Mein erstes Mal Julian, 19, feiert Abi in Lloret de Mar

Die Abi-Fahrt ins Partyparadies Lloret steht für Poetry-Slam-König Julian Heun und seine Freunde ganz im Zeichen von Alkohol, Pornobrille und Sven Väth. Zukunft ist egal, jetzt geht es um Wichtigeres: Wer hat mit wem? Und: Wie mache ich eine klar?


Die Türen des Reisebusses öffnen sich. Nordostspanien, Lloret de Mar. "Gude Laaaune hier!", brüllen wir aus vollem Hals. Wir, das ist eine Klasse Berliner Gymnasiasten, die jetzt sieben Tage lang grölen und feiern werden, bis alle krächzen. Der Sven-Väth-Spruch "Gude Laune, Alda" ist Motto und Mantra unserer Reise. Wer es nicht weiß: Sven Väth ist für den deutschen Techno das, was Campino für den Punkrock ist.

Abi-Streich, Abi-Party und Abi-Ball in Berlin haben uns noch nicht gereicht. Wir wollen es noch ein letztes Mal richtig krachen lassen! Das haben wir uns bei den amerikanischen Spring Breaks abgeguckt. "The Message is Feierei, Alda!" - auch ein Spruch von Sven Väth.

Am Strand von Lloret funktioniert das richtig gut: Es gibt massenhaft Bars und Discotheken und eine gigantische Alkoholauswahl. Auch Familien mit dicklichen Kindern, Rentner und Briten im Arsenal-Trikot machen hier Urlaub. Oder war es Manchester?

"In Lloret muss ich wen klären"

Uns Abiturienten erkennt man an der Kombination Abi-Shirt plus Flip-Flops. Jungs tragen dazu Fälschungen der Aviator-Sonnenbrille von Ray Ban (im Schülerjargon: Pornobrille) und Badeshorts mit Hawaii-Muster, die Mädchen große runde Sonnenbrillen wie Paris Hilton plus Bikinis von H&M.

Gleich am ersten Abend geht es los mit "gude Laune": Felix und ich sitzen in der Hotelbar und versuchen, so viele Getränke wie möglich zu bestellen, bevor das All-Inclusive-Angebot endet. Wir tragen noch immer die verschwitzten Shirts von der Busfahrt, denn ein Abi-Shirt, das nicht stinkt, ist keines.

Wir reden natürlich über Sex, das allgegenwärtige Dauerthema im Partyparadies Lloret. Schon Monate vorher klingen Sätze durch die Schulflure wie: "In Lloret muss ich unbedingt wen klären. Das ist die letzte Chance, Mann, die letzte. Danach studier' ich ja, und Studentinnen... nee." Felix und ich haben eine sechsstufige Skala entwickelt, um die Attraktivität von Frauen zu bewerten. Papaya steht für eine Eins. Die Kokosnuss ist eine Zwei, danach kommen Orange, Kiwi, Apfel, für die Note sechs steht die Banane.

Ein hellblondes Mädchen geht an unserem Tisch vorbei. Ihr Tanga zeichnet sich unter dem Rock ab. "Schwedenpapaya", meint Felix und nickt ihr hinterher. Ich gebe ihr eine Kokosnuss. Dann wird gefachsimpelt. Na ja - bis uns auffällt, dass wir uns zuletzt in der siebten Klasse so pubertär benommen haben. "Aber auf Abi-Fahrt", rechtfertigt sich Felix, "darf man pubertär sein."

Am Strand kaufe ich mir einen hellgelben Schwimmring, die anderen decken sich mit Luftmatratzen ein. Ich denke noch darüber nach, ob ich nun aussehe wie ein deutscher Klischeetourist aus Hape Kerkelings Film "Club Las Piranhas" - blasser Körper in Shorts und Badelatschen mit Gummireifen über der Schulter. Dann ruft Felix: "Papaaaaaya!", ich drehe mich um, signalisiere Zustimmung und denke nicht mehr an Hape Kerkeling.

Wer hat mit wem?

Auf dem Meer bilden wir eine schwimmende Insel aus Luftmatratzen. Ich verfalle wieder ins Grübeln: So viele junge Körper, wir alle treiben auf dem Meer von Möglichkeiten, völlig im Genuss der Gegenwart. Erst ein Schrei des Erstaunens reißt mich aus meinem Gefühlsbad: "Waaas? Mit Jenny? Mit der Jenny hat Paul? Das hätte ich nie gedacht. Der ist doch... Hast du das gehört, Julian?"

Ich hatte es gehört. Die ersten Geheimnisse werden ausgeplaudert. Auf Abi-Fahrt bleibt nichts verborgen. Am Abend zuvor waren wir in einem kleinen Club mit Ballermann-Atmosphäre, dort servierten sie Wodka Lemon literweise zum Spottpreis. Wie war das noch? Gude Laune! Micha zählt auf, wen er alles "beinahe" abgeschleppt hätte. Auch die anderen Jungs prahlen mächtig. Die Mädchen tratschen: Wer hat mit wem? Wer hat geweint?

Nur Heike treibt still auf dem Wasser und sagt nichts zum Getratsche. Warum, weiß ich nicht. Ich nehme mir vor, es herauszufinden. Eigentlich würde ich auch gern angeben. Wie gern würde ich Geschichten erzählen von blonden und brünetten Mädchen und von solchen, deren Haarfarbe ich vergessen hätte. Irgendwie kann ich das mit den One-Night-Stands nicht. Ich bin zu schüchtern. Ich lasse zehn Gelegenheiten verstreichen, und dann überlege ich es mir anders, wegen irgendeiner Kleinigkeit, die mir an ihr nicht gefällt.

Wir fühlen uns, als gäbe es kein morgen

Am Abend haben alle einen Sonnenbrand. Manche sind leicht gerötet, andere schmückt ein kräftiges Krebsrot. Wir sitzen auf den Plastikstühlen einer Strandbar und trinken Gin Tonic. In kleinen Abständen werfen Felix und ich ein: "Isch fick rischtisch gerne! Ba-ba-bam!" Das ist ein Zitat von YouTube-Legende "Asi Toni". Es schockiert so schön, wenn die anderen die Ironie nicht erkennen. Manchmal spüre ich sie selbst nur noch ganz schwach.

Am Nebentisch sitzt Elke-Helene mit überschlagenen Beinen. Elke-Helene und ihre Freundinnen ziehen ein ganz anderes Programm durch: Sie besichtigen Burgen und Kirchen, statt tanzen zu gehen. Wenn sie am Pool sitzen, lesen sie kitschige Mädchenbücher. Dass sie kein Interesse am Feiern haben, ist ja okay. Aber warum fahren sie dann mit uns nach Lloret?

Am Abend lautet die Message wieder: Feierei. Diesmal auf einer Schaumparty. Irgendwann legen wir alle die Arme umeinander. Im Flackern des Stroboskops fühlen wir uns, als gäbe es kein morgen. Erhitzt laufen wir zum Strand und singen im Chor nach, was Micha vorgrölt. Die Nachtluft riecht nach Meer und ist warm genug, um im T-Shirt rumzulaufen.

Dann baden wir. Heike geht in ihrem Kleid baden, so einem Sommerkleid mit Trauben darauf. Als sie mir näherkommt, denke ich, dass ich eigentlich keine Kleider mit Obstmotiven mag und dass Heike eine Kokosnuss ist oder doch eine Papaya oder... -

Sie küsst mich. Einfach so. Ich schmecke das Salzwasser auf ihren Lippen, und auf einmal ist alles ganz einfach. Am nächsten Morgen gehe ich nicht in mein Zimmer, sondern direkt zum Strand.

Die Tage fließen ineinander. Alle sind sie sonnig voll mit Gelächter, Getanze, Getuschel und Gefühlen, die alle sehr aufregend sind. Und natürlich "gude Laune". Bis wir irgendwann ein letztes Mal zusammen singend in den Bus einsteigen.



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