Mein erstes Mal Jana, 16, macht den Pisa-Test

Alle reden über Pisa, die Hamburger Schülerin Jana Ditz war dabei. Zusammen mit einigen Klassenkameraden wurde sie von ihrer Schule ausgelost. Die Teilnehmer sahen es locker - statt Namen hatten sie jetzt Nummern, ob sie den Test vergeigten, sollte niemand erfahren.


"Einen Monat, bevor es im Sommer 2006 losging, kam der Brief: 'Unsere Schule nimmt an der diesjährigen Pisa-Testung teil. Ihr seid per Los ausgewählt worden, unsere Schule zu vertreten. Der Test ist Pflicht.' Dahinter eine lange Liste mit Namen. Meiner stand direkt in der Mitte. 'Bist du auch dabei?', fragte meine Tischnachbarin mich. Und sagte dann: 'Ist doch egal, was wir da leisten, dafür kriegt man eh keine Note. Außerdem haben wir frei, wenn wir fertig sind.'

Probandin Jana (mit Liste der ausgelosten Pisa-Teilnehmer): Zellkern, Nanoteilchen - oder Atom?
Jana Ditz

Probandin Jana (mit Liste der ausgelosten Pisa-Teilnehmer): Zellkern, Nanoteilchen - oder Atom?

Einen Tag mal etwas früher nach Hause können - dagegen hatte keiner aus meiner Klasse etwas. Schon fast neidisch starrten die anderen uns an. Uns, die Pisa-Teilnehmer! Wie das genau geht mit dem Pisa-Test, das wusste keiner von uns.

Wir trafen uns um kurz vor neun in der Pausenhalle, alle waren pünktlich. Die Testleiter vom Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften aus Kiel stellten sich kurz vor und verteilten Nummern. Jeder sollte seine im Kopf behalten. Namen gab's nicht mehr, ab jetzt war alles anonym.

Erster Test: Fünfstellige Nummer merken

Erstes Problem: Die Nummern waren fünfstellig. 'Wie soll ich mir die bloß merken?', fragte einer und erntete böse Blicke von den drei Testleitern. Wir wurden immer unruhiger. Ich biss auf meiner Unterlippe herum, ich wollte endlich anfangen.

In der großen, sonst so leeren Aula waren Schultische in Reih und Glied aufgebaut. An jedem Tisch stand ein Stuhl, dazwischen hatte man immer exakt den gleichen, ziemlich riesigen Abstand gelassen. Damit keiner abguckt.

Vorn rief einer: 'Meine Schwester hat das vor drei Jahren auch schon gemacht, das ist voll gechillt!' - war wohl ein Versuch, die Situation aufzulockern. Auf jedem Tisch lagen ein schwarzer Stift und ein dicker Stapel Papier, der Fragebogen. Auf der ersten Seite stand die Nummer, die wir eben zugeteilt bekommen und die natürlich einige schon vergessen hatten. Allgemeines Gewusel, die Testleiter lasen Zahl und Namen noch einmal vor und wiesen den ganz verwirrten Schülern ihren Platz persönlich zu.

Pisa-Stift als Souvenir

"Ihr habt genau drei Stunden für den Test", sagte eine Testerin. "Wer in die Pause geht, kann danach den ersten Teil des Fragebogens nicht mehr verbessern. Der muss vorher abgegeben werden. Und jetzt - Ruhe!" Von wegen: Alle murmelten sich Sachen zu. "Pssst!", zischte die Testleiterin. Jeder war auf sich allein gestellt. Es waren hauptsächlich Multiple-Choice-Aufgaben, bei denen man die Antwort ankreuzen muss.

Eine Testleiterin hastete mit ihren Stöckelschuhen andauernd zwischen den Tischen hin und her und sah nach, dass wir nicht schummelten. Welches Teil war denn nun kleiner, der Zellkern, das Nanoteilchen oder etwa das Atom? Klack, klack, klack, hallten die Schritte der Testleiterin durch die Aula.

"Abgeben, die Zeit ist um!", rief einer der Testleiter und sammelte alle Bögen ein. Pause. Im Flur diskutierten wir: "Das ist doch einfach!", sagten die einen. "Gar nicht, die Fragen waren so schwer!", die anderen.

In einem waren wir uns einig: Wir wollten es locker sehen. Wer weiß denn schon, dass wir es waren, die die Fragen falsch beantwortet haben? Im zweiten Teil nach der Pause verging die Zeit wie im Flug. Lesen, verstehen, rechnen, schreiben - am Ende war ich richtig geschafft und freute mich, dass ich meinem Gehirn eine Pause gönnen konnte.

Wer wollte, konnte am Ende noch einen freiwilligen Bogen ausfüllen, in dem es um den Job der Eltern ging - und wieviele Bücher bei uns zu Hause stehen, zum Beispiel.

Den Stift durften wir übrigens behalten, am nächsten Tag hatten den alle mit in der Schule. Aber Geld hat bei uns keiner bekommen. Und gelernt haben wir nicht eine Minute für die Tests."



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