Mein erstes Mal Kristina dreht als Cheerleader auf

Kraftsport mit Grazie: Kristina, 20, ist Cheerleader. In der Schule tuscheln manche hinter ihrem Rücken - über "Rumpuscheln" im "Tussisport". Aber Kristina weiß: Das ist mein Sport. Beim erstem Auftritt zitterte sie noch, jetzt wirbelt sie gekonnt durch die Luft.


"Plötzlich hatte ich diesen Einfall. Einfach so. Ich war 13, wir saßen gerade im Auto, ich auf dem Rücksitz, mein Vater vorn am Steuer, daneben eine Bekannte. Sie unterhielten sich. Ich platzte dazwischen: 'Ich möchte mal Cheerleading machen.'

Wie ich darauf kam, weiß ich bis heute nicht so recht. Wie das manchmal im Teenie-Alter so ist, man setzt sich was in den Kopf – egal wie abstrus oder abgefahren das ist. Na ja, ganz abgefahren war die Idee mit Cheerleading auch wieder nicht. Immerhin tanze ich seit dem dritten Lebensjahr: Jazz-Dance, Ballett, Stepptanz, HipHop ... aber Cheerleading? Ich wusste fast nichts. Die Brose Baskets, damals TSK Bamberg, spielen in der Basketball-Bundesliga und haben natürlich Cheerleader, das wusste ich, aber ein Spiel hatte ich noch nicht besucht.

Eine Bekannte meinte, dass sie die Trainerin der Cheerleader bei den Brose Baskets kennt. 'Wenn du willst, kann ich da mal für dich anrufen.' Ich hörte nichts mehr von ihr und hatte die Idee schon fast vergessen, als ein paar Wochen später das Telefon klingelte: 'Hallo Kristina, hast du mal Lust, zum Cheerleading-Training zu kommen?' Es war die Trainerin.

Ins Cheerleader-Team "reingelächelt"

Und ob ich Lust hatte! Viermal ging ich zum Training, es machte Spaß. Aber im Team war ich so noch nicht. Dafür gibt es ein offizielles Try-Out - ein Vortanzen, bei dem sich entscheidet, ob man ins Cheerleaderteam aufgenommen wird. Wir hatten einen bestimmten Tanz einstudiert und sollten jeweils zu zweit vortanzen.

Ich war nervös, meine ersten Bewegungen kamen sehr verzögert. Schnell geriet ich aus dem Rhythmus, ich dachte bald: Okay, das wird eh nix mehr. Mit dieser Ist-jetzt-auch-egal-Einstellung wurde ich lockerer, lächelte nur noch über meinen unbeholfenen Auftritt und fand es lustig, wie ich mich anstellte. Was ich in diesem Augenblick nicht wusste: Mein Lächeln kam super an.

Nach dem Vortanzen mussten wir warten - ein paar qualvolle Minuten lang. Die Trainerin rief uns nacheinander auf und sprach mit jedem einzeln. Als ich zu ihr ging, fing mein Herz an zu pochen. Sie begrüßte mich gleich mit den Worten: 'Es würde mich freuen, dich am Montag beim Training zu sehen.'

Ich hatte es doch geschafft! Ich durfte wiederkommen. Ich ging am nächsten Montag zum Training, am Donnerstag, Woche für Woche, zu jedem Training. Ich war fleißig und immer dabei. Gefehlt habe ich nur, wenn ich auf Klassenfahrt war oder krank.

Das Training lief immer besser - aber das erste Spiel war noch mal was anderes: die Halle gefüllt bis auf den letzten Platz, Tausende Menschen, der Hallensprecher peitschte den Fans ein, es war laut, die Stimmung brodelte.

Je nach Tanz variiert die Mimik: lebhaft, freudig oder sexy

Zu Spielbeginn war die Halle dunkel, die Cheerleader standen Spalier, die Spieler liefen aufs Spielfeld, der grellweiße Spot jagte ihnen nach, huschte die Gasse entlang und über mich hinweg. Für einen kurzen Moment stand ich da, im Licht, hell und für alle sichtbar. Dann zuckte der Spot wieder die Reihe entlang.

Unser erster Auftritt kam in der Auszeit: Wir rannten aufs Spielfeld. Ich war nervös und konzentrierte mich ganz genau auf die Bewegungen, die ich machen musste. Es klappte ganz gut.

Das allein reicht nicht, auch die Ausstrahlung muss stimmen. Ich zog Grimassen und lächelte ständig. Je nach Tanz muss man die Mimik variieren: lebhaft, freudig, sexy. Alles ein bisschen viel auf einmal, nach Spielende war ich einfach erleichtert und ziemlich fertig.

Von Spiel zu Spiel klappte es besser, bald hatte ich alle Tänze sicher drauf. Eine Einlage bereitete mir aber lange noch Herzklopfen: der 'Basket Toss'. Mehrere Cheerleader legen dabei ihre Hände zusammen, ich setze ähnlich wie bei einer Räuberleiter einen Fuß in ihre Hände, hole Schwung und werde mit voller Kraft hochgeworfen. Ich wirble durch die Luft, muss aber völlige Körperbeherrschung haben. Noch schwieriger wird es, wenn ich nicht nur kerzengerade hochsteige, sondern in der Luft eine Toe-Touch mache - das ist eine Grätsche.

Auch nach Jahren des Trainings und der Spielpraxis kann ab und zu etwas Peinliches passieren. Einmal wechselten wir im Tanz die Aufstellung, ich drehte mich um, setzte zum Sprint an - da stand das Maskottchen im Weg, ein Bär mit dem schönen Namen Freaky. Er ruderte mit den Armen, ich versuchte ihn noch am Trikot festzuhalten, aber er rutschte mir aus den Händen - und fiel in die Menschenmenge.

Über Cheerleader gibt es jede Menge Klischees

Damals wurde ich krebsrot, heute kann ich herzlich darüber lachen. Das Cheerleader-Team wurde bald zu einer zweiten Familie. Langsam kam auch der Erfolg: Wir hatten unseren großen Auftritt bei der Bayerischen Cheerleader-Meisterschaft 2005, wo wir immerhin Fünfter wurden - im selben Jahr wurde Bamberg deutscher Basketballmeister, 2007 gleich noch einmal.

In der Schule dagegen stand die Sache nicht so hoch im Kurs. Ich bekam von meinen Mitschülern schräge Blicke ab, hinter meinem Rücken tuschelte man: 'Ach ja, die Cheerleader-Tussi'.

Ja, all diese Klischees über Cheerleader ... Zum Beispiel: Man kommt nur ins Team, wenn man wie ein Mannequin ist, mit einem Body-Mass-Index unter 19, und aussieht, als würde man in Heidi Klums Topmodel-Show auftreten wollen.

Um es kurz zu machen: Das ist Quatsch. Klar ist Cheerleading ein Sport, wo man viel Haut zeigt. Aber es ist eben ein Sport. Es ist Tanzen auf Leistungsniveau, die Fitness ist wichtig, Muskeln braucht's auch. Schließlich müssen Leute, die bei einer Pyramide unten stehen und stützen, ein ganz schönes Gewicht aushalten. Und wer fliegt, der sollte seinen Körper gut unter Kontrolle haben. Jeder muss volles Vertrauen in den anderen haben - die Showeinlagen sind nicht ohne Risiko. Erst wenn man sich blind versteht, fühlt man sich sicher.

Cheerleading hat im übrigen wenig bis nichts mit 'Rumpuscheln' zu tun - die Kunst besteht gerade darin, Leichtigkeit während der Show auszustrahlen, obwohl zum Beispiel so eine Pyramide ein echter Kraftakt ist.

Zu Mädchen, die mir nicht glauben wollen, sage ich immer: 'Probiert es doch mal aus, kommt zum Training und macht mit.' Die meisten kneifen. Sie ziehen es vor, im Publikum zu sitzen und zuzugucken. Schade - traut euch doch einfach!"

Aufgezeichnet von Christian Hambrecht



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