Mein erstes Mal Timo verfilmt Counter-Strike

Sechs Monate lang schnitt Timo Rositzki, 18, einen Kurzfilm aus Szenen des Ballerspiels Counter-Strike zusammen – und landete mit "Awoken Eyes" einen großen Erfolg im Internet. Jetzt will der Hamburger Schüler richtige Spielfilme drehen.


"Dass mein Film 'Awoken Eyes' in nur drei Tagen gut 80.000 Mal aus dem Internet heruntergeladen wird, damit hätte ich nie gerechnet. Anfangs war ich sogar fast ein bisschen geschockt über den großen Erfolg. Doch dann habe ich mich wahnsinnig gefreut. Schließlich war es auch ganz schön viel Arbeit, bis ich den Film im August vergangenen Jahres fertig hatte.

Angefangen hat alles im Juni 2004, direkt nach meinem ersten Film 'Three Kings'. Damals bekam ich von den Profi-Computerspielern des Clans Alternate Attax den Auftrag, einen Film über sie zu machen, in dem sie das Taktik-Shooter-Spiel Counter-Strike spielen. Dabei sind die Spieler in zwei Teams aufgeteilt: Die eine Seite spielt Terroristen, die Geiseln kidnappen oder Bomben legen; die andere Seite ist eine Spezialeinheit der Polizei, die versucht, die Verbrecher zu erwischen.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb ein Drehbuch. Dann begann ich die spektakulärsten Szenen zusammenzuschneiden und mit Musik zu unterlegen. Die Auswahl der Lieder war mir sehr wichtig, denn ich finde, dass ein Film erst durch die richtigen Songs eine bestimmte Stimmung bekommt.

Im Februar vergangenen Jahres hatte ich dann den Trailer mit einer Länge von etwa drei Minuten fertig und stellte ihn ins Netz. Kurz darauf klingelte das Telefon. Ein Redakteur von 'Giga Games' war am Apparat – und lud mich in die Sendung ein. 'Wow, wie cool!', schoss es mir durch den Kopf. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, die Chance zu bekommen, den Trailer im Fernsehen bei NBC vorzustellen. Als die Sendung vorbei war, sagten die Redakteure, ich solle mich wieder melden, wenn der Streifen fertig sei.

Einsame Arbeit am Film

Jetzt ging die Arbeit erst so richtig los. Ich wollte einen Actionfilm mit einer Länge von 30 Minuten machen, bei dem unter anderem Terroristen den US-Präsidenten und seine engsten Berater entführen. Damit die Protagonisten nicht als stumme Computerspielfiguren über den Bildschirm flimmern, synchronisierte mein Vater den Terroristen, mehrere Freunde sprachen die Geisel und das Rettungsteam. Da war richtig was los bei uns zu Hause! Das war aber die große Ausnahme. Die meiste Zeit saß ich allein in meinem Zimmer vor dem Computer.

Schüler Timo Rositzki: In den Ferien einen Blockbuster geschnitten

Schüler Timo Rositzki: In den Ferien einen Blockbuster geschnitten

Manchmal war ich ganz schön einsam. Besonders schlimm war es in den großen Ferien. Da fuhr meine Familie zum Sommerurlaub an die Ostsee. Weil ich den Film unbedingt noch vor Beginn des neuen Schuljahrs fertig machen wollte, blieb ich ganz allein zu Hause - und war wie im Wahn: Ich schlief kaum noch, arbeitete jeden Tag von halb elf Uhr morgens bis fünf Uhr nachts ohne Pause an meinem Film.

Klar hatte ich an manchen Tagen auch mal gar keine Lust weiterzumachen. Ich wusste ja nicht, ob ich es überhaupt jemals bis zur Veröffentlichung schaffe. Doch in solchen Situationen haben mich meine Kumpels aufgemuntert und gesagt: 'Das ist ein super Projekt!' Und: 'Mach weiter, Du schaffst das!' Wir haben dann zusammen Pizza gegessen, auf dem Sofa gechillt und ein bisschen Musik gehört. Das hat mir ziemlich gut getan und wieder neuen Antrieb gegeben.

Im August 2005, war es endlich soweit: 'Awoken Eyes' war fertig, ich habe ihn bei 'Giga Games' vorgestellt. Eine Stunde lang habe ich mit dem Moderator über meinen Film gesprochen. Das war echt wahnsinnig: Noch während der Sendung schrieben die Zuschauer 800 Kommentare! Die meisten fanden meinen Film ziemlich cool. Logisch, dass ich mich darüber riesig gefreut habe.

Nach dem Abi Ausbildung zum Regisseur

Als ich dann wieder in der Schule war, kamen Mitschüler in der großen Pause auf mich zu und sagten mir, wie cool sie mich fänden. Gleichaltrige Typen, die ich vorher noch nie gesehen hatte, meinten: 'Du bist mein Vorbild!' Aber eine Klassenkameradin schimpfte auch: 'Du bist total arrogant!' Darüber ärgere ich mich aber nicht. Mittlerweile wurde der Film mehr als 230.000 Mal  von meiner Homepage und bei Giga heruntergeladen. Da gibt es eben Neider.

Angefeindet hat mich noch niemand wegen des Films. Es soll ja Leute geben, die behaupten, Counter-Strike mache aggressiv. Doch das Spiel hat mittlerweile einige Jahre auf dem Buckel und ist absolut harmlos im Vergleich zu neuen Games. Wenn mir jemand vorwerfen würde, Counter-Strike fördere Gewalttätigkeit, dem würde ich einfach ein paar aktuelle Spiele aus dem Laden um die Ecke unter die Nase halten. Auch in "Awoken Eyes" geht es um den sportlichen Wettkampf im Spiel, weniger um die Gewalt. Nur die letzten zehn Minuten des Films orientieren sich stark an aktuellen Action-Filmen und sind etwas brutaler.

Trotz des Erfolgs von 'Awoken Eyes' möchte ich keinen weiteren Computerspiel-Film machen, sondern nur noch richtige Spielfilme. In den letzten Monaten war ich an einer Highschool in den USA. Dort habe ich im Football-Team gespielt. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mit dem Camcorder einen 80-minütigen Film über mein Team gedreht habe. 'The Memory Remains' werde ich jetzt über meine Homepage als DVD verkaufen.

Nach dem Abitur möchte ich an eine Filmhochschule gehen und eine Ausbildung zum Regisseur machen. Zunächst aber werde ich einen Nachfolge-Film von 'Awoken Eyes' drehen, dafür habe ich sogar einen richtigen Filmvertrieb gefunden, der mir ein ordentliches Budget zur Verfügung stellt und den Film im Herbst 2007 als DVD verkaufen wird. In wenigen Monaten beginnen die Dreharbeiten in Berlin. Später möchte ich mal einen Kinofilm machen, bei dem die Zuschauer hinterher den Saal verlassen und sagen: 'Dieser Film hat mein Leben verändert'!"

Aufgezeichnet von Sabine Hoffmann



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