Mein erstes Mal Markus, 14, wird Filmstar

Für die Hauptrolle hat er ein bayerisches Gedicht aufgesagt: Markus Krojer schaffte den Sprung von der Schul-Theatergruppe direkt in den Kinofilm "Wer früher stirbt, ist länger tot". Jetzt hat er eine Rolle nach der anderen - seine Kumpels sagen ihm die Hausaufgaben durch.


"Das erste Mal auf der Bühne stand ich mit neun: Die Theatergruppe meiner Grundschule führte die Weihnachtsgeschichte auf dem Christkindlmarkt meiner Heimatgemeinde in Niederbayern auf. Ich war der Erzähler. Ich war auch noch in einem Theaterverein, da spielte ich in der vierten Klasse meine erste Rolle in einem Kinder-Musical.

Zwei Jahre später, im Sommer 2005, suchte das Team des Kinofilms 'Wer früher stirbt, ist länger tot' in Bayern nach einem Jungen für die Hauptrolle des Sebastian. Sie spähten Schulhöfe aus, gingen auf Fußballplätze und auch zu meiner Tante in München, die dort in einem Verein mit Kindern arbeitet. Sie war es, die mir sagte, ich solle für die Rolle doch mal vorsprechen. Insgesamt musste ich ein paar Mal zum Casting.

Bayerischer Dialekt als Grundvoraussetzung

Beim ersten Mal habe ich ein bayerisches Gedicht aufgesagt - mein Dialekt war Voraussetzung für die Rolle. Fürs nächste Vorsprechen musste ich in ein Münchner Studio. Wir sollten kleine Szenen vorspielen - dafür muss man sich schon ganz gut vorbereiten - Text lernen und so. Es lief ganz gut. Einige Tage später rief die Produktionsgesellschaft an: Ich bekam die Rolle!

Dann kam der erste Drehtag von 'Wer früher stirbt, ist länger tot'. Es war der schlimmste und zugleich der aufregendste. Noch nie zuvor hatte ich ein Filmset gesehen: Überall standen Autos, Lastwagen und riesige Lampen herum. Auf dem Gelände waren so viele Menschen unterwegs, die ich gar nicht kannte - nur den Regisseur Marcus H. Rosenmüller kannte ich bereits von den Castings. Er erklärte mir, wie das alles läuft auf einem Filmset. Und nach der ersten Woche fand ich mich dann auch zurecht.

Die Dreharbeiten waren das Spannendste und Schönste, was ich je erlebt habe. In fast jeder Szene gab es etwas zu lachen, selbst wenn sie traurig war. Man sieht seine Kollegen jeden Tag, zwei Monate lang ununterbrochen von morgens bis abends - wir freundeten uns richtig an. Aber irgendwann sind die Dreharbeiten vorbei, es gibt ein Abschlussfest oder einen Nachdreh und dann - bumm. Aus. Vorbei.

Wie ist es, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

An die Premiere auf dem Filmfest in München kann ich mich noch gut erinnern: Ich kannte den fertigen Film noch nicht und fragte mich, wie es wohl sein würde, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Genauso wie bei einer Tonbandaufnahme? Da denkt man ja auch immer: Oje - wie rede ich denn? Das hört sich ja ganz schön blöd an! Dann sah ich den Film, und es war gar nicht schlimm. Eigentlich war es fast so, als wäre der Junge auf der Leinwand nicht ich. Es kam mir vor, als würde ich halt irgendeinen Film anschauen - und keinen mit mir in der Hauptrolle.

Nach München kamen noch viele weitere Vorpremieren. Wir haben eine kleine Tour quer durch Bayern gemacht - das hat sich ganz schön hingezogen. Oft lagen die Termine unter der Woche, und ich musste immer mal wieder einen Schultag ausfallen lassen.

Worüber ich mich besonders freue: In der Schule war keiner meiner Mitschüler neidisch. Ich hielt ein Referat darüber, wie das mit dem Film so war und alle haben neugierig Fragen gestellt zu den Dreharbeiten. Zugegeben, manche fanden das alles bestimmt nicht so toll. Aber meine Freunde haben sich für mich gefreut.

Manchmal fragen mich Leute, ob ich eigentlich viel Fanpost bekomme. Bei mir ist es nicht so wie bei den Stars, ich bekomme keine 'Wäschekörbe voll mit Fanpost'. Die Briefe, die ich bekomme, beantworte ich alle. Hin und wieder gibt es Autogrammwünsche und kleinere Interviewanfragen. Fanpost finde ich schon toll, aber irgendwann ist es auch genug. Ich bin immer froh, wenn ich mit der ganzen Menge fertig werde - irgendwann muss ich ja auch für die Schule lernen.

Im Mai 2007 fuhr ich mit meiner Mutter zum Deutschen Filmpreis nach Berlin. Sie wusste, was kommen würde, hatte mir aber nichts verraten. Im Saal lotste sie mich an einen Tisch ganz vorne - 'weil du so klein bist', hat sie gesagt. Moderatorin Barbara Schöneberger sagte, dass ein Sonderpreis verliehen werde, sie sprach von 'einem Jungen'. Plötzlich war ich von Fotografen umringt. Ich begriff gar nichts, da rief meine Schauspielkollegin Jule Ronstedt: 'Hey, Markus! Die meinen Dich!' Als mir der Preis übergeben wurde, war ich total baff.

Die Freunde bringen Schulhefte und Hausaufgaben

Nach 'Wer früher stirbt, ist länger tot' habe ich noch zwei weitere Filme gedreht, fürs Fernsehen. Ende Februar steht schon der nächste Dreh an. Der wird zwei Monate dauern, darum muss ich jetzt schon mal für die Schule vorlernen. Während der Aufnahmen habe ich dafür nur in den Pausen und am Wochenende Zeit.

Meine Freunde unterstützen mich in der Zeit, bringen mir ihre Hefte, damit ich nachlesen kann, was sie gemacht haben und sagen mir die Hausaufgaben. Bis jetzt läuft alles super in der Schule. Ich hoffe, dass das auch so bleibt!

Mein vierter Film wird wieder einer fürs Kino, und 'Rosi', also Marcus H. Rosenmüller, führt wieder Regie. Es ist die Verfilmung eines Romans von der österreichischen Schriftstellerin Anna Maria Jokl: 'Die Perlmutterfarbe'. Jetzt sind schon Proben und am 28. Februar geht's los. Ich freu mich schon riesig!

Ich hätte wirklich Lust, später einmal als Schauspieler zu arbeiten. Ich hoffe nur, dass es klappt und dass nicht irgendwann die Angebote ausbleiben. Sehr gerne würde ich auch auf eine Schauspielschule oder sogar Filmhochschule gehen. Ich könnte mir vorstellen, später auch mal als Regisseur oder Cutter zu arbeiten. Filme drehen macht einfach Spaß!"

Aufgezeichnet von Philipp Braun



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