Mein erstes Mal Michael, 17, wird von christlichen Eiferern bedrängt

Als Michael freimütig erzählte, gern mal Bier zu trinken, witterten seine Gasteltern den Teufel in ihm. Jeden Sonntag weckten sie ihn zum Kirchgang - um 6.15 Uhr. Am Ende sollte er noch beim Aufbau einer Fundamentalisten-Kirche in Polen helfen: Das Protokoll eines US-Schüleraustauschs.


"Als ich in Greensboro im US-Bundesstaat North Carolina aus dem Flugzeug stieg, hätte ich niemals damit gerechnet, dass meine Gastfamilie mich auf dem Flughafen mit einer Bibel begrüßen würde. 'Kind, der liebe Gott hat dich um die halbe Welt geschickt, um dich zu uns zu bringen.' In diesem Augenblick wollte ich mich nur noch umdrehen und zurück zum Flieger laufen.

Austauschschüler Michael Gromek, 19: Die Monate bei den Fundamentalisten waren die Hölle
Michael Gromek

Austauschschüler Michael Gromek, 19: Die Monate bei den Fundamentalisten waren die Hölle

Sobald ich in meinem neuen Zuhause in Winston Salem angekommen war, wo ich mein Auslandsjahr verbringen sollte, häuften sich die Vorfälle. So versammelte sich meine Gastfamilie jeden Montag am Küchentisch, um über Sex zu sprechen. Meine Gasteltern selbst hatten seit 17 Jahren keinen Sex mehr miteinander, weil sie, wie sie sagten, ihr Leben Gott widmeten. Sie wollten auch wissen, ob ich Alkohol trinke. Ich gab zu, dass ich gern Bier und auch Wein mag. Sie sagten, in meinem Herzen stecke der Teufel.

Meine Gasteltern behandelten mich wie einen Fünfjährigen und schenkten mir Lutscher. Jeden Sonntagmorgen wurde ich um 6.15 Uhr geweckt. 'Michael, es ist Zeit, in die Kirche zu gehen.' Ich habe diesen Satz gehasst. Als ich eines Morgens nicht mit in die Kirche wollte, weil ich kaum geschlafen hatte, haben sie mir verboten, Kaffee zu trinken.

Eines Tages sprach ich mit meinen Gasteltern über meine Mutter, die von meinem Vater getrennt lebt. Meine Gasteltern waren empört - das Herz meiner Mutter sei genauso vom Teufel erfüllt wie meines, riefen sie. Gott habe gewollt, dass sie mit ihrem Mann zusammen bleibe.

"Das ist Gottes Wille"

Und weil wir schon mal bei Gottes Willen waren, rückten die religiösen Eiferer endlich mit einem Thema heraus, das ihnen offenbar schon lange auf der Zunge lag: Sie wollten, dass ich gemeinsam mit ihnen eine fundamentalistisch-baptistische Kirche in meinem Heimatland Polen aufbaue. So habe Gott es gewollt. Sie versuchten, das so beiläufig zu erwähnen wie möglich, doch es hat mich wirklich schockiert. Denn nur zu diesem Zweck hatten sie mich in ihre Familie aufgenommen. Sie hatten mit dem Bau in Krakau bereits begonnen, ich sollte ihnen bei Übersetzungen helfen und ihren Glauben mit Hilfe von Pressearbeit weiter tragen.

Dass ich das auf keinen Fall tun würde, war für mich klar. Die Familie gab sich entsetzt. Es war schon eine komische Situation, schließlich waren diese Leute mein einziger Umgang zu dieser Zeit. Hätte ich nicht über E-Mails Kontakt nach Hause gehalten, wäre ich vielleicht in diese Welt hineingewachsen.

Erst nach vier Monaten entschied ich mich, die Gastfamilie zu wechseln. Ich hatte immer die Hoffnung, es könnte sich doch noch bessern - doch das war aussichtslos. Ihnen zu sagen, dass ich gehen wollte, war der unangenehmste Moment, den ich in diesem halben Jahr erlebt habe. Natürlich haben sie es nicht verstanden - wie denn auch? Sie waren mit diesem Glauben aufgewachsen und überzeugt davon, und plötzlich kam ich und weigerte mich, mich anzupassen.

Von dem Moment an habe ich die Tage gezählt. Die zwei Monate, die auf meine Entscheidung folgten, waren die Hölle. Meine Gasteltern haben mich verabscheut. Ständig gab es Streitereien. Ich habe zu spüren bekommen, dass sie mich nur noch loswerden wollten. Sie konnten nichts mehr mit mir anfangen.

67 Tage später war ich endlich in einer neuen Familie. Sie waren jung, eigentlich mehr Freunde als Gasteltern, und ich war sehr glücklich dort. Da meine neue Familie nur 50 Kilometer von meiner ersten Gastfamilie entfernt wohnte, war ich zuerst misstrauisch und hatte Angst, dass sich gar nichts bessern wird. Doch der Wechsel hat sich gelohnt.

Ich habe trotz allem noch nicht mit dieser Erfahrung abgeschlossen. Demnächst möchte ich der religiösen Familie einen Brief schreiben, in dem ich ganz klar und ruhig erkläre, warum alles so schief gelaufen ist. Denn so sollte es nicht enden."

Aufgezeichnet von Magdalena Blender

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