Mein erstes Mal Esra, 19, wird von Angela Merkel eingebürgert

Sich von ihrem türkischen Pass zu trennen, fiel der Berlinerin Esra Ünal, 19, gar nicht schwer. Doch wegen der neuen deutschen Urkunde meldete sich nicht der Bürgermeister, sondern das Kanzleramt. Esra traf die Bundeskanzlerin - und wurde von Journalisten bestürmt.


"Schon vor zwei Jahren habe ich mich entschlossen, meinen türkischen Pass abzugeben und Deutsche zu werden. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer: Ein deutscher Pass bringt mir einfach mehr Vorteile. Bei Reisen muss ich jetzt kein Visum mehr beantragen. Und ich darf wählen gehen.

Meine Eltern haben meine Idee von Anfang an unterstützt. Auch meine Freunde fanden diese Entscheidung richtig, schließlich sind viele von ihnen ebenfalls schon eingebürgert worden.

Wehmütig darüber, die türkische Staatsbürgerschaft zu verlieren, war ich keine Sekunde. Selbst wenn man als Türkin die doppelte Staatsbürgerschaft bekommen könnte, hätte ich trotzdem nur den deutschen Pass gewählt. Gezweifelt an meiner Entscheidung habe ich also nie. Allerdings war ich zwischendurch oft genervt: Die Einbürgerung ist ein sehr kompliziertes Verfahren und hat ein Jahr gedauert.

Ich musste ständig zwischen dem türkischen Konsulat und dem Bürgeramt pendeln und Papiere ausfüllen. Zuerst im Bürgeramt die Formulare anfordern, sie dann zum Konsulat bringen und dann wieder zurück zum Bürgeramt. Ins Konsulat hat mich mein Vater begleitet, alles andere habe ich allein gemacht. Glücklicherweise hat mich beim Amt eine Beraterin unterstützt und mir alles sehr gut erklärt.

Was, ich soll die Bundeskanzlerin treffen?

Anfang Mai bekam ich einen Brief, dass ich zur Einbürgerungsfeier ins Kanzleramt eingeladen sei. Ich war erst total geschockt. Meine Freundinnen hatten ihre Urkunden immer nur vom Bezirksbürgermeister bekommen. Und ich sollte zu diesem Zweck die Bundeskanzlerin treffen? Auch in dem Brief standen keine weiteren Details - keine Uhrzeit, kein Ablauf, nichts darüber, wie viele andere Leute kommen würden.

Diese Fragen beschäftigten mich wochenlang. Einen Tag vor der Feier habe ich dann meine Beraterin vom Bürgeramt angerufen, immerhin konnte sie mir bei Ort und Uhrzeit weiterhelfen und sagte, insgesamt seien 16 Personen zur Bundeskanzlerin eingeladen. Jeder durfte noch eine Person mitbringen, aber ich bin trotzdem allein hingegangen. Meine Mutter musste auf meinen kleinen Bruder aufpassen und mein Vater arbeiten.

Von Medienleuten umringt

Am Eingang des Kanzleramts sollte ich meine Einladung und ein letztes Mal meinen türkischen Pass vorzeigen. Anschließend durchleuchtete das Sicherheitspersonal meine Handtasche - und entdeckte prompt meine Nagelschere, die ich dann natürlich abgeben musste.

In einem Festsaal im oberen Stockwerk fand die Verleihung statt. Als ich nach vorn zu Angela Merkel gehen musste, war ich plötzlich sehr aufgeregt. Sie hat jedem die Hand geschüttelt und noch ein paar Sätze gesagt. Zu mir meinte sie: 'Es hat mich sehr gefreut, dass Sie heute hier waren, ich wünsche Ihnen im weiteren Leben noch viel Glück und hoffe auf ein Wiedersehen.' Gemeinsam sangen wir dann die deutsche Nationalhymne.

Danach wurde es richtig anstrengend. Die vielen Medienleute wollten alle Interviews mit mir machen. Ein Journalist fragte von links, einer von rechts, sie kamen von der 'Berliner Morgenpost', den türkischen Zeitungen 'Hürriyet' und 'Milliyet', der Deutschen Welle.

Am Anfang dachte ich noch 'Oh Gott, warum kommen bloß alle zu mir?' Aber dann wurde es einfacher, denn alle haben die gleichen Fragen gestellt: 'Was haben Sie in dem Augenblick gedacht, als Angela Merkel Ihnen die Hand geschüttelt hat?' und 'Wieso haben Sie sich für den deutschen Pass entschieden?'

Nachdem das überstanden war, durften wir uns am Buffet bedienen, es gab belegte Brote, Frikadellen und Sekt. Die anschließende Führung durchs Kanzleramt konnte ich leider nicht mitmachen, da ich am nächsten Tag eine IHK-Prüfung hatte.

Meine Einbürgerungsurkunde liegt jetzt bei mir auf dem Schreibtisch, meinen deutschen Personalausweis konnte ich drei Wochen später abholen. Nun darf ich auch endlich wählen gehen. Ob ich meine Stimme Angela Merkel gebe, verrate ich allerdings nicht."

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

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