Mein erstes Mal Lukas, 20, fastet sich beinahe glücklich

Fasten verleiht Flügel und bringt den Durchblick, hörte Lukas Eichhöfer, als er auf Reisen "Rohkost-Jan" traf. Der Abiturient verordnete sich eine Hungerkur und hoffte, dass die Endorphine bald Hula tanzen. Aber ein echtes Glücksgefühl verschaffte ihm erst ein Apfel.


"Der Typ ist ja schräg drauf, dachte ich mir. Ich hatte Rohkost-Jan in Costa Rica kennengelernt. Auf seinem Speiseplan standen Gemüse, rohe Eier und alles, was er in der freien Natur so finden konnte.

Dass er so entspannt war, führte ich auf seine Ernährung zurück. Ich solle unbedingt mal fasten, denn vom Gefühl her sei das ähnlich, empfahl er und schwärmte: 'Es befreit und du siehst alles klarer. Außerdem werden so viele Endorphine ausgeschüttet, dass du denkst, du schwebst.'

Ich war auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Nach dem Abi hatte ich mir eine Auszeit gegönnt und war fünf Monate in Südamerika unterwegs. Fasten klang interessant, doch wollte ich mir das während meiner Reise nicht zumuten. Dafür war es körperlich zu anstrengend.

Doch als ich wieder zurück in Deutschland war, beschloss ich, den Rat von Rohkost-Jan zu befolgen. Sich bewusst für seinen Körper Zeit nehmen und erfahren, wie es so ist ohne Essen. Die Endorphine würden in meinem Körper Hula tanzen, mich glücklich machen. Ohne Zigaretten, ohne Alkohol, ohne Drogen. Für die anstehende Bewerbungsphase an verschiedenen Universitäten konnte ich Durchblick ohnehin gut gebrauchen.

Aber vorher noch mal Sauerbraten

Zunächst stand noch der 50. Geburtstag meiner Mutter an, eine große Party, mit ordentlich viel und gutem Essen. Und da wollte ich fasten? Niemals, man muss es sich ja nicht allzu schwermachen. Bevor ich anfing, habe ich noch einmal ordentlich geschlemmt: Fränkischen Sauerbraten und Schwarzwälder Kirschtorte.

Meine Bekannten reagierten sehr unterschiedlich, wenn ich von Diätplänen plauderte. Mein bester Freund war entsetzt, als er von meinem Plan hörte. 'Du bist doch eh schon so dürr, was willst du denn noch abnehmen?' Dass mir mein Gewicht bei der Aktion egal war, verstand er nicht. Sein Ratschlag: 'Trink lieber ein Bier!'

Meine Mutter hingegen war begeistert von meinem Vorhaben. Sie drückte mir ein Buch in die Hand, ich sollte wissen, auf was ich mich da einließ. Der Titel: 'Wie neugeboren durch Fasten'. Ich sah mich bestärkt, mit meiner Mutter als Fasten-Fachfrau konnte es nun losgehen.

Ich ahnte nicht, wie schwer die nächste Woche für mich werden würde. Erlaubt waren Wasser, Brühe und Saft. Außerdem gab es für mich Brottrunk, das Gesündeste, was man sich nur vorstellen kann. Und genau so schmeckt es auch.

Ich halt das durch

Ich trank die ganze Zeit, um alles einmal kräftig durchzuspülen, auch den Darm. Auf richtige Darmspülungen hatte ich keine Lust, stattdessen nahm ich abführendes Salz. Dessen Wirkung hatte ich mir explosiv vorgestellt. Buchstäblich. Mit einem Schlag ist alles draußen, Befreiung pur. Nun, es war nicht einmal annähernd so spektakulär.

In den ersten drei Fastentagen war ich weder geschwächt noch aufgeputscht. Ich habe viel Holz gehackt, und mein Körper hielt stand, der Magen murrte nicht. Ich war zufrieden und hatte kaum Hunger. Der klare Kopf und die Endorphine würden bestimmt auch bald kommen.

Doch nach drei Tagen begann die Tortur. Wenn ich nun mit meinen Geschwistern am Esstisch saß, rührte sich der Hunger. Während sie Bissen um Bissen leckere Lasagne in sich hineinstopften, saß ich vor meinem Brottrunk. Intensiver Lasagneduft kroch in meine Nase, mein Magen protestierte, fing an zu knurren und wollte die nächsten drei Tage nicht mehr aufhören.

Während meine Freunde ausgingen, blieb ich lieber zu Hause. Schließlich wollte ich mich nicht an mein Wasserglas klammern, während alle anderen ein gutes Bier trinken konnten. Mir fiel das Fasten eh schon schwer genug.

Ein Apfel kann sooo gut schmecken

Ich halt das durch, ich bin ja hart, sagte ich mir immer wieder. Mein Magen knurrte ununterbrochen. Morgen würde es einen ganzen Apfel für mich geben. An diesen Gedanken klammerte ich mich, ein leckerer gedünsteter Apfel, ja fast eine Art Bratapfel. Das war auch das einzige berauschende Gefühl. Kein Schweben, kein Hulahula.

Und konzentrieren konnte ich mich schon gar nicht. Als ich mich durch die Websites der Unis klickte, um endlich meine Bewerbungen loszuschicken, kam mir alles Mögliche in den Sinn: Tomatensuppe, Apfelkuchen, Bier, ein belegtes Brot mit Schinken.

Die letzten beiden Tage, die sogenannten Aufbautage, waren toll. Denn jetzt durfte ich wieder etwas essen, wenn auch nur Rohkost und Knäckebrot. Und nun stellte sich auch ein Glücksgefühl ein. Mir wurde klar, wie gut ein Apfel schmecken kann."

Aufgezeichnet von Christina Schmitt

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