Mein erstes Mal Mara, 20, präpariert Leichen

Skalpell, Schere, Pinzette: Seit einem Semester präpariert die Medizinstudentin Mara Büchner, 20, in ihrem Anatomiekurs Tote. Sie will Gerichtsmedizinerin werden, aber bis dahin heißt es: Fett zupfen und den durchdringenden Geruch von Formaldehyd ertragen.

"Wenn ich morgens Leichen bearbeite, riecht man das den ganzen Tag. Ich esse ein Brot - und habe sofort diesen Duft in der Nase, er klebt an meinen Fingern; fremde Menschen schauen mir nach.

Nein, ich rieche nicht nach Leichen, wie viele denken, sondern nach Formaldehyd - ein typischer Krankenhausgeruch. Die Körper werden damit konserviert. Und wenn man anderthalb Stunden lang an ihnen gearbeitet hat, ist das Formaldehyd eben überall. Da helfen auch die Latexhandschuhe nicht viel.

Mit dem "Präppen", wie wir sagen, beginnen wir Medizin-Studenten im zweiten Semester. Zuerst Haut und Muskeln, dann steht der Bauchraum mit Magen, Leber, Gallenblase auf dem Seminarplan. Nächstes Semester geht's dann an den Thorax, damit an innere Organe wie Herz und Lunge, sowie an die Genitalien.

Die meisten von uns hatten vor dem ersten Präpkurs noch nie eine Leiche gesehen. Gut, auf Beerdigungen, aber da sind die Toten nun mal hübsch gemacht. Bei uns liegt der der bloße Körper auf dem Tisch, er ist hart und verformt vom Liegen, breiter und flacher. Ich habe während meiner Schulzeit zwei Wochen Praktikum in der Gerichtsmedizin gemacht. Mich hat der Anblick also nicht weiter überrascht.

Dass Studenten ohnmächtig werden, ist ein Märchen

Meine Kommilitonen und ich waren begeistert, dass wir jetzt endlich selbst ran durften. Dass die Studenten reihum ohnmächtig werden, ist ein Märchen. Ich habe noch nie gehört, dass das wirklich mal passiert ist.

Seit letztem Semester bin ich zwei Mal die Woche vormittags im Anatomiegebäude, im Präpariersaal. Ich hänge meine Sachen in den Spind, ziehe den weißen Kittel an, hole meine Latexhandschuhe, den Lernatlas der Anatomie, und, natürlich, das Präparierbesteck: Skalpellhalter mit Klinge, Sonde, Schere, eine spitze und eine stumpfe Pinzette. Nochmal genau nachschauen, wie die einzelnen Körpergebiete im Atlas aussehen, dann geht’s los.

Pro Kurs sind wir immer acht bis zehn Leute, an zwei Körperspendern, in der Regel je ein Mann und eine Frau. Wir sagen Körperspender oder Leichen, Namen geben wir den Toten nicht. Man sollte nie nur den Körper sehen - das ist ein Mensch, der uns seinen Körper zur Verfügung gestellt hat. Es ist ein respektvolles Arbeiten, wir verhalten uns dementsprechend, machen keine Witze oder so. Klar, lacht man auch mal oder unterhält sich darüber, was man abends plant.

Aber man muss sich schließlich auch konzentrieren. Mit dem Skalpell Nerven freilegen, das verlangt feinmotorisches Geschick. Am Anfang war ich am Oberkörper beschäftigt, dann hatte ich noch den rechten Oberarm und den rechten Unterschenkel. Zuerst habe ich die einzelnen Hautschichten komplett entfernt. Dann das Fettgewebe: Das muss ganz vorsichtig abgezupft werden, damit nichts kaputt geht, ich will ja keine Nerven oder Blutgefäße zerstören. Zweieinhalb Wochen lang – nur Fett zupfen.

Jeder will der beste Präparator sein

Das Fettgewebe war da schon etwas abschreckend. Als ich alles davon weggezupft hatte, kamen die Muskeln zum Vorschein. Ich habe versucht, das wirklich ordentlich zu machen, ein Blick in den Lernatlas hilft da natürlich. Schließlich müssen wir am Semesterende bei der Prüfung erklären, wo sich welche Nervenbahnen, Muskeln oder Blutgefäße befinden. Und wenn das alles freigelegt und präpariert ist, kann man es besser erkennen – und besser auswendig lernen. Deshalb will auch jeder von uns der beste Präparator sein, das spornt an.

Natürlich sieht’s in Wirklichkeit immer anders aus als im Atlas, aber das ist ja das Spannende. Wenn die Gefäße ganz anders verlaufen, die Leber größer ist als sonst, eine Narbe zu sehen ist, da überlegt man schon, woran der Mensch gestorben sein könnte. Aber da können wir immer nur mutmaßen.

Alles, was wir entfernen, kommt in schwarze Boxen. Nichts geht verloren. Der Körper bleibt komplett, das ist wichtig für die Einäscherung. Ich stelle mir das ziemlich traurig vor: Die Angehörigen warten mitunter drei Jahre lang, bis sie den Verstorbenen bestatten können. So lange liegt er in der Charité, immer in den Händen von Studenten, zum Beispiel meinen. Der Körper, an dem wir zuerst präpariert haben, wird uns noch bis Ende des vierten Semesters begleiten, also bis zum Ende der Präpkurse.

Nach dem Studium will ich in die Gerichtsmedizin, das weiß ich schon seit der siebten Klasse. Mich nervt’s zwar, dass das plötzlich alle wollen, wegen der ganzen Krimiserien. Aber ich find’s trotzdem toll. Dann kann ich endlich rausfinden, woran Menschen gestorben sind."

Aufgezeichnet von Anne Haeming

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