Mein erstes Mal Max läuft auf einer Modenschau

Einmal Model und zurück: Mit 17 landete Max Klein auf einem Laufsteg der Pariser Modewoche, wo Dior-Stylisten ausdauernd an ihm herumzuppelten. Von Rampenlicht, Promis und Champagner fühlte er sich so benebelt, dass er froh war, in Berlin wieder aufzuwachen.


"Vier Leute fummelten gleichzeitig an mir herum. Sie zogen mich an und aus, und wenn ich etwas anhatte, musste ich mit Schuhen, die mindestens vier Nummern zu groß waren, quer durch das Büro laufen. Hin und her, hoch und runter. Und der Chefdesigner rief mit französischem Akzent: "No no no, do it more like this and like this, more proud and don't laugh." Ich war müde und kam mir blöd vor. Ständig fasste mir einer der Stylisten zu nah an den Schritt, wenn er mir eine Hose zumachen wollte.

"I can do this by myself!", ranzte ich den Stylisten an - man muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Als sie nach drei Stunden das passende Outfit für mich gefunden hatten, war ich endlich erlöst. Dann ging es noch zum Haareschneiden, und als ich das Büro wieder verließ, sah ich wie ein Punk aus. Aber es war mir egal, ich wollte einfach nur noch raus aus diesem Büro an der Champs-Élysées.

Ich war 17 Jahre alt und für sechs Tage allein in Paris. Daran war der hagere Mann in Berlin schuld. Er hatte mich einfach in einem Café angesprochen: Ob ich mal Lust hätte, in einer Modenschau zu laufen. Er hatte etwas von Paris und Dior erzählt und mir seine Visitenkarte gegeben. Er war Galerist und mit Hedi Slimane befreundet, dem Chefdesigner von Dior. Wir verabredeten ein Treffen zu dritt, sie machten ein paar Bilder von mir. Einige Wochen später saß ich tatsächlich im Flieger nach Paris.

Lebendige Puppen auf Klassenfahrt

In dem kleinen Hotel, in dem ich wohnte, waren einige Berliner untergebracht, die für Dior laufen sollten. Eine ganze Horde Punks wartete dort auf die Show, ziemlich schräge Typen. Alle waren aufgeregt und gleichzeitig gelangweilt, denn wir durften uns nicht weit vom Hotel entfernen. Fünf Tage lang mussten wir alle ständig auf Abruf sein, um in die Dior-Zentrale gefahren zu werden und uns "fitten" zu lassen - so heißt das, wenn einem diese sündhaft teuren Kostüme auf den Leib genäht werden. Dabei zogen mich vier übertrieben freundliche Leute an und aus, ich durfte nichts selber machen. Sie redeten kaum mit mir, sondern nur darüber, wie die Kleidung an mir aussah. Ich war eine lebendige Puppe.

Am nächsten Abend sahen wir zum ersten Mal, was das für eine riesige Veranstaltung werden sollte, es war eine der großen Shows der Pariser Modewoche. Wir liefen den fast 100 Meter langen Laufsteg zur Probe rauf und runter, Hedi Slimane dirigierte unsere Schritte.

Hinter den Kulissen waren noch Dutzende andere Jungs in meinem Alter, viele hatten ihre Skateboards und Hacky Sacks dabei. Es entstand eine Stimmung wie auf einer Klassenfahrt. Wir konnten einen Blick auf die Gästeliste des Abends erhaschen, und da rutschte uns das Herz in die Hose: Sandra Bullock, Elton John, Daft Punk, Karl Lagerfeld, Hugh Grant und was-weiß-ich-wer-noch-alles standen darauf.

Als dann die Show endlich losging, war ich verdammt aufgeregt. Die 200 Meter im Rampenlicht kamen mir plötzlich endlos vor. Wir standen alle in einer Reihe, die Musik dröhnte, und jeder Junge, der raus ging, verschwand hinter einer gleißenden Wand aus Scheinwerferlicht. Ich lief los und spürte die Hitze der Scheinwerfer im Nacken und die vielen Blicke auf mir. Am Ende des Laufstegs blieb ich stehen und versuchte, stolz auszusehen. Vor meinen Füßen kauerten dunkle Gestalten, alles Fotografen. Ein Blitzlichtgewitter ging los, dass ich fast geblendet wurde. Aber alles ging gut. Ich kam sicher wieder an. Mein Puls raste, als ich wieder hinter der Bühne war, das Adrenalin spritzte mir aus den Ohren. Ich wollte am liebsten gleich wieder raus, ich wollte noch einmal Star sein.

O-Ton Elton John: "Hey Max, see you at the party!"

Doch mein Auftritt war vorbei, und kaum war die Show beendet, stürzten die Sicherheits-Leute und Stylisten auf uns zu und zogen uns die teuren Klamotten wieder aus, damit keiner was klauen konnte. Ich lief dann ein bisschen Backstage umher und rannte Elton John in die Arme. Sofort filmten drei Kameras das Gespräch. Spätestens jetzt stieg mir der Rummel zu Kopf, ich fühlte mich selbst wie ein Promi. Als Elton John dann ging, rief er mir noch nach: "Hey Max, see you at the party!" Das war mir ein wenig peinlich, aber ich fand es auch ganz schön cool.

Auf der Party waren alle Berliner Jungs aus meinem Hotel und all die Showgrößen von der Gästeliste versammelt. Ich bin eigentlich nicht sehr stargeil, aber an dem Abend war ich es. Es gab Champagner in Litern, ich soff wie ein Loch. Am nächsten Tag regten sich die französischen Klatschblätter darüber auf, die Models von Dior hätten sich danebenbenommen. Anscheinend hatten wir im betrunkenen Zustand ein wenig das Hotel leiden lassen.

Schon am nächsten Tag fand ich mich zu Hause in Berlin wieder und war um 300 Euro reicher, die mir Dior für die fünf Tage gezahlt hatte. Es war, als hätte ich geträumt. Aber irgendwie war ich auch erleichtert. Ich glaube, wer über einen langen Zeitraum so lebt, würde den Bezug zur Realität verlieren und in so einer oberflächlichen Welt untergehen."

Max Klein, 21, lebt in Berlin und arbeitet heute als Werbetexter



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