Mein erstes Mal Jonas, 15, startet bei der Motorrad-WM

Noch keinen Führerschein, aber mit 200 Sachen durch die Gegend brausen: Motorrad-Crack Jonas Folger ist am Sonntag das erste Mal bei einem WM-Rennen gestartet - als jüngster deutscher Fahrer aller Zeiten. Im SchulSPIEGEL erzählt er, wie es gelaufen ist.


"Ich stand am Start, sah zur roten Ampel hoch, der Motor lief, die Warm-up-Runde war vorbei. Gleich musste sie auf Grün springen - und ich in mein erstes WM-Rennen sausen. In der Qualifikation war ich schon ganz gut gewesen, mein Startplatz war mitten im Feld, auf Platz 23 von 39.

Auf diesen Moment hatte ich seit mehr als einem Jahr hingefiebert. Die Hand über dem Gas stand ich da und konnte es kaum erwarten, dass die Ampel umsprang und ich losjagen konnte. Man muss wissen: Am Donnerstag vergangene Woche habe ich meinen 15. Geburtstag zu Hause in Schwindegg gefeiert. Eigentlich nicht spektakulär, ich habe mich mit ein paar Freunden getroffen, wir haben DVDs geguckt und gequatscht. Ganz normal.

Donnerstag der 15. Geburtstag, Sonntag Motorrad-WM

Aber für den Motorsport ist der 15. Geburtstag, als ob man volljährig wird - jetzt darf ich auch bei den großen WM-Rennen starten. Vier Tage nach meinem Geburtstag, am Sonntag, stand ich in Brünn in Tschechien am Start.

Ich bin schon einige Motorradrennen gefahren, habe auch einige gewonnen, in erster Linie gegen andere Jugendliche. Im Moment werde ich auf einer Akademie für Motorradsport in Barcelona zum Profi ausgebildet. Aber dieses Rennen, das war etwas anderes. Mein erstes Profi-Rennen.

142.000 Zuschauer saßen auf den Tribünen, das Fernsehen war da, das Radio, die ganzen Profi-Fahrer. Meine Eltern waren dabei und schauten sich alles von der Box aus an. Sogar mein alter Kumpel Manuel war mitgekommen. Ich war mit einer 'Wild Card' ins Starterfeld gerückt, und je nachdem, wie gut ich fahren würde, sollte ich den Rest der Saison weitermachen dürfen - mit Profi-Rennen in den USA, in Japan oder Australien.

Natürlich war ich mächtig nervös. Ich hatte schlecht geschlafen, musste um halb sechs aufstehen und die ganzen Vorbereitungen machen: meinen Rennanzug putzen, Frühstück mit Omelett und Orangensaft, das richtige Visier für den Helm aussuchen, dann den Rennanzug anziehen, die Stiefel.

Als letztes gehe ich immer mit dem Streckenplan noch einmal das Rennen in Gedanken durch und trinke ordentlich Wasser. Das Motorrad muss währenddessen warmlaufen. Meine Eltern waren auch in der Box - und mindestens so aufgeregt wie ich. Sie fragten immer wieder: Alles in Ordnung? Fehlt etwas? Möchtest du noch etwas trinken?

Ich zitterte, mein Herz fing an zu pochen

Wenn alles stimmt, geht es raus auf die Strecke, in die Startreihe. Dann stehe ich mit meinen Mechaniker Carlos da, er sagt auf Spanisch "Los geht's!", ballt die Hand zur Faust und spreizt den kleinen Finger und den Daumen ab - das ist unser Zeichen. Jetzt wird's ernst: Ohrenstöpsel rein, Helm auf. Fertig.

Ich konnte genau spüren, dass ich zitterte. Als Rennfahrer hat man zwar einen dicken Lederanzug an und darunter noch eine Art Skihose aus Seide - aber das ging durch. Mein Herz schlug immer schneller. Wie lange hatte ich mich auf diesen Moment gefreut!

Jetzt bloß nicht den Start vermasseln. Ich hielt die Drehzahl meines Motorrads möglichst hoch, damit ich gut vom Fleck wegkommen konnte. Die Ampel sprang um, die Motoren heulten auf, wir schossen los. Ich gab Gas, fuhr bis zur ersten Kurve - und merkte, dass etwas nicht stimmte. Mein Motorrad fing an zu qualmen, ich wusste erst nicht, was es ist. Ich fuhr die Runde langsam zu Ende und an die Box.

Die Mechaniker schauten sich die Maschine an. Die Kupplung war verglüht. Ich hatte es am Start zu gut gemeint mit der Drehzahl, dabei war etwas kaputtgegangen. Das hätte man zwar jetzt richten können, aber es hätte mindestens fünf Minuten gekostet. Die Konkurrenz war sowieso schon auf und davon.

Auf dem Weg nach Hause die zweite Panne

Ich habe mich richtig geärgert, als ich kapiert habe, dass die Sache in Brünn für mich gelaufen war. Es ging nicht darum, wer jetzt schuld war - ob etwas in der Technik nicht gestimmt hatte oder ich einen Fehler gemacht hatte. Ich war sauer, dass ich meine Chance verpasst hatte. Ein Platz unter den ersten 20 war das Ziel gewesen.

Wir packten unsere Sachen zusammen, ich zog mich um: raus aus der verschwitzten Lederkombi, ab nach Hause. Wir waren gerade 500 Meter von der Rennstrecke weg, da kam die nächste Panne: Unserem Auto ging der Motor aus, es rollte noch ein wenig, dann blieb es stehen. Da standen wir und warteten auf den Pannendienst. Erst spät in der Nacht war ich wieder zu Hause, müde, geschafft - aber nicht mehr wirklich sauer.

Alberto Puig, der Chef meiner Akademie in Barcelona und unseres Rennstalls, hatte nach dem verkorksten Rennen noch einmal mit mir gesprochen. Er sagte, ich sei ja im Training und in der Qualifikation gut gefahren - also sollte ich noch eine Chance bekommen.

Nun werde ich am 31. August beim Großen Preis von San Marino in Misano wieder starten. Und dann nutze ich meine Chance. Ganz bestimmt."

Aufgezeichnet von Markus Flohr



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.