Mein erstes Mal Dominic, 19, lässt sich piercen

"Hast du 'ne Kollekte für Verdreckte?" Die Sprüche von Punks verstärkten bei Dominic den Wunsch nach einem Piercing. Seine Eltern waren entsetzt. Doch kaum war er volljährig, ging der Chemiestudent in ein Bochumer Piercing-Studio - und verließ es mit einer Körperverletzung mehr.


"Mit 17 habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, mich im Gesicht piercen zu lassen, einen Ring durch die Unterlippe fand ich gut. Ich hab meine Eltern um Erlaubnis gefragt, doch leider sind sie ziemlich leicht zu erschrecken.

Dominic: Es gibt für alles ein erstes Mal - auch für den gewollten Schmerz
Robert Hoernig

Dominic: Es gibt für alles ein erstes Mal - auch für den gewollten Schmerz

Meine Eltern sind Lehrer. Schüler, die Lippen-Piercings haben, spielen im Unterricht oft mit der Zunge am Ring in der Lippe herum. Das stört meine Eltern sehr. Sie haben tausend Gründe gefunden, warum ein Piercing ungesund ist. Wir verstehen uns sonst gut, also habe ich das Thema wieder gelassen.

Damals war ich noch mit einer Freundin zusammen, die eine klare Abneigung gegen Piercings hatte. Sie lief total normal rum, stand auf Charts, während ich am liebsten Punk hörte. Auch darauf konnte sie nicht, dabei fühlte ich mich vom Punk magisch angezogen – ein Piercing wäre für mich ein Schritt hin zum Punk gewesen!

Einmal gingen wir spazieren, da trafen wir zwei Punks. 'Hast du 'ne Kollekte für Verdreckte?', fragte mich der eine, und der andere, ein Typ mit Wollmütze, erbat 'für den Herrn mit der Mütze eine finanzielle Stütze'. Ich fand die Sprüche voll kreativ, aber sie wollte schnell weitergehen. Da hab ich die Idee mit dem Piercen verworfen.

Der Vater wird wütend

Ein Jahr später wurde der Wunsch aber wieder stärker. Ich hatte so eine Sehnsucht nach Freiheit. Und ich wollte Aufmerksamkeit erregen. Nicht, um jemanden zu ärgern. Ich wollte was haben, das mich ein bisschen anders macht, um irgendwie näher bei mir zu sein. Zu der Zeit lernte ich meine heutige Freundin Tamara, 17, kennen. Sie bestärkte mich, das Piercen durchzuziehen.

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Robert Hörnig

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Weil ich mittlerweile volljährig war, brauchte ich meine Eltern nicht mehr zu fragen. Um sie aber nicht zu schockieren, habe ich das Thema beim Abendbrot angesprochen. Diesmal ist mein Vater sauer geworden. 'Das hatten wir schon, Dominic', sagte er, 'nachher trägst du einen Folgeschaden davon!' Doch ich wusste, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man in ein gutes Piercing-Studio geht, das ganz sauber und steril arbeitet und alle Vorschriften beachtet.

Tamara und ich sind gleich los zu einem Piercing-Studio in meiner Heimatstadt Bochum. Auf dem Weg dorthin habe ich Tamara fast die Hand zerquetscht, mir war ganz flau im Magen. Im Studio unterschrieb ich meine persönliche 'Einwilligungserklärung' für eine freiwillige, bewusst gewollte 'Körperverletzung'. Der Piercer führte mit mir ein Aufklärungsgespräch über Risiken, Blutungen oder mögliche nachfolgende Entzündungen. Danach bin ich mit ihm in einen separaten Raum.

Klemme, Schere, Nadel

Jetzt konnte ich Tamara nicht mehr die Hand zerquetschen. Ich saß allein da, Tamara schien Lichtjahre weit weg, obwohl sie nur im Vorraum wartete. Ich sah stumm zu, wie der Piercer sich Handschuhe aus Latex überstreifte. Wie er an das Innere meiner Unterlippe ein Desinfektionsmittel tupfte, wie er meine Lippe und mein Kinn von außen mit einem zweiten Desinfektionsmittel besprühte. Er breitete eine sterile Unterlage auf ein Tischchen, ohne die Oberseite zu berühren.

Vorsichtig und geübt zugleich kickte er alle Geräte, die er brauchte aus den einzelnen Folienverpackungen auf die Unterlage: sterile Klemme, Schere und Braunüle mit einer Nadel, ein steriler Zahnstocher und ein Fläschchen mit einem medizinischen Farbstoff. Dazu legte er den Piercing-Schmuck, ein kleines Stäbchen aus Titan. Die Etiketten der Folienverpackungen nahm er in eine Liste auf, die verzeichnet, wann die Geräte im studioeigenen Sterilisator gereinigt wurden.

Wie der Piercer alles so schweigend vorbereitete, hatte ich das Gefühl, ich schaue einem Arzt dabei zu, wie er meine OP vorbereitet. 'Gleich wirst du geschlachtet', schoss es mir durch den Kopf, ich wischte meine Hände am Hosenbein ab. Der Piercer nahm den Zahnstocher, tauchte ihn in den medizinischen Farbstoff, malte einen kleinen Punkt außen an die Unterlippe, um die Stelle zu markieren, die er gleich durchbohren will.

Und dann ging’s los.

Er zog meine Unterlippe mit der Stahlklemme schräg nach oben. Ich schloss meine Augen. Die Nadel mit der Braunüle war zum Teil von einem Schlauch aus hauchdünnem Teflon umgeben, ihre Spitze guckte vorne aus dem Schlauch heraus. Ich merkte durch einen leichten Luftzug, wie sich die Nadel zwischen den Fingern des Piercers meinem Gesicht näherte. Mein Herz raste. Ich spannte meinen gesamten Körper an und atmete flach.

Dann spürte ich einen ruckartigen Pieks in meine Haut, die Nadel fluppte ins Lippenfleisch wie durch weiche Butter in meinen Mund. Der Schmerz war extrem kurz, wie bei einer Impfung! Der Piercer schob die Nadel im Teflon-Schlauch durch meine Unterlippe bis in meinen Mund und zog nur die Nadel durch den Schlauch zurück heraus, so dass der Teflonschlauch leer in meiner Unterlippe verblieb. Statt der Nadel schob er ein Schmuck-Stäbchen aus Titan von innen durch die Öffnung und zog den Schlauch schließlich wieder heraus. Jetzt saß das Stäbchen direkt in der Wunde, im Loch meiner Lippe.

Es hat nicht wehgetan, war aber seltsam, wie der Teflonschlauch so durch meine Unterlippe glitt. 'Da wandert was durch deinen Körper, das nicht zu deinem Körper gehört’, hab ich gedacht. An das Ende, das aus meiner Unterlippe herausragte, schraubte er ein kleines Kügelchen. 'Da hinten hängt ein Spiegel', sagte er. Ich stand mit zitternden Knien auf und sah mich und konnte es nicht glauben.

Ring mit Stacheldraht

Auf der Straße hatte ich das irre Gefühl, alle gucken mich an und bleiben eine Sekunde länger an mir haften, weil da optisch etwas irritiert. Der Piercer hatte mir ein Wunddesinfektionsmittel mitgegeben, damit habe ich das Loch an der Lippe zwei- bis dreimal täglich eingesprüht und mit einem Wattstäbchen abgetupft. In den ersten Wochen kam hin und wieder etwas Wundflüssigkeit aus der Lippe, ich hab immer so eine gelbliche Kruste mit dem Wattestäbchen abgezogen.

Nach zwei Monaten durfte ich den Schmuck wechseln, ich habe mich für einen Ring mit einem Stacheldraht-Element entschieden. Beim Abbeißen oder Kauen stört es nicht. Ich meine, klar: Am Anfang hat man schon die ganze Zeit das Gefühl, man hätte einen Bonbon im Mund, und man konzentriert sich drauf wie früher auf eine Zahnlücke, wenn ein Milchzahn ausgefallen war – man kommt immer dran.

Aber man gewöhnt sich auch dran. Und ich hab einen neuen Zeitvertreib: Wenn ich nachdenke, spiele ich mit der Zunge am Ring in der Lippe herum. Das entspannt."

Aufgezeichnet von Almut Steinecke

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