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12. Juni 2009, 11:19 Uhr

"Mein Kind first"

Wie Eltern gute Schulen verhindern

Eine Abrechnung von

Sie wollen gute Schulen und eine gerechte Gesellschaft - aber nur, wenn's dem eigenen Kind nützt. Eltern sind die größten Bremser im Schulsystem. Sie bekämpfen erbittert Reformen und grenzen sich nach unten hin ab: bloß keinen Kontakt zur Unterschicht.

Das Leiden begann, noch ehe die Schule überhaupt angefangen hatte. Erster vorbereitender Elternabend. Die künftige Lehrerin versucht gerade, behutsam ins System der Stifte, farbigen Umschläge und Fibeln einzuführen. Da ruft ein Vater aus der dritten Reihe: "Ein Schnellhefter, was ist das denn?"

Schimpfende Eltern, leidende Schüler: Schule als Klassenkampf
Corbis

Schimpfende Eltern, leidende Schüler: Schule als Klassenkampf

Kichern, Augenrollen, Fäuste ballen unter den Anwesenden. "Wie blöd muss man eigentlich sein", raunt eine Mutter. Die Lehrerin kennt das schon. Und erklärt geduldig, was ein Hefter ist. Aber jetzt wissen auch wir anderen, wer es ist, vor dem uns Freunde immer gewarnt hatten: die Eltern.

Eltern sind die nervöseste Spezies, die mit Schule zu tun hat. Und die ungeduldigste Spezies. Sie wollen alles für ihr Kind - aber sie wissen oft kaum, wie Schule heute funktioniert. Ihre Devise lautet: Mein Kind first. Ihre Reformbereitschaft ist so ausgeprägt wie die Konrad Adenauers: "Keine Experimente." Eine brisante Melange für die Pisa-geschockte Gesellschaft. Denn die Schule braucht Reformen, sie braucht sie wie die Wüste das Wasser.

Aber auf Neues reagieren Eltern allergisch. Und militant.

Das Land schimpft über das Bildungssystem, über faule Lehrer, unfähige Politiker und lustlose Schüler; die Eltern schimpfen fleißig mit. Dabei bremst kaum jemand so wie sie.

Vor wenigen Tagen erst rotteten sich die fürsorglichen Widerständler wieder zusammen. In Berlin stellte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) eine grundlegende Reform der Schulstruktur vor. Versammelt hatte sich die Crème der deutschen Bildungsforschung, außerdem acht Rektoren aller Berliner Schulformen. Sie saßen auf dem Podium. Etwa 300 unruhige Eltern harrten im Publikum.

Hysterischer Kampf für den Schulseparatismus

Von oben gab es einhelliges Lob für Zöllners Ideen. Die vermaledeiten Hauptschulen Berlins sollen aufgelöst werden und in einer neuen, pädagogisch aufgewerteten Sekundarschule mit Real- und Gesamtschulen fusionieren. Die Forscher, angeführt vom deutschen Pisa-Papst Jürgen Baumert, waren voller Anerkennung.

"Wir können nur gratulieren", sagte selbst der gefürchtete Chef der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren. Alle freuten sich, dass es mit der neuen vereinfachten Schulstruktur nun endlich gerechter zugehen werde - nur die Eltern polterten.

"Die neuen Übergangsregeln aufs Gymnasium sind zutiefst ungerecht", deklamierte eine Mutter aus dem Publikum. Berlins Eltern-Cheflobbyist heißt André Schindler, er drohte dem Senator gar: "Wir Eltern werden Wege finden, unsere Kinder aufs Gymnasium zu bringen. Denn es gibt Tricks, die werden wir nutzen - ganz egal was Sie machen."

Eltern können sehr maßlos sein. Eine Mutter sagte bei einer anderen Veranstaltung zur Fusion von Berlins Haupt- und Realschulen: "In den Hauptschulen, da gibt es zu viele Migrantenkinder. Und wenn Sie die Schulen zusammenlegen, dann werden sie noch einen größeren Haufen Scheiße produzieren." Schule als Klassenkampf.

Eltern ohne moralischen Kompass

So sind sie, die Eltern. Sie wollen Schulreformen jetzt und sofort - aber bitte nur die, die ihrem Kind nützen. Sie kämpfen für Noten, aber wehe, wenn es der eigene Filius ist, der schlecht abschneidet. Sie sind für eine gerechte Gesellschaft. Aber nur, wenn nicht zu viele Migrantenkinder in die Klasse des eigenen Kindes drängen. Sie beschimpfen Lehrer als faule Säcke, aber sie werfen selten einen Blick in die Hefte ihrer Kinder.

Viele Experten halten die Nervosität der Eltern für verständlich. Die Mütter und Väter von heute erhebt etwa der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul zu Pionieren, denen eine Medaille gebühre. "Sie sind die Ersten in der Weltgeschichte, die Kinder unter diesen Bedingungen zu selbstbewussten, kreativen Bürgern erziehen sollen." Juul meint damit den Überfluss: "Kinder wachsen mit prallen Einkaufstüten auf. Wir haben noch überhaupt nicht gelernt, damit umzugehen."

Das gilt übrigens auch für Kinder der Unterschicht. Nirgendwo ist die Dichte der Fernseher im Kinderzimmer so hoch wie in Hartz-IV-Haushalten. Auch das Wissen über Kinder wächst rasant. Der Markt erschlägt Eltern mit Erziehungsratgebern, Tipps der Supernanny und Warnungen vor kleinen Tyrannen.

Aber das alles hilft Eltern nicht. Denn ihnen sei der moralische Kompass abhanden gekommen, meint Jesper Juul. Keiner weiß genau, wie er erziehen soll.

Kontaktsperre aus Angst vor Unterschicht-Kindern

Die Antwort der Eltern auf diese Unsicherheit ist ziemlich unsentimental. Sie heißt Statussicherung. Sie richtet sich - auf die Schule. Bildung und Schulerfolg seien inzwischen absolute Werte für Eltern, schreiben die Autoren einer Konrad-Adenauer-Studie namens "Eltern unter Druck": "Die Belange der Schule sind mittlerweile zum beherrschenden Thema des Familienlebens geworden, vor allem in der bürgerlichen Mitte."

Das Motto heißt Abgrenzung. Eltern achten genau darauf, auf welche Schule die Kinder gehen - und auf welche sie auf keinen Fall gehen sollen. "Nicht mehr nur Akademikerfamilien, sondern bereits die breite Mittelschicht grenzt sich massiv nach unten ab. Man könnte hier beinahe schon von einer Art 'Kontaktsperre' sprechen", heißt es in der Studie.

Es gibt derzeit zwei zentrale Reformen von Schule in Deutschland. Erstens, den Unterricht mit neuen kreativen Lernformen zu verbessern, das Stichwort heißt: individuelles Lernen. Zweitens, die überdehnte und zutiefst ungerechte Schulstruktur mindestens sachte zu vereinfachen. Die Stichworte dafür heißen: Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre, flexible Schulanfangsphase, neue integrierte Schulformen wie die Gemeinschaftsschule (Berlin und Schleswig-Holstein) oder die Stadtteilschule (Hamburg).

Jahre hat es gedauert, bis sich die Kultusminister dazu durchringen konnten, die weltweit einzigartige Vielzahl von Schulformen zu reduzieren. Die erbittertesten Gegner dagegen sind auch hier - die Eltern.

"Gucci-Protest" des Bildungsbürgertums

Immer wenn irgendwo Schulen fusionieren sollen, gehen Eltern auf die Barrikaden. Als in Bayern über die Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen nur nachgedacht wurde, fragte Ingrid Ritt, Landesvorsitzende der Realschuleltern, sofort dämonisch: "Was folgt als Nächstes? Der willkürliche Austausch von Schülern zwischen den Schularten?" Gerade so, als wären Hauptschüler eine ansteckende Krankheit.

Die Angst der Eltern vor dem Statusverlust ist immens. Gegen die geplante gemeinsame sechsjährige Grundschule in Hamburg veranstaltete das dortige Bürgertum unlängst einen "Gucci-Protest", wie selbst "Die Zeit" lästerte. Die Bürgerinitiative dazu besteht aus Medien- und Werbeprofis, wie ihr Anführer, der Anwalt Walter Scheuerl, anmerkt.

Die Initiative trägt den harmlosen Namen "Wir wollen lernen". Tatsächlich bedeutet er: Wir wollen nicht mit Schmuddelkindern lernen. Denn zu den Zielen der Initiative gehört es, die sechsjährige Grundschule unbedingt zu verhindern, vulgo: das frühe Aussortieren von Migranten und Hartz-IV-Kindern nach der vierten Klasse beizubehalten.

In den Köpfen läuft die "Feuerzangenbowle"

Aber Eltern wollen nicht nur ihr Gymnasium retten. Sie verweigern sich häufig auch den neuen Formen des Lernens. In den Köpfen der Eltern läuft immer noch die "Feuerzangenbowle". Sie stellen sich Unterricht so vor, wie ihn Heinz Rühmann in einer Szene des Films von 1944 machte: Als Lehrer verkleidet zeigt Johannes Pfeiffer ("mit drei f") den etwas vertrottelten Paukern, wo es langgeht, und zaubert spannenden Frontalunterricht in ein steifes Gymnasium.

An diesem Klischee arbeiten sich Eltern noch heute ab. Ein Lehrer kann in ihren Augen eine Klasse von vorn wunderbar befüllen - wenn er nur witzig und gelehrt genug ist. Genauso haben Eltern Schule erlebt: Der Lehrer steht in der Rolle des Allwissenden vor der Klasse und erzählt seinen Schülern, wie die Dinge zu verstehen sind.

Auf Bildungskongressen kichern Forscher und Lehrer mittlerweile über den fragend-entwickelnden Unterricht, bei dem der Lehrer von vorn das Wissen aus den Schülern heraus zu kitzeln versucht. Die Methode heißt dort "Osterhasenpädagogik": Der Lehrer versteckt das Wissen - die Schüler sollen's suchen.

Experten und engagierte Lehrer versuchen längst, moderne Unterrichtsformen zu etablieren. Doch Eltern von heute steht noch immer eine Lehrform hoch im Kurs, die 150 Jahre alt ist.

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