Mein erstes Mal Gülan, 13, rettet ihren Schwestern das Leben

Es war der schlimmste Tag ihres Lebens. In der Hamburger Wohnung loderte Feuer, Flammen schlugen aus dem Fenster - und der Fluchtweg war versperrt. Doch Gülan Demir reagierte schnell. Sie holte Hilfe, rettete ihre Geschwister und sich selbst.


"Am Morgen des 19. Oktober 2007 hat es um 9.20 Uhr angefangen zu brennen. Meine beiden Schwestern und ich waren allein in der Wohnung. Ich habe noch geschlafen, meine Schwestern Suzan, 8, und Eylem, 5, saßen im Wohnzimmer und haben ferngesehen. Suzan hat auf einmal in ihrem Zimmer Rauch bemerkt und ist sofort zu mir gelaufen. Als ich gehört habe "Gülan, es brennt", hätte ich nie gedacht, dass es so schlimm sein würde.

Ich riss die Decke von mir und lief ins Wohnzimmer, um Eylem zu holen - denn sie hatte nichts von alldem mitbekommen. Auf dem einen Arm trug ich sie, in der anderen Hand hatte ich das Telefon. Ich wählte die 112, denn ich wusste: Ich muss Hilfe holen.

Die ganze Zeit über blieb ich in Kontakt mit der Feuerwehr. Ich wollte mit Eylem und Suzan raus laufen, doch es ging nicht - der Rauch hatte sich so schnell verbreitet, dass ich nichts mehr sehen und nicht mehr atmen konnte.

Ich schrie um Hilfe - aber keiner konnte mir helfen

Ich merkte, dass es meinen Geschwistern genauso ging. Also hielt ich meine Hand vor deren Mund, damit sie nicht so viel von dem schädlichen Rauch einatmen mussten. Ich habe versucht zu kriechen, doch nicht einmal dabei konnte ich atmen. Also riss ich das Fenster auf und hielt die Köpfe meiner Schwestern so weit wie nur möglich raus.

Dort warteten wir auf die Feuerwehr, und ich schrie aus dem Fenster um Hilfe - doch niemand konnte mir helfen. Das Fenster im Kinderzimmer zersprang in tausend Stücke. Und ich merkte, dass meine Schwestern immer mehr Angst bekamen, je länger wir da standen.

Mir kam schon der Gedanke, sie einfach zu den ganzen Leuten runterzuwerfen und anschließend selber zu springen - aber ich wartete noch ein paar Minuten. Endlich kam die Feuerwehr, und die Drehleiter fuhr zu uns hoch. Wir waren gerettet!

Dann wurden wir ins Krankenhaus gebracht. Wir waren zwei Tage und eine Nacht dort und konnten nicht aufhören zu weinen, denn alles war weg - einfach alles. Wir haben nicht mal eine Versicherung. Wir fragten uns, wo wir in Zukunft wohnen sollen. Das Kriseninterventionsteam vom Deutschen Roten Kreuz hat uns dann in einer Notunterkunft untergebracht. Zwei Zimmer für acht Personen. Da leben wir auch heute noch.

Wo sollen wir jetzt bloß wohnen?

Wir suchen jeden Tag im Internet und in der Zeitung nach einer neuen Wohnung und gehen oft zum Amt, aber dort können sie uns auch nicht weiterhelfen. Meist wird gesagt, dass die Vermieter nicht so viele Kinder dulden.

Tag für Tag sehe ich die Hoffnungslosigkeit, die sich in den Augen meiner Eltern ausweitet. Ich sehe den Kampf meiner älteren Schwester, die versucht für die Uni zu lernen - in dem Raum, den sie mit uns fünf Kindern teilt. Ich sehe meine Mutter, die den ganzen Tag unterwegs ist, um die Kleinen in die Schule zu bringen und nach Kleidung oder Geschirr für uns sucht. Ich sehe meinen Vater, der versucht, uns Kraft zu geben.

Wenn wir in unserer alten Gegend keine neue Wohnung finden, müssen wir wahrscheinlich die Schule wechseln. Das will ich nicht so gerne. Aber mir ist auch klar, dass wir in einer Lage sind, in der jeder etwas aufgeben und Kompromisse eingehen muss. Ich finde es schlimm, dass innerhalb von fünf Minuten mein ganzes, altes Leben, das ich geliebt habe, in Schutt und Asche aufgegangen ist. Warum das Feuer ausgebrochen ist, wurde bis heute nicht aufgeklärt.

Wir besitzen nichts mehr, aber wir sind dennoch so dankbar, dass wir alle am Leben sind und uns haben."



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