Mein erstes Mal Kai, 20, wird in Mexiko der Pass geklaut

Tickets weg, Pass geklaut, Flieger verpasst: Kai Wichmann, 20, saß in Mexiko-City fest. Eigentlich wollte er dort nur drei Tage bleiben - daraus wurde ein zweiwöchiger Zwangsurlaub mit einigen Turbulenzen.


Vor der deutschen Botschaft stehen Mexikaner und verkaufen Pässe. Sie klauen sie und halten vor den Botschaften Ausschau, ob sie die Leute auf den Fotos wieder erkennen und ihnen den eigenen Pass für 1000 Pesos andrehen können. Leider ist mir das nicht passiert. Ich hätte ohne Murren bezahlt.

Ersatzpass von Kai Wichmann: Ohne Ausweis geht's nirgendwo hin

Ersatzpass von Kai Wichmann: Ohne Ausweis geht's nirgendwo hin

Das mit dem Pass habe ich lange nicht gemerkt. Ich war schon auf der Rückreise und hatte am Flughafen in Mexico-City noch jede Menge Zeit. Meinen Schrankkoffer hatte ich in einem Schließfach verstaut, den Kleidersack hängte ich mir über die Schulter und bummelte durch den Flughafen, trank einen Kaffee, kaufte kleinen Schnickschnack. Ganz entspannt.

Am Flughafen schlenderte ich zu Gate 94 und wollte eben noch überprüfen, ob alle Papiere sicher in meiner schwarzen Dokumentenmappe verstaut waren und Flugticket und Reisepass griffbereit. Ich öffnete den Reißverschluss der Außentasche meines Kleidersacks und langte hinein. Doch ich tastete ins Leere. Keine Mappe in Sicht. Ich wurde nervös. Im Koffer vielleicht? Jetzt keine Panik. Noch mal ganz ruhig nachschauen. Wohin hatte ich die Mappe noch gepackt? Ich hatte sie doch die ganze Zeit bewacht - wie Frodo Beutlin seinen Ring. Doch auch im Koffer waren keine Mappe, keine Tickets und kein Pass. Meine Gedanken rasten hin und her. Ich fing an zu schwitzen.

Mir fiel die Jugendherberge ein, in der ich meine erste Nacht in Mexiko City verbracht hatte. Vielleicht hatte ich dort meine Mappe liegen lassen? Ich rief an, doch die Herbergsleitung sprach kaum Englisch, und mein Spanisch war drei Tage jung. Ich setzte mich in ein Taxi und fuhr hin. Vielleicht könnte ich ja mein Anliegen pantomimisch erklären.

Eine Art Kinderpass von der Botschaft

Mexiko war eine spontane Aktion gewesen. Eigentlich hatte ich nur meine Gasteltern in Florida besucht. Nach einer Weile fand ich Florida etwas dröge, schließlich kannte ich alles aus meinem Austauschjahr. Da fielen mir zwei Schulkameradinnen wieder ein, die gerade in Mexiko eine Weltreise begannen. Das kam doch wie gerufen für einen Kurztrip. Mit 295 Dollar sollte ich dabei sein. Dachte ich.

Die drei Tage in Mexiko waren auch tatsächlich eine Super-Zeit. Zwar hatte ich zunächst im Stau gestanden, die Verabredung in Mexiko-Stadt verpasst und fuhr deswegen allein nach Acapulco. Doch wie durch ein Wunder traf ich die Mädchen dort zufällig auf der Straße wieder. Ich weiß noch, dass Lea bei meinem Anblick erst einmal drei Sätze nach hinten sprang. Zu dritt verbrachten wir dann das Wochenende.

Nun aber stand ich in der Jugendherberge, in der ich drei Tage zuvor geschlafen hatte, und der Rückflug nach Miami war ohne mich gestartet. Die Frau in der deutschen Botschaft erklärte mir, für eine Einreise in die USA müsste ich etwa neun Wochen veranschlagen, denn dafür bräuchte ich einen maschinenlesbaren Pass, dessen Produktion neun Wochen dauert. Vielleicht könnte man bei meiner Einreise auch eine Ausnahme machen - doch meine Fluggesellschaft fand keinen freien Platz, um mich umzubuchen.

Da kapitulierte ich und rief meinen Vater an. Der versicherte mir, dass er zu Hause persönlich nach einem Ersatzflug Ausschau halte, und ich konnte mich einigermaßen beruhigen. In der Botschaft bekam ich einen Passersatz, der aussah wie ein Kinderpass. In die USA kam ich damit nicht, aber nach Deutschland. Mein Vater buchte mir einen Flug von Cancun nach Hamburg. Jetzt trennten mich nur noch zwölf Tage Zwangsurlaub von meinem Heimflug.

Zwölf Tage Mexiko. Eigentlich gar nicht so schlecht.

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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