Mein erstes Mal Sabine, 18, rettet einen Rentner vor dem Ertrinken

Eigentlich fand Sabine Singer das Wasser viel zu kalt zum Schwimmen, doch sie ging trotzdem hinein. Glück für einen 78-jährigen Badegast: Die Schülerin zog den bewusstlosen Mann aus dem Attersee - und das war ganz anders als bei "Baywatch".


Retterin in letzter Minute: Sabine Singer, 18

Retterin in letzter Minute: Sabine Singer, 18

Es war ein ziemlich kühler Tag. Auch das Wasser im Attersee war kälter als sonst: 18,5 Grad. Das weiß ich so genau, weil ich im Hotel am Attersee Ferienarbeit mache, und dort messen sie jeden Morgen die Wassertemperatur. 18,5 Grad finde ich viel zu kalt zum Schwimmen. Ich weiß gar nicht, warum ich an diesem Sonntagnachmittag trotzdem hinunter zum See ging.

Dort waren noch andere Gäste des Hotels. Sie überredeten mich, mit ihnen ins Wasser zu gehen. Wir schwammen ziemlich weit auf den See hinaus, doch ich bin schnell wieder umgekehrt und habe mich auf eine Bank gesetzt, um mich aufzuwärmen. Es war mir einfach zu kalt.

Einer der Gäste im Wasser war Johann T., ein 78-jähriger Rentner. Ich sah, wie er in Richtung Ufer schwamm, doch als er den Steg fast erreicht hatte, war er plötzlich weg. Ich hatte ein komisches Gefühl und bin zum Ende des Stegs gelaufen, um nachzuschauen. Da sah ich ihn dann regungslos treiben. Ich habe sofort mein Handtuch weggeworfen, bin ins Wasser gesprungen und habe versucht, seinen Kopf über Wasser zu halten. Das war gar nicht so einfach, denn das Wasser war drei oder vier Meter tief.

Rettung im letzten Moment, sagen die Ärzte

Früher haben wir als Kinder manchmal Rettungsschwimmer gespielt, so wie in der Serie "Baywatch". Aber das war plötzlich etwas ganz anderes. Herr T. wog bestimmt 80 Kilo und bewegte sich nicht mehr. Ich habe den Mann unter dem Kinn festgehalten und nach Hilfe gerufen, bis endlich eine junge Frau vorbeikam. Das dauerte zwar nicht lange, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor.

Zu dem Zeitpunkt hatte Johann T. schon viel Wasser geschluckt und war bewusstlos. Wir haben ihn dann gemeinsam irgendwie aus dem Wasser gezogen. Drei Viertel seiner Lunge war voll mit Wasser. Die Ärzte sagten, es war Rettung im letzten Augenblick. Offenbar hatte er beim Schwimmen einen Schwächeanfall gehabt. Nach zwei Tagen im Krankenhaus kam er dann wieder zu uns in Hotel. Schwimmen traut sich Herr T. nun nicht mehr zu, seine Frau würde ihn auch nicht mehr ins Wasser lassen.

Seit diesem Vorfall kennt mich jeder im Hotel. Tagelang klingelten die Telefone, weil Journalisten mich sprechen wollten. Auch Fotografen und das Lokalfernsehen haben mich besucht. Ich fand das eher anstrengend, ich konnte gar nicht richtig arbeiten. Es ist doch irgendwie klar, dass man so etwas macht, ich habe da gar nicht drüber nachgedacht.

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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