ich die Befreiungsaktionen sehr sinnvoll und werde auch nach dem Abitur, wenn ich Wirtschaft oder Politik studiere, weitermachen mit den Tierbefreiungen."

Protokoll: Christian Fuchs



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.