Mein erstes Mal Susanne spricht im Fernsehen über Jungs und Flirten

Nie hätte Susanne Thurner gedacht, dass ihr Leben interessant sein könnte. Dann wurde sie zwei Jahre von einem Arte-Fernsehteam begleitet. Vor der Kamera fiel Susanne das Reden leicht - aber manche Details der Dokumentation sind der 13-Jährigen heute ziemlich peinlich.


"Ich habe mich sehr verändert in den letzten zwei Jahren. Besonders über Jungs und Alkohol denke ich jetzt völlig anders. Heute finde ich, dass man mit Jungs auch befreundet sein kann. Früher ging das gar nicht. Da hieß es immer gleich: 'Der ist in dich verliebt!', wenn man auch nur mit einem Jungen gesprochen hat. Früher habe ich auch gesagt, ich würde nie im Leben Alkohol trinken. Doch heute gehe ich manchmal abends weg und trinke dann auch mal ein Bier.

Vielleicht hätte ich jetzt schon vergessen, wie ich vor zwei Jahren war, wenn nicht damals unsere Biologielehrerin einen Zettel vorgelesen hätte. Auf dem stand, dass Schüler für einen Film gesucht würden. Rebecca und ich haben uns als einzige aus unserer Klasse beworben, einfach so aus Spaß. Wir haben beschrieben, was wir so in unserer Freizeit machen - Shoppen und Flirten - und welche Musik wir hören, etwa Madonna, Sasha und Britney Spears. Kurz darauf war klar, dass wir mitmachen würden - und zwar beide! Und wir hatten gedacht, die nehmen nur reiche und schöne Leute und nicht so normale wie uns.

Rebecca und ich waren zu der Zeit noch beste Freundinnen, auch wenn sie schon 13 und ich erst elf Jahre alt war. Rebecca war die Klassendiva und hat alle Jungs verrückt gemacht. Ich habe sie damals sehr bewundert und wollte unbedingt so sein wie sie. Aber Rebecca hat sich immer mehr getraut als ich. Ich hingegen hatte keine Lust, mich mit meinen Eltern zu streiten und rebellisch zu sein. Obwohl es natürlich genervt hat, dass ich schon um acht ins Bett musste.

Kurz nachdem wir den Brief geschrieben hatten, kam die Filmemacherin Dominique Klughammer zu uns nach Hause und erklärte unseren Eltern, wie das Projekt "Das Ende der Kindheit" ablaufen würde, das kürzlich auf Arte gesendet wurde: Sechs Schüler sollten zwei Jahre lang begleitet werden und ständig Kontakt mit den Filmemachern halten.

Rebecca und ich waren total hibbelig und wussten gar nicht, wie wir uns verhalten sollten. Aber die Filmemacher haben uns alles sehr lieb erklärt und hatten viele Ideen. Es gab zwar einen Drehplan, in dem 15 Drehtage in den zwei Jahren vorgesehen waren, etwa alle zwei Monate. Doch vieles passierte dann spontan, wenn bei einer von uns gerade viel los war, kam Dominique dann schnell mit ihrem Kamerateam.

Peinliche Themen, bitte in ganzen Sätzen

An den Drehtagen sollten wir immer viel reden und uns als Freundinnen darstellen. Wir sind auch mal mit dem Team Einkaufen gegangen oder so. Viele Szenen tauchten nachher gar nicht im Film auf, zum Beispiel wie Rebecca und ich gemeinsam gekocht haben. Oder wie ich mit meiner jetzigen besten Freundin Volleyball spielen war.

Vor der Kamera zu stehen, war anfangs sehr komisch. Ich musste ständig daran denken, dass einmal sehr viele andere Leute diese Aufnahmen sehen würden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und ob ich alles richtig mache. Das Team hat uns zwar Themen vorgegeben, über die wir reden sollten, etwa Drogen oder wie wir uns das erste Mal vorstellen. Doch die einzige Anleitung war, dass wir in ganzen Sätzen sprechen sollten.

Manche Themen waren ziemlich unangenehm. Es war mir nicht etwa peinlich zu sagen, dass ich verliebt bin, denn ich habe keine Namen genannt. Aber wie wir uns unser erstes Mal Sex vorstellen, wollten wir beide nicht beschreiben. Das soll unser Geheimnis bleiben, und da sind wir auch konsequent geblieben.

Mit der Zeit habe ich immer mehr gespürt, dass Rebecca älter war als ich. Sie ging abends mit Gleichaltrigen weg, ich durfte noch nicht raus. Dass unsere Freundschaft daran zerbrach, hat mir sehr zugesetzt. Ich dachte, dass wir ewig beste Freundinnen sein würden, ich hatte vorher noch nie so etwas Großes erlebt. Wir kommen jetzt zwar ganz gut miteinander aus, doch "beste Freundinnen" ist nicht mehr und wird auch nicht mehr sein.

Vor der Kamera fällt manches leichter

Ich sehe sie jetzt kritischer als damals. Mir gefällt es nicht, wie sie mit Jungs umspringt und finde es nicht in Ordnung, wenn sie von einem Schoß auf den nächsten hopst. Als ich ihr das gesagt habe, hat sie zickig reagiert - und ich habe mir gedacht: Gut, das war's dann halt. Manchmal kann sie auch echt nett sein, doch dann am nächsten Tag wieder unausstehlich.

Als dann die DVD mit der Post kam, wollte ich den Film zunächst gar nicht sehen und habe mich einen Tag lang davor gedrückt. Es ist mir so unendlich peinlich, was ich vor zwei Jahren alles erzählt habe! Es war ein ganz komisches Gefühl, seine eigene Kindheit noch mal zu sehen. Danach ging es mir erstmal gar nicht gut, ich konnte nachts nicht schlafen. Besonders meine Ansichten über Freundschaft und Jungs finde ich heute ziemlich bescheuert. Vieles hat sich geändert: Früher habe ich meine Locken gehasst, heute trage sie gern offen. Ich ziehe mich anders an und mag nicht mehr Reiten. Ich höre auch keine Musik von Pop-Sternchen mehr - heute finde ich AC/DC und Nirvana cool.

Besonders schlimm fand ich, dass ich in der ersten Folge einen Jungen zu meinem Geburtstag eingeladen hatte, den ich mittlerweile überhaupt nicht mehr mag. Damals war er zwar schon ein ziemlicher Streber, aber man hat das noch nicht so gemerkt - erst letztes Jahr in meiner Lateinklasse ist er mir sehr unangenehm aufgefallen.

Bei solchen Szenen denke ich manchmal ganz kurz: Hätte ich doch den Film nie gemacht! Doch letztlich ist das ein tolles Andenken, das sonst keiner hat. Und manchmal habe ich vor der Kamera Dinge gesagt, über die ich sonst nicht geredet habe. Wenn ich zum Beispiel sauer auf meine Mutter war, wollte ich ihr das nicht sagen, weil ich es nicht ertrug, sie traurig zu sehen. Vielleicht können meine Eltern jetzt im Nachhinein noch besser verstehen, wie es in mir damals aussah."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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