Mein erstes Mal Lisa, 17, gestaltet ein Foto-Blog

Jeden Tag des Jahres 2005 hat Lisa Frischemeier ein Foto gemacht und es in ihrem Online-Tagebuch kommentiert. Nun ist die Festplatte voll - und die Duisburger Schülerin wird von fremden Menschen auf der Straße angesprochen.


"Man sieht es den Fotos immer an, wie ich mich gerade fühle. Wenn ich mich hässlich fühle oder krank bin, werden die Aufnahmen oft nicht so gut. Manchmal mache ich nur drei Bilder am Tag, an anderen gehe ich auf Fototour mit meinem Fotofreund Timo und komme mit hundert Aufnahmen nach Hause. Ich bin außerdem eine Wortfetischistin und schreibe immer einen kurzen Kommentar zum Bild des Tages.

Bei einem guten Foto kommt es nicht unbedingt auf die technische Perfektion an, aber es sollte eine Geschichte erzählen. Man muss darauf etwas entdecken können, interessante Details. So etwas bekommt man nicht jeden Tag hin. Trotzdem wollte ich ehrlich bleiben und habe auch die schlechten Bilder veröffentlicht. Einige kann ich nicht ausstehen und zu manchen pflege ich mittlerweile richtige Hassbeziehungen.

Fotostrecke

9  Bilder
Lisas Tagebuch: Jeden Tag ein Foto

Pussywillow heißt "Weidenkätzchen". Ich las das Wort in einer Kurzgeschichte von Roald Dahl im Englischunterricht und habe mich sofort in den Klang verliebt. Ich wollte es auf keinen Fall in meinen Gedanken verstauben lassen und benannte deswegen mein Foto-Projekt danach.

Ich fotografiere, seit ich zwölf Jahre alt bin. Damals handelte es sich um diese Art von Fotografie, die man betreibt, wenn man zum ersten Mal eine Kamera geschenkt bekommt: Man will irgendetwas festhalten, den Urlaub zum Beispiel. Es ging gar nicht um den kreativen Wert.

Bis die Festplatte qualmt

Eines Tages sah ich am Duisburger Hauptbahnhof einen buddhistischen Mönch und ärgerte mich, dass ich meine Kamera nicht jeden Tag dabei habe. Einige Zeit später hörte ich von einem Bekannten, der ein paar Jahre lang jeden Tag ein Foto gemacht hat, und da wollte ich mich auch dieser Herausforderung stellen. Seitdem begleitet mich meine Kamera fast überall hin.

Ich würde gern viel öfter Menschen fotografieren als Gegenstände. Dieses Bedürfnis läuft allerdings oft darauf hinaus, dass ich Fotos von mir selbst mache. Wenn mir nichts einfällt, müssen Gänseblümchen herhalten oder der Himmel. Und wenn ich gar keine Lust habe, setze ich die Anzahl der Fotos, die ich noch machen muss, in Szene.

Am Anfang habe ich noch jeden Tag ein Foto auf meine Webseite www.pussywillow.de.vu gestellt. Mittlerweile update ich nur noch samstags, alles andere kostet mich zu viel Zeit. Die nötigen Computerkenntnisse dafür habe ich mir selbst beigebracht, ich bin ein autodidaktischer Typ. Außerdem liegt meine Seite bei einem Anbieter, bei dem man gleich einen einfachen Editor mitgeliefert bekommt. Den Computer teile ich mir mit meinen Eltern, die sich langsam beschweren, dass die 8GB-Festplatte ständig voll ist: Ich bin zu faul, die vielen Bilder regelmäßig auf CD zu brennen.

Eines Tages stand ein Fremder vor der Haustür

An einem Tag im September ging beim Herunterladen die Speicherkarte kaputt, es gab eine Meldung, sie sei nicht mehr kompatibel. Mein Vater hat alles Mögliche versucht, sie wieder zu aktivieren, und dabei versehentlich die Bilder gelöscht. Da habe ich erst mal angefangen zu heulen, denn beinahe hätte ich für den gelöschten Tag kein Foto gehabt. Mein Vater hat dann ewig im Internet gesucht, um eine Art Rekonstruktionsprogramm aufzutreiben und einen Teil der Fotos wieder herzustellen.

Ich bekomme massig Zuschriften und Gästebucheinträge. Die sind nicht immer positiv: Ein Bekannter unterstellt mir ständig, ich hätte ihm seine Idee geklaut. Andere schrieben schon im Januar, ich solle doch bloß aufhören mit meiner Aktion, ich könne doch gar nicht fotografieren. Aber ich habe keine Lust, mich irritieren zu lassen, auch nicht von dem Besucher, der sich im Gästebuch "Ach ja" nennt und auf meine Kosten herumpöbelt.

Auch wenn ich hier in Duisburg weggehe, werde ich fast jedes Mal auf mein Foto-Tagebuch angesprochen: "Bist du nicht die Lisa, die mit den Fotos?" Manchmal wird das auch richtig beängstigend. Ein fremder Student kam einmal von Köln nach Duisburg und klingelte bei uns an der Haustür. Meine Schwester dachte, er sei ein Freund und schickte ihn mir hinterher. Der Fremde fand mich am Bahnhof Duisburg-Rummeln: "Hallo Lisa. Ich kenne deine Internetseite."

Ich war nicht besonders beeindruckt, schließlich passiert das eben hin und wieder. Im Zug erzählte mir der Typ, dass er bei mir zu Hause gewesen sei, und dann folgte er mir in die Kneipe, in der ich mit meinen Freunden verabredet war. Er ging mir an dem Abend ziemlich auf die Nerven, bis er eingeschnappt abzog. In den nächsten Tagen bekam ich dann böse E-Mails von ihm.

Nun plane ich mein nächstes Projekt. Dabei will ich mir mehr Freiheiten lassen. Ich stelle mir vor, Füße und die dazugehörigen Gesichter zu porträtieren. Ich glaube, das Schuhwerk sagt viel über die Persönlichkeit aus und es wäre spannend zu sehen, ob dieses Projekt mein Vorurteil bestätigt. Dazu muss ich allerdings noch lernen, fremde Menschen für meine Bilder anzusprechen. Das traue ich mich nämlich bisher noch nicht so recht."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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