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05. Oktober 2011, 08:49 Uhr

Mein erstes Mal

Lisa, 18, wird Mathe-Weltmeisterin

Lisa Sauermann hat eine große Liebe: die Mathematik. Sie besuchte Seminare in Weißrussland, hält Vorträge für Schüler und entwickelte sogar ihre eigene Formel. Lisa gilt als eines der weltweit größten Mathe-Talente. Ihre Erfolge allerdings feiert sie ganz einfach.

"An dem Tag, an dem ich die beste Nachwuchsmathematikerin der Welt wurde, habe ich viele Hände geschüttelt. Ich war gerade auf der Internationalen Mathe-Olympiade - und dort wusste natürlich jeder über meine Platzierung Bescheid.

Ich hatte bereits geahnt, dass ich anders als bei den normalen Auszeichnungen allein auf die große Bühne kommen sollte. Die goldene Medaille, die mir um den Hals gelegt wurde, fühlte sich kalt und ungewohnt an. Und der Lorbeerkranz, den mir die Veranstalter auf den Kopf setzten, muss peinlich ausgesehen haben.

In der Schule war ich ein fast normales Mädchen. Dieses Jahr habe ich an einem Dresdner Gymnasium mein Abitur gemacht. Es war manchmal ziemlich stressig, nebenbei noch Mathe-Wettbewerbe zu besuchen und Aufgaben zu lösen. Zudem halte ich inzwischen Vorträge bei Fachseminaren für Schüler, da muss ich einiges vorbereiten.

Und dann gibt es noch diesen neuen mathematischen Satz, den ich während der Abi-Zeit entwickelt habe. Bei einem Seminar der Veranstaltungsserie 'Jugend trainiert für Mathematik' habe ich einen Vortrag gehalten, als ich auf ein Problem aufmerksam wurde. Um das Problem zu erklären, bräuchte man einen eigenen Artikel. Grob gesagt habe ich die bereits bekannte und weithin akzeptierte Graphentheorie auf Hypergraphen übertragen. Es ist abstrakt, aber vielleicht werden unsere Nachfahren in hundert Jahren damit auch ganz praktisch etwas anfangen können.

Ich wollte es unbedingt lösen, aber woher die Zeit nehmen? Gut nachdenken kann ich zum Beispiel beim Duschen. Auch langweilige Schulstunden sind ganz gut - oder Klausuren: Im Frühjahr war ich eine Viertelstunde zu früh mit meiner Chemieklausur fertig. Da fiel mir plötzlich die Lösung für mein mathematisches Problem ein. In solchen Momenten möchte ich aufspringen, aber das ging leider schlecht.

Ein Stück Schokolade für einen mathematischen Satz

Wenn ich eine Lösung für solche komplizierten Dinge finde, dann belohne ich mich abends gern. Nachdem ich meinen eigenen mathematischen Satz entwickelt habe, aß ich ein Stück Schokolade.

Dass Schüler von meinem Gymnasium bei internationalen Wettbewerben gewinnen, ist normal. Deshalb gewöhnten sich meine Mitschüler und Lehrer schnell daran, dass ich oft im Unterricht fehlte, um etwa Seminare in Weißrussland zu besuchen. Mit meinen Eltern spreche ich am Abendbrottisch gar nicht mehr über solche Konferenzen und Mathematik. Schließlich bin ich oft weg, und danach gibt es immer viel zu viel anderes zu erzählen. Wir sehen uns ja kaum.

Ihnen habe ich mein Talent zu verdanken. Ich denke, dass frühkindliche Förderung sehr wichtig für die Entwicklung eines Menschen ist. Meine Eltern erkannten sehr zeitig, dass ich ein Gespür für Mathematik habe. Sie kauften viele kleine Gesellschaftsspiele, beispielsweise das verrückte Labyrinth, durch die ich eine Grundvorstellung von strategischen Entscheidungen bekam. Damals als Kind war ich nie ein guter Verlierer, aber das hat sich glücklicherweise inzwischen gelegt.

Ich kann von Mathe nicht genug bekommen

In der Grundschule sorgte meine Mutter dann dafür, dass ich in der vierten Klasse bereits bei der Mathe-Olympiade für die fünfte Klasse teilnehmen konnte. Und so bin ich reingerutscht in den Zyklus von Wettbewerben und Seminaren, der in meinem Heimatbundesland Sachsen glücklicherweise sehr stark ausgeprägt ist. Ich habe mir als Zehnjährige allerdings noch nicht erhofft, dass ich einmal die weltweit beste Nachwuchsmathematikerin werden könnte.

Kann ich genug von Mathematik bekommen? Nein, eigentlich nicht. Aber kleine Pausen zwischen den arbeitsreichen Tagen sind wichtig. Zusammen mit meiner Familie war ich die letzten drei Wochen mit dem Fahrrad unterwegs. Wir sind 1.800 Kilometer bis nach Tallinn geradelt. Wir haben gezeltet, den ganzen Tag war ich an der frischen Luft. Eine tolle Entspannung.

Im Oktober geht mein Leben als Mathematikerin weiter: Ich werde in Bonn studieren, Mathe natürlich. Danach schaue ich mal, vielleicht promoviere ich, gehe dann in die Wissenschaft oder werde Professorin."

Aufgezeichnet von Rick Noack

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