Mein erstes Mal Evelyn, 16, will abspecken

Sie fühlte sich schon immer zu dick, deswegen bat Evelyn das dünnste Mädchen der Klasse um Rat. Doch schon nach ein paar Stunden wurde Evelyns Diät auf eine harte Probe gestellt.


"Manchmal ist mein Leben total langweilig. Das letzte wirklich aufregende Erlebnis war im Sommer, als ich mit einer Freundin über Nacht in einem finnischen Supermarkt eingeschlossen war und wir uns über die Süßwarenabteilung hermachten. Wir aßen einfach alles auf, was wir so in die Finger bekamen, bis wir am nächsten Morgen entdeckt wurden. Vielleicht war dieser Heißhunger schuld an meinem jetzigen Zustand.

Evelyn: Nie mehr "Friss die Hälfte"

Evelyn: Nie mehr "Friss die Hälfte"

Ich war schon immer zu dick. Ich orientierte mich lieber an kugelrunden Buddhas als an den abwertenden Blicken meiner Mitmenschen. Doch als mich ein kleines Mädchen im Zoo mit einem Panda verwechselte, beschloss ich, etwas zu ändern. Nicht unbedingt an meinem Gewicht wollte ich arbeiten, eher an meiner Einstellung zu mir. Doch das war ziemlich schwer.So kam es, dass ich das beliebteste (und natürlich auch dünnste) Mädchen der Klasse um Rat fragte. Zwei Geschichtsstunden später übergab sie mir sieben dicht bekritzelte A4-Seiten. Wirklich erstaunlich, wie schnell sie diese verfasst hatte. Ich begann zu lesen.In der kleinen Abhandlung standen lauter Ratschläge, die sich selbst wiedersprachen. Ich dürfe weder Nudeln noch Brot essen, keine Süßigkeiten und niemals Fett, sondern viel Obst und Gemüse. Leider hieß es zwei Absätze weiter ich könne soviel Fleisch und Butter zu mir nehmen wie ich wolle, nur müsse ich auf Früchte und Gemüse verzichten. Was war denn nun richtig? "Nach fünf Uhr nachmittags nichts mehr essen", schrieb die Klassenkameradin. Ich versuchte es mir zu merken. Drei Absätze weiter strich ich dies wieder aus dem Gedächnis, und ersetzte die Vorschrift durch "abends keine Rohkost". Doch die Bilder von deftigen Fleischgerichten, die dieser Satz herauf rief, wurden sogleich vertrieben. Zwei Zeilen weiter war zu lesen, ich solle mich zu später Zeit mit etwas leichtem, etwa einem Joghurt, begnügen. Gleichzeitig sei aber alles verboten, was als "light" oder "fettarm" bezeichnet würde. Den Rest des Tages zogen all die Nahrungsmittel, die auf meinem persönlichen Index standen, verführerisch nah an mir vorbei. Ade, Gummibärchen der Banknachbarin! McDonalds-Lastwagen und das Bäckereimobil fuhren ständig an mir vorbei, und ich entdeckte zum ersten Mal, wie viele Schokoladenwerbungen es an den Litfasssäulen in der Stadt gab. Obwohl ich erst seit zwei Stunden auf Diät war, fühlte ich schon den "bösen Heißhunger" in mir aufsteigen, der jeden packt und nicht wieder loslässt, der abnehmen möchte. Kam ich an Lebensmittelgeschäften vorbei, war es, als wären Steine an meine Schuhe gebunden. "Noch ein Schritt, dann bin ich an der Bäckerei vorbei, noch einer, dann bin ich aus dieser Duftwolke heraus", redete ich mir Mut zu. Als ich tatsächlich aus der Dunstwolke schritt, hatte ich den Arm voller Tüten und mampfte einen Muffin. "Das ist sicher vollkommen normal, passiert jedem", dachte ich, während ich auch noch die Schokokringel, Krapfen und eine riesige Nussschnecke verdrückte, obwohl ich letztere sonst gar nicht mag. "Du wirst auch dein Zimmer verändern müssen, nichts darf dort sein, was dich ans Essen erinnert", hatte mir meine Schulkameradin eingeschärft. Also pflückte ich meine Postkarten von der Wand. Cranachs Eva mit dem süßen Apfel, die holländischen Stillleben mit Austern, die Brueghel Gelage sowieso. Dann war mir langweilig. Normalerweise hätte ich gelesen, aber ich konnte an nichts anderes denken als an essen. Doch ich hielt es tapfer aus und stellte mir riesige Eismeere vor (Speiseeis natürlich). Umsonst. Um zehn Uhr am Abend gab ich auf. Ich schlich in den Raum, von dem ich den ganzen Tag geträumt hatte: die Küche, meine Schatzkammer. Ich will nicht sagen, dass ich gleich alle meine neuen Prinzipien über Bord warf. Ich begann mit ein paar Bananen im Schlafrock - gesundes Obst, nur ein ganz bisschen frittiert. Dann etwas Schokoladenkuchen, übrigens waren auch Nüsse darin. Dann gab es kein Halten mehr. Das offizielle Ende der Diät kam erst zwei Wochen später, als ich feststellte, dass sich meine Figur durch meine Diät doch verändert hatte. Ganz zwei Kleidergrößen dicker war ich geworden, wie viel macht das wohl in Kilos? Aber was soll's. "Dicke Menschen leben ja bekanntlich länger, sind freundlicher und großzügiger", dachte ich, während ich so alleine in meinem Zimmer saß. Und aß." Evelyn



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