Mein erstes Mal Felix, 16, wird zusammengeschlagen

Er wollte mit seinen Freunden einen Feiertag verbringen. Dann kamen diese vier Typen. Am Ende lag Felix im Krankenhaus, Diagnose: gebrochener Oberkiefer. Im SchulSPIEGEL schildert der Abiturient den Schmerz und die Wut - und wie sehr Pfefferspray in den Augen brennt.


"Ich kenne meinen besten Freund, seit ich geboren wurde. Damals lagen wir auf der gleichen Krankenstation, nur durch einen Vorhang getrennt. Ziemlich genau 16 Jahre ist das her.

Jetzt haben wir uns zum zweiten Mal im Krankenhaus gesehen. Das heißt: Gesehen habe ich nichts. Ich hatte Pfefferspray im Auge und einen gebrochenen Oberkiefer. Mein bester Freund saß neben mir. Das wird schon wieder, hat er zu mir gesagt.

Autsch: Erst plauderten vier Jugendliche, dann schlugen sie zu
Rick Noack

Autsch: Erst plauderten vier Jugendliche, dann schlugen sie zu

Die Polizei sagt, es sei eine Massenschlägerei gewesen. Viel habe ich jedenfalls nicht davon mitbekommen, wie ich zum ersten Mal in meinem Leben zusammengeschlagen wurde. Ich hatte mich mit 17 Kumpels aus Dresden getroffen, um Männertag zu feiern. Das hätte ein ganz gemütlicher Abend werden können.

Und gemütlich sahen anfangs auch die Typen aus, die uns später zusammengeschlagen haben. Die vier haben sich zu unserer Gruppe gestellt. Es war schon dunkel, so gegen 22.30 Uhr etwa. Er sei ein begeisterter Sportler, meinte einer. Wir haben uns über Schach unterhalten. Ein nettes Gespräch eigentlich. Dann ging alles ganz schnell.

Pfefferspray - ein Zischen, dann war alles dunkel

Jemand spritzte mir Bier ins Gesicht, ich habe mich weggedreht und noch gesehen, wie der Jugendliche, der so gern Schach spielt, mit einer Dose Pfefferspray auf mich zielte. Ein Zischen, dann war alles dunkel.

Mein ganzer Körper hat gebrannt, meine Augen waren innerhalb von Sekunden so aufgequollen, dass ich sie nicht mehr öffnen konnte. Um mich herum haben Freunde wild durcheinander geschrien. Ich hatte keine Zeit mehr gehabt zu sehen, dass mich der nette Junge von vorhin zusätzlich mit einem Schlagring am Oberkiefer getroffen hatte.

Ich lag dort hilflos auf der Wiese in dem Dresdner Park, und das einzige, was ich neben den Schmerzen wirklich fühlte, war Wut.

Meine Augen schmerzten immer mehr. Ich hatte ja keine Ahnung, wie sich Pfefferspray anfühlt. Das war das erste und hoffentlich auch das letzte Mal, dass ich zusammengeschlagen worden bin. Irgendwann kamen dann drei Freunde zu mir und haben mich hustend aus dem Park in einen Döner-Laden geschleppt.

Der Döner-Verkäufer wollte uns nicht durchlassen. Er hat Geld dafür verlangt, dass ich meine Augen ausspülen darf. Er hat nicht einmal mit den Wimpern gezuckt, als meine Freunde mich mit meinem aufgequollenen Gesicht durch die Tür geschleppt haben, habe ich später von einem Freund erfahren. Zum Glück wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass man durch Pfefferspray im schlimmsten Fall blind werden kann.

Wo bleibt der Sanitäter?

Wir haben dann ausgespült, ich habe gespuckt, geschrien. Aber es wurde nicht besser. Zehn Minuten nach der Attacke hat einer meiner Freunde einen Krankenwagen gerufen. Es sollte der erste von insgesamt fünf sein.

Als der Krankenwagen kam, da wusste ich, dass alles gut wird. Wo ist der Sanitäter?, soll ich immer wieder gerufen haben, hat mir später jemand erzählt.

Im Krankenhaus konnte ich das erste Mal nach einer Stunde wieder verschwommen sehen. Der Arzt hat mir Buchstaben gezeigt, die ich vorlesen sollte. Ich glaube, ich habe so ungefähr nichts davon richtig erkannt.

Eigentlich hatte ich gedacht, meine Mutter sei stinksauer auf mich. Aber als ich dann da in der Tür stand, hat sie mich erst mal in den Arm genommen. Sie war viel zu besorgt, um wütend zu sein.

Der Arzt wollte sofort operieren

Das hatte auch seinen Grund: Ich bin dann nachts um drei Uhr noch einmal in die Hautklinik gefahren, denn mein ganzer Körper hat noch immer gebrannt. Am nächsten Tag ging das dann so weiter. Zusammen mit meiner Oma bin ich von einem Arzt zum nächsten gerannt. Bis dann einer mir mal erklärte, dass mein Jochbein im Gesicht gebrochen war und zwei weitere Knochen noch angebrochen seien.

Der Arzt hätte mich am liebsten gleich sofort operiert. Scheiße, habe ich nur gedacht. Er hat dann noch erzählt, dass sie mir vielleicht mein Gesicht aufschneiden und eine Stahlplatte einsetzen. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke.

Am Tag danach war ich noch einmal im Krankenhaus. Sie werden mich nicht operieren, ich durfte einen Tag später wieder in die Schule und musste Ende der Woche den ersten Teil der Endjahresprüfungen mitschreiben, ohne allzu viel dafür lernen zu können.

Und das alles wegen vier Jugendlichen, die gern Schach spielen, sportlich sind und dummerweise auch wissen, wie man mit Pfefferspray und Schlagringen umgeht. Gefasst wurden sie bislang nicht."

(Der Name wurde von der Redaktion geändert)

Aufgezeichnet von Rick Noack



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.