Mein erstes Mal Moritz, 19, heiratet

Mit 15 Jahren hatte Moritz Kießwetter seinen ersten Urlaubsflirt. Sie hieß Steph, war Belgierin und wurde seine große Liebe. Jetzt, mit dem Abitur in der Tasche, machte er ihr einen Antrag.

Von Christian Hambrecht


"'Bist du dir da gaaanz sicher?' Dazu der Kopf schräg gelegt, der Blick fragend, zweifelnd. Irgendwann war ich es leid, auf diese Frage zu antworten. Natürlich war ich mir sicher. So eine Entscheidung trifft man ja nicht aus dem hohlen Bauch heraus.

Man steigt auch nicht in einen ICE, um es sich plötzlich anders zu überlegen und bei 300 Kilometern pro Stunde abzuspringen. Überlegen muss man vor dem Einsteigen. Das haben Steph und ich gründlich getan, knapp ein Jahr war unser Plan schon alt. Zugegeben, anfangs war es nicht mehr als eine lustige Idee, wir haben gefrotzelt, was man halt macht, wenn man schon seit einigen Jahren zusammen ist.

Die Zeit verging, Steph studierte bereits und ich stand kurz vor dem Abitur. Ganz allmählich, kaum dass wir es gemerkt haben, wurde aus dem Spaß Ernst. Wir spürten es beide. Es fehlte nur ein Startsignal, quasi der Pfiff des Schaffners.

Dass er so schrill und herrisch werden würde, hätte ich nicht gedacht: Eines Tages lag der Musterungsbescheid im Briefkasten. Die Bundeswehr wollte mich einziehen. Ich wollte aber nicht zur Bundeswehr - sondern gleich studieren. Aber ich wusste: Ein Schlupfloch gibt es. Wer unter der Haube ist, wird nicht mehr eingezogen, so lautet die amtliche Vorschrift.

Abends saß ich mit Freunden in unserem Stammcafé. Das warme, leicht dämmrige Licht der Deckenleuchten spiegelte sich auf der glänzenden Tischoberfläche. Ich sprach das erste Mal aus, was Steph und ich uns überlegt hatten: Wir werden heiraten. Noch mit einem 'Vielleicht' davor.

Meine Freunde waren nicht sonderlich überrascht. Sie lächelten, einige fragten sich im Stillen: Wirklich?

Wir lagen angesäuselt im Freien, da zwitscherte sie vorbei

Hätte ich es selbst vor vier Jahren für möglich gehalten? Ich, 15, im Sommerurlaub, mit den Eltern. In einem Hotel in Österreich, 'all inclusive'. Ich traf ein paar andere Jungs, wir leerten die Minibars - mit besonderer Vorliebe für den Alkohol. Nachts lagen wir angesäuselt im Freien, zwei Mädchen zwitscherten vorbei, eine konnte gut Englisch, ich auch, wir kamen ins Quatschen.

Von da an trafen wir beide uns jeden Abend. Die Sommernacht lächelte, die Alpen drum herum strebten himmelwärts, es geschah: Wir küssten uns. Als es am Schönsten war, reisten wir ab. Steph nach Belgien, ich nach Bamberg. Großer Abstand. Eine Sommerromanze. Und Schluss?

Wir hielten Kontakt. Wir telefonierten, schrieben Briefe. Knapp ein Jahr später war es soweit: Ich saß ich im Zug nach Antwerpen. Es war wie in einem merkwürdigen Traum, einem Traum, aus dem man nicht aufwacht. Immer wieder fragte ich mich: Was tust du da? Fährst in ein Land, das du nicht kennst, zu einem Mädchen, das du kaum kennst. Wird es noch sein wie im letzten Sommer? Der Zug hielt, Steph stand am Bahnsteig.

Und alle Zweifel waren weg.

Meine Eltern hatten es geahnt und ein bisschen befürchtet

Ein Freund riss mich aus meinen Gedanken. Ich war wieder in Bamberg, im Café. Ob meine Eltern schon Bescheid wüssten? Nein, sie wussten es noch nicht. Ich wartete auf den richtigen Moment.

An einem Donnerstagabend im April war er da: Meine Schwester lag schon im Bett, ich saß vor dem Fernseher. Meine Eltern sprachen in der Küche über Party-Vorbereitungen. Ich ging zu ihnen und sagte es. Sie hatten es schon geahnt, ein bisschen befürchtet, nun waren sie skeptisch. Aber sie kannten mich - sie wussten, dass ich das durchziehen würde. Widerstand zwecklos.

Erste Etappe geschafft, jetzt kamen die unvermeidlichen Behördengänge. Würde man uns schief anschauen, weil wir so jung sind? Die Beamten auf dem Standesamt in Gent schauten uns freundlich und gerade in die Augen - wir fielen nicht auf. Zu diesem Standesamt kommen viele Menschen, deren kulturelle Wurzeln im Islam liegen. Oft ist da ein junges Heiratsalter üblich.

Das Standesamt sollte ich noch näher kennenlernen, ganze fünfmal mussten wir dort vor unserer Hochzeit antanzen. Immer wieder passte etwas nicht: Sie brauchten meine Geburtsurkunde, also ließ ich mir eine internationale ausstellen. Die Belgier akzeptierten die aber nicht, also musste meine deutsche her, und so weiter… die Bürokratie hielt uns höflich lächelnd auf Trab; die Überzeugungsarbeit bei den Eltern war dagegen ein Klacks.

In diesem Moment braucht man keinen Spickzettel

Eltern, Behörden - das waren die kribbeligen Sachen - aber es gab auch Momente, die die Hochzeit schon vorher zu einem Versprechen machten. Zum Beispiel mein Antrag: Steph ahnte nichts, als ich ihr einen Spaziergang im Park vorschlug. Ich hatte einen Korb gepackt, obenauf einige Häppchen, Erdbeeren. Unter einer Decke versteckt hatte ich in den gleichen Korb Kinderchampagner und zwei Gläser gelegt, Steph mag keinen Alkohol.

Bei den Verlobungsringen ging ich hundertprozentig sicher, die kamen nicht in den Korb, die presste ich tief in meine Hosentasche. Wir schlenderten zu einem Weiher, setzten uns ans Ufer. Ich breitete die Decke aus - und holte die Ringe aus der Tasche. Sie glitzerten in der Sonne.

Ursprünglich wollte ich einen Spickzettel vorbereiten - dem Anlass gemäß ein paar schöne Worte darauf -, verließ mich dann aber darauf, im richtigen Moment das Richtige sagen zu können, einfach so. Feierlich machte ich Steph den Heiratsantrag. Nur auf die Knie gehen konnte ich nicht, da wir eh schon saßen.

Und sie sagte: Ja.

Wir sind das Haselstrauch-Paar von Hoboken

Es kam der 20. Juli, der Tag, an dem wir heiraten sollten. Hochsommer, dachten wir, doch der war nicht in Sicht. Stattdessen weit und breit nur Regenschleier. Ich sah sie, als ich morgens aus dem Wohnzimmer in den Garten schaute. Ich musste den ganzen Vormittag angestrengt nach draußen oder ins Leere schauen, denn Steph stand im Brautkleid hinter mir. Und ich durfte sie vor der Trauung nicht sehen – das verlangt die Konvention.

Das Rathaus vom Antwerpener Stadtteil Hoboken liegt mitten im alten Stadtpark, ein Kiesweg führt von einem wuchtig geschwungenen Eisentor zum Eingangsportal. Der Trauungssaal ist hoch, karmesinrote Samtvorhänge gaben dem Grau des Himmels etwas Farbe. Der Zeremonienmeister rezitierte ein romantisches Gedicht, dann sprach er von einem keltischen Baumhoroskop, in dem für Steph und mich dasselbe Sternzeichen gilt: Der Haselstrauch. Dessen gute Eigenschaften haben wir, sagte er, die schlechten nicht.

Seinen Schlusssatz habe ich genau behalten, weil er mir gefällt. Er eignet sich prima als saloppe Antwort für die Skeptiker, die es zwar nicht mehr sagen, aber immer noch denken: Bist du dir ganz sicher? Ich sage dann:

'Normale Maßstäbe reichen nicht aus - für uns Haselstrauch-Menschen.'"



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