Mein erstes Mal Jana, 16, geht ins Township

Haare verstecken, Schmuck ablegen, lieber die abgewetzte Jeans anziehen: Bei ihrem Austauschjahr in Südafrika geht die Hamburger Schülerin Jana Ditz ins Township von Kapstadt. Eigentlich soll sie Hot Dogs für einen guten Zweck verkaufen, aber bald vergisst sie ihren Job.


"'Heute geht es ins Township, Hot Dogs verkaufen - für den guten Zweck!', ruft mein südafrikanischer Gastvater. Ich liege eigentlich noch im Bett und schlummere. So viel Stress, so früh am Morgen: Ich soll mir ein Kopftuch überziehen, um die blonden, glatten Haare zu verstecken. Schmuck und Markenklamotten bleiben zu Hause.

Kinder im Township: Eine andere Welt direkt in der Nachbarschaft
AFP

Kinder im Township: Eine andere Welt direkt in der Nachbarschaft

An diesem sonnigen Morgen während meines Kapstadt-Jahres als deutsche Austauschschülerin nimmt meine Gastfamilie mich mit zur Hot-Dog-Aktion: Die Kirchengemeinde will Geld sammeln für bedürftige Menschen - und bedürftig sind viele in Südafrikas Townships, die noch zur Zeit der Apartheid eingerichtet wurden und in denen heute Zehntausende von armen, meist schwarzen Familien leben.

Den neuen Wagen lassen wir in der Garage stehen, wir fahren mit dem älteren Auto meiner Gastmutter. Es staubt kräftig, Rauch liegt in der Luft, als wir in den schmalen Weg hinein biegen, der das Township vom Rest der Stadt trennt. Ein paar Erwachsene stapfen neben unserem Auto her, auf Rücken und Kopf schleppen sie Wasserkrüge und Lebensmittel. Kinder spielen auf dem sandigen Boden. Ihre Spielzeuge haben sie aus Autoreifen, Müll oder Ästen gebaut.

Was macht das weiße Mädchen hier?

Eng aneinander haben die Bewohner im Township Häuschen errichtet, zusammengeflickt aus allem, was greifbar ist: Die Wände aus Zeitungspapier, die Dächer aus Wellblech, sogar alte Milchkartons wurden verbaut.

Wir bereiten die Hot Dogs vor, ich gehe mit dem Pastor unserer Kirche, der dieses Projekt leitet, auf Verkaufstour durch die schmalen Gänge zwischen den Häusern. Ich werde extrem herzlich empfangen und bin überrascht.

Anfangs fragen die Leute noch ausschließlich nach dem Preis und den Bestandteilen der Hot Dogs. Aber bald beginnen sie sich auch für mich zu interessieren. Sie sprechen die Lokalsprache Afrikaans, das klingt ein wenig wie Holländisch, hin und wieder schieben sie englische Wörter ein.

Wie und warum ein weißes Mädchen wie ich in ihre Gegend kommt, können sie sich nur schwer erklären. Ich erzähle ihnen, dass ich fast um die Ecke wohne, aber eigentlich aus Deutschland komme. Sie stellen immer mehr Fragen, laden mich in ihre Häuser ein. Ich komme mit und sehe, wie die Menschen dort leben.

Das Haus mit Zeitungen tapeziert, Betten sind reiner Luxus

Wenige der kleinen Hütten haben Strom, fließendes Wasser gibt es in keiner. Man kocht auf tragbaren Kochplatten oder über dem Feuer. Betten sind Luxus, geschlafen wird auf Matratzen auf dem Boden. Tagsüber werden sie hochkant an die Wand gestellt, um Platz zu sparen. Als Tapete dient meist Zeitungspapier, Bodenbeläge sind selten. Nur ein Mal sehe ich Parkettboden in einem Haus.

Nach einer Toilette sollte man nur fragen, wenn man bereit ist, seine Notdurft in einen, meist schon vollen, Eimer zu verrichten. Am Eingang des Townships gibt es auch öffentliche WCs. Aber der Weg dahin ist weit, ein längerer Fußmarsch.

Ein Gleichaltriger fragt mich: 'Bist du weiß?' Ich sage: 'Du kannst doch sehen, welche Hautfarbe ich habe.' Er sagt: 'Du bist halt nicht so wie alle anderen Weißen.' Ich bin wahrscheinlich die erste Weiße, mit der er sich jemals unterhalten hat. Trotzdem bin ich ein bisschen stolz."

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