Mein erstes Mal Einmal Nationalspielerin und zurück

Annika, 14, ist begeisterte Fußballerin beim 1. FC Willy Wacker in Mainz - und so gut, dass die Nationalmannschaft sie haben wollte. Sie bekam Post von DFB, spielte beim ersten Lehrgang stark, alles lief super. Doch dann verlor Annika die Nerven.


"Fußball begeistert mich, seit ich ein kleines Mädchen war. Erst als Fan, ich habe Bayern München und Mainz 05 die Daumen gehalten. Selbst angefangen zu spielen habe ich, weil ich früher immer nur mit Jungs unterwegs war. Als die in den Verein gegangen sind, bin ich mitgegangen. Wir haben ja auch auf dem Pausenhof zusammen gekickt.

Als Fußballerin wirst du ständig mit Vorurteilen konfrontiert: Wieso ich mich für eine Jungs-Sportart begeistere, fragen manche. Wieso bitteschön 'Jungs-Sportart'? Vielleicht kommt es daher, dass der Deutsche Fußball-Bund Frauenfußball tatsächlich einmal verboten hatte. Einige Männer glauben wohl, da müsse etwas dran gewesen sein. Was für ein Quatsch!

Frauenfußball wird immer noch benachteiligt. Wir können nur davon träumen, dass Bundesligaspiele im Fernsehen übertragen werden. Wenigstens jetzt zur WM in China ist das ein wenig anders. Das Eröffnungsspiel der deutschen Damen gegen Argentinien habe ich natürlich geguckt. Die Mädels haben 11:0 gewonnen – das müssen die Männer ihnen erst einmal nachmachen. So kann es weitergehen.

Lieber mit Jungs kicken - die Mädchen waren zu langsam

Ich selbst spiele seit neun Jahren beim 1. FC Willy Wacker in Mainz-Hechtsheim. Meist trainiere ich in einem Team mit den Jungs - auf Dauer war das Tempo im Mädchenteam für mich leider zu niedrig. Die meisten dort haben gerade erst mit dem Fußballspielen angefangen.

Aber auch mit den Mädchen spiele ich gern, nur so kann ich an Turnieren teilnehmen. Ab der nächsten Saison bin ich zu alt, dann darf ich gar nicht mehr bei den Jungs mitspielen. Darum habe ich jetzt zusätzlich beim TUS Wörrstadt angefangen, auch bei den Mädchen. Da rollt der Ball ein wenig schneller.

Ich spiele außerdem in der Südwestauswahl. Bei einem Turnier im letzten Herbst habe ich in einem Match gegen das Saarland drei Tore geschossen. Ich glaube, auch ansonsten war meine Leistung ganz passabel.

Kurz nach dem Turnier lag ein Umschlag vom DFB im Briefkasten, ich war völlig überrascht: Eine Einladung zum nächsten Lehrgang der U15-Nationalmannschaft! Schon in einer Woche sollte es losgehen, in Leipzig. Ich rief sofort meine Trainerin an, um ihr davon zu erzählen.

Heute weiß ich, dass mich die Betreuerin unserer Gegner aus dem Saarland beim DFB vorgeschlagen hatte. Die, denen ich drei Tore ins Netz gelegt hatte.

Starker Start mit guter Laune und ohne Angst

Klar – ich freute mich unheimlich, aber ehrlich gesagt hatte ich auch Schiss. Ich wusste ja gar nicht, wie ich mich darauf vorbereiten sollte, was mich erwartete und wie die anderen Mädchen mich aufnehmen würden. Meine Trainerin gab mir noch ein paar Tipps, eine Woche später war ich schon in Leipzig.

30 Mädchen liefen da herum. Die anderen haben mich super aufgenommen. Ich hatte großen Spaß, gute Laune, meine Angst war wie verflogen, der Kopf frei. Und ich habe auch richtig gut gespielt. Mich hat die Stimmung beflügelt, ich glaube, ich habe in Leipzig eine richtig gute Leistung gezeigt.

Ich bin direkt zum nächsten Lehrgang eingeladen worden, sollte beim U-18-Länderpokal im Frühjahr mitspielen, da hat die U15-Juniorinnen-Nationalmannschaft mitgekickt. Und ich war jetzt offensichtlich dabei, im Team.

Viel spannender als Lehrgang und Pokal war aber die Aussicht, danach bei einem oder zwei Länderspielen auf dem Platz zu stehen. Es war klar: Wer im Lehrgang und beim Pokalspiel gute Leistungen zeigt, steht danach gegen England auf dem Platz. Und wer eher nebenher läuft, muss zu Hause bleiben.

Reine Kopfsache - den Flieger nach England verpasst

Ich weiß nicht genau warum, aber bei mir ist auf einmal der Kopf angegangen – ich habe mir tausend Gedanken gemacht. Plötzlich fühlte ich einen unheimlichen Druck. Mir ging durch den Kopf, was für eine Verantwortung ich durch meine Berufung übernehme. Auch meine Vorbildfunktion als Spielerin der Nationalmannschaft hat mich total beschäftigt.

Ich war plötzlich gar nicht mehr richtig 'auf dem Platz'. Meine Leistungen sackten entsprechend ab. Den Lehrgang und den Pokal habe ich ganz schön versaut. Und der Flieger nach England ging ohne mich. Klar war ich zuerst enttäuscht, aber es hat mich nicht tief getroffen.

Die ganze Sache ging so schnell, meine Berufung, die Lehrgänge, dann der Pokal – ich hatte alles noch gar nicht richtig verarbeitet. Anfangs habe ich mir noch diese Gedanken gemacht: Wie hätte ich gespielt, wenn ich cool geblieben wäre? Wäre ich dann mit nach England gefahren? Aber ich konnte es schnell hinter mir lassen.

Ich schaue nicht groß zurück und jammere. Es ja doch nicht zu ändern. Viel wichtiger ist mir das, was vor mir liegt: Ende September spiele ich mit meiner Südwestauswahl im Ligapokal in Duisburg. Ich werde wieder alles geben - um mich für die kommenden Lehrgänge der U17-Juniorinnen-Nationalmannschaft zu empfehlen. Ich will wieder zum Nationalteam. Und wer weiß, vielleicht spiele ja ich in ein paar Jahren bei der WM."

Aufgezeichnet von Mara Braun

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