Mein erstes Mal Philipp, 19, radelt auf den Mont Ventoux

Was viele Rad-Profis nur mit Epo hinbekommen, wollten Phillipp aus Bamberg und seine beiden Kumpels in den Sommerferien ganz sauber packen: den Mont Ventoux, Schicksalsberg der Tour de France. Hitze und Steigung waren mörderisch - sie landeten erstmal im Straßengraben.


"Mythos Mont Ventoux: Seit mehr als 50 Jahren hecheln die Radsporthelden zum Gipfel hinauf. Der Mont Ventoux zählt zu den 'heiligen Bergen' der Tour de France. Schon früh hatte ich mir in den Kopf gesetzt: Ich will da rauf! Zwei Freunde, Andi und Tilman, wollten das auch. In den Sommerferien nach dem Abitur kam die Gelegenheit. Unsere persönliche Tour de France begann knapp 800 Kilometer nördlich vom Mont Ventoux: in Bamberg. In Etappen ging es über Freiburg, Mülhausen, Besançon per Rad und Bahn bis nach Orange, der Ausgangsbasis für unseren Gipfelsturm.

Der Schweiß quoll uns aus allen Poren

Der 28. August sollte der Tag unseres Gipfelsturms werden. Wir brachen auf und gleich wieder zusammen. Andi hatte einen Platten. Wir warteten im Straßengraben, bis Andi den Reifen geflickt hatte. Erste Schweißperlen traten auf die Stirn. 40 Kilometer Anfahrt zum Mont Ventoux lagen noch vor uns.

Um Mittag herum sahen wir den Berg das erste Mal: Blau schimmerte er am Horizont hinter silbrig-grünen Wäldern, Hügeln und ockerbraunen Feldern. Schnell ein Foto. Dann einen Power-Energy-Riegel gegessen, Bein über den Sattel geschwungen – Bergheil!

Wir hatten, na klar, die schwierigste Anfahrt gewählt: 21 Kilometer hinauf bis zum Gipfel, durchschnittliche Steigung 7,5 Prozent, manche Passagen mehr als zehn Prozent. Etwas ungestüm legten wir los, und ... bereuten es bald. Der Schweiß perlte nicht mehr, er quoll uns aus allen Poren.

Auf meinem Rücken bildete sich ein flacher Salzsee, überwölbt von Trikot und dem zwölf Kilogramm schweren Rucksack. Nach etwa 400 Höhenmetern mussten wir die erste Pause einlegen.

Wir torkelten in den Schatten, kaum mehr in der Lage, uns noch zu bewegen. Andi plumpste zum zweiten Mal in den Straßengraben, er legte sich der Länge nach hin, streckte die Knie durch und dehnte die Oberschenkel. Er stöhnte laut auf. Er sah ein wenig aus wie ein großer Käfer, der hilflos auf dem Rücken liegt und schmerzvoll fiept.

Wir beschlossen, etwas langsamer weiterzufahren. An der Spitze wechselten wir uns ab. Die Vegetation wurde spärlicher, aber wir merkten es kaum. Wir hatten nur Augen für die kleinen Steine am Straßenrand, die in regelmäßigen Abständen wiederkehrten. Sie zeigten uns Höhe und Steigungsgrad an. Sie quälten uns, sie lockten.

Der Spurt um den Etappensieg

Schamlos relaxte Motorradfahrer schossen an uns vorbei, Radfahrer rollten uns entgegen - Kinder, ältere Leute. Ihre Gesichter freudig-rosig, unter den Achselhöhlen keine Schweißflecken. Sehr verdächtig. Wir sagten uns: Die machen bestimmt nur die Abfahrt per Rad. Auf den Gipfel waren sie bequemer gekommen. Das tröstete ein wenig.

Wir hatten es kaum bemerkt: Plötzlich sah die Landschaft unübersehbar anders aus. Kein Baum, kein Strauch. Vor uns nur noch eine grauweiße, leere Steinwüste. Wie auf dem Mond.

Bei der Tour de France kommt spätestens hier der Angriff, der über den Etappensieg entscheidet. Tilman, der voran fuhr, spürte das. Er zog an. Andi und ich mühten uns, zu folgen. Hinter der nächsten Serpentine kam der Gipfel mit dem großen Funkturm in Sicht. Unsere Lungen schmerzten. Der Turm verschwand hinter Abhängen, tauchte wieder auf. Er narrte uns. Die Sonne knallte erbarmungslos auf uns herab. Aber wir kamen näher: Der Turm wuchs mit jeder Pedalumdrehung. Die letzten Meter waren großartig: Wir rollten über die Ziellinie, wir hatten es geschafft. Mehr gab es nicht zu sagen.

Punktaus. Puste aus. Was für ein Gefühl!

Über uns wölbte sich der siebte Himmel weit und endlos. Wir lehnten die Räder gegen das blaue Gipfelschild: 'Sommet de Mont Ventoux, 1910 m.' Ein jubelndes Publikum gab es da oben nicht, aber einen Süßigkeitenstand: Tilman und Andi machten sich die Tüte voll.

Ein paar Gipfel-Touristen hatten uns beobachtet: Neugierig näherten sie sich. Sie fragten, ob sie sich unsere Räder kurz leihen dürften. Sie machten ihre Fotos, mit unseren Rädern: Ein Griff nach dem Radlenker, die meist schon schwabbelige Brust der Kamera entgegen gereckt. Den Nachbarn haut das Bild sicher um.

Mit 70 Stundenkilometern ins Tal

Wir genossen die Aussicht. Aber nicht zu lange, da wir noch den Ort Sault erreichen mussten, gute 25 Kilometer entfernt. Bei der Abfahrt zischte uns der Wind unter die Helme.

Wir stoppten an der Gedenktafel für Tom Simpson: Der berühmte britische Radrennfahrer war 1967 bei der Auffahrt zum Mont Ventoux tot vom Rad gefallen, weil sein Körper voll mit Dopingmitteln war. Es war ein schlichter, glatter Stein in der Einöde. Jedes Jahr sterben drei bis vier Menschen beim Versuch, den Ventoux mit dem Rad hinauf zu fahren.

Dann sausten wir weiter. Mit 70 Stundenkilometern gen Tal - Sträucher und Bäume kehrten zurück, aus der Ebene grüßten weite, duftende Lavendelfelder. Die Augen tränten im scharfen Fahrtwind, aber im Kopf wurde ich ganz klar. Ich begriff, was wir gerade geschafft hatten.

Aufgepasst, ihr Damen und Herren in der Tourleitung: Sperrt die Champs-Elysées ab und baut das Siegerpodest wieder auf! Vergesst alle epoverseuchten Radathleten, die Jahr für Jahr die Tour zum Skandal machen. Wir haben etwas Unerhörtes vollbracht. Wir haben den Mont Ventoux gepackt, und zwar ohne Doping!"

Aufgezeichnet von Christian Hambrecht



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.