Mein erstes Mal Yevgen, 21, beantragt Bafög

Kreuzchen hier, Kreuzchen da: Formulare ausfüllen findet Yevgen Aba scheußlich. Aber er will Wirtschaftsingenieur werden und braucht Geld. Also füllt der Erstsemester tapfer den Bafög-Antrag aus. Allein Formblatt 1 hat 100 Fragen - und da ist diese verflixte Frage 70.


"Ich hasse Formulare, besonders die von irgendwelchen Ämtern. Die vielen Fragen und Ankreuzkästchen überfordern mich. Doch kurz vor dem Unistart führt leider kein Weg am Bafög-Antrag vor vorbei - schließlich brauche ich das Geld. Allein die Studiengebühren und das Semesterticket an der Uni Erlangen-Nürnberg kosten pro Semester 805 Euro.

Yevgen und der Zettelberg: Plötzlich diese bleierne Müdigkeit...
Benjamin Dietrich

Yevgen und der Zettelberg: Plötzlich diese bleierne Müdigkeit...

Den Antrag hole ich mir beim Amt für Ausbildungsförderung ab. Ich hätte ihn mir auch aus dem Internet herunterladen können. Nur: Als ich dann endlich die Seite mit den Formblättern gefunden hatte, wusste ich nicht, welchen ich brauche. 'Formblatt 1: Erstantrag auf Ausbildungsförderung'. Klingt gut. 'Anlage zu Formblatt 1: Beruflicher und schulischer Werdegang'. Okay. 'Formblatt 7: Aktualisierung des Einkommens'. Ich dachte, das Bafög-Amt aktualisiert mein Einkommen? 'Formblatt 8: Antrag auf Vorausleistungen nach § 36 Bafög'. Bitte?

Beim Bafög-Amt dagegen liegen die Antragspapiere bereits fertig zusammengefasst auf einem kleinen Tisch im Flur aus. Mit einem solchen Stapel bewaffnet gehe ich wieder nach Hause. Dort schaue ich mir zum ersten Mal die unzähligen Fragen an. Allein Formblatt 1 hat schon an die 100 Felder. Ich bin zu müde, denke ich und lege die Zettel weg.

"Weiß doch jeder, solche Papiere muss man aufheben"

Eine Woche vor Semesterbeginn fällt mir der Antrag wieder ein. Um rechtzeitig Geld zu bekommen, sollte ich ihn jetzt ausfüllen, versuche ich mich zu motivieren. Erstaunlicherweise geht das Ausfüllen relativ fix: Seite eins mit den Angaben zu meinem Wohnort, der Bankverbindung und den Namen der Eltern ist schnell erledigt.

Dann kommt die Nein-Strecke: Habe ich Kinder? Nein. Beziehe ich Unterhalt? Nein. Besitze ich Vermögen? Nein, warum sonst sollte ich Bafög beantragen?

Bei Frage 70 stutze ich. Ich soll angeben, wieviel ich im Bewilligungszeitraum verdienen werde. Was ist denn der Bewilligungszeitraum? Bewilligt ist doch noch gar nichts. Mein Bachelorstudium dauert voraussichtlich bis 2010. Also trage ich '2007 bis 2010' ein und gebe an, wie viel mein Minijob im Café monatlich abwirft.

Dann kommen die Fragen zum schulischen und beruflichen Werdegang. Der ist mit 21 noch nicht allzu lang: Grundschule, Gymnasium, Studium. Es folgen die Angaben zu den Eltern. Dieselben Fragen wurden mir weiter oben schon mal gestellt. Wie sind sie versichert, zahlen sie mir Unterhalt, wie viel verdienen sie?

Nach fünf Tagen sind alle Papiere beisammen

Das Amt will die Einkommensbelege der vergangenen zwei Jahre sehen. Das ist ein Problem. Meine Mutter war zwischendurch arbeitslos, hat aber nicht mehr alle Bescheinigungen, wie viel Arbeitslosengeld sie wann bekommen hat. Und mein Vater ist erst im Dezember 2005 aus der Ukraine hergezogen und muss dort neue Belege anfordern.

Für die Belege meiner Mutter frage ich eine Mitarbeiterin bei der Arge, der Arbeitsgemeinschaft der Arbeitsagentur, ob sie mir noch einmal Kopien schicken kann. 'Das weiß doch jeder, dass man solche Papiere aufheben muss. Was für eine unnötige Verschwendung von Steuerzahlergeld, wenn ich sie jetzt noch mal ausdrucken muss', herrscht sie mich an. Ich soll persönlich kommen und die Kopien abholen.

Nach fünf Tagen habe ich alle Papiere beisammen: die ausgefüllten Formblätter, meine Immatrikulationsbescheinigung, meinen Pass, die Einkunftsbelege meiner Eltern, den Arbeitsvertrag vom Café und die Angaben des Vermieters zu Quadratmeterzahl und Mietpreis meiner Wohnung. Auch das will das Amt genau wissen.

Mit ausgefülltem Antrag und allen Papieren fahre ich zum Bafög-Amt. Die Sachbearbeiterin findet noch einen Fehler - natürlich bei Frage 70. Der Bewilligungszeitraum gilt immer nur ein Jahr, dann muss ich einen neuen Antrag stellen.

Acht Wochen dauert es jetzt, bis ich Bescheid bekomme, ob und wenn ja, wieviel Bafög ich kriege. Und in einem Jahr geht es wieder los: Papiere zusammensuchen, Fragen beantworten, Kästchen ankreuzen.

Ich werde jetzt schon müde, wenn ich daran denke."

Aufgezeichnet von Benjamin Dietrich

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