Mein Leben als Vegetarier Jetzt geht's um die Wurst

3. Teil: Die militante Phase - "Ich bin der Martin, ne" (Diether Krebs)


In den nächsten Jahren wurde ich militant, wie mein Fleisch-ist-Leiche-Freund aus der Grundschule. Meinen Geschwistern kam ich mit Predigten über tote Tiere, Viehtransporte und böse Schlachthofmenschen. Ich versuchte, meine Familie zum fleischlosen Leben zu zwingen, damit es sonntags Grünkernpflänzchen statt Braten gab. Erfolg hatte ich selten, meine Umgebung brachte viel Geduld auf. Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein und verließ einmal auch den Esstisch, aus Mitleid mit der Feiertagsente.

Mit der Kuh per Du: "Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein"
Raphael Geiger

Mit der Kuh per Du: "Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein"

Dann eine vegane Phantasie: Mit 14 lernte ich in der Schule Martin kennen - zwei Jahre älter, überzeugter Veganer. Er behauptete, seit dem vierten Geburtstag weder Fleisch noch Fisch oder Käse gegessen und keinen Schluck Milch getrunken zu haben. Ich hatte enormen Respekt, wollte freilich nicht wahrhaben, dass seine Ernährung Martin ziemlich zugesetzt hatte. Er war abgemagert und im Gesicht schrecklich blass.

Das war mir schnurz, Martin war ein kluger Kopf und überzeugte mich: Damit die Menschen immer Kuhmilch im Überfluss haben, müssen die Kühe, logisch, immer schwanger sein. Und die vielen Kälber werden schnell geschlachtet. Ergo, sagte Martin vorwurfsvoll: "Wenn du Milch trinkst, förderst du damit das massenhafte Umbringen von Kälbern." Ich verstand sofort, was er meinte: Massenmord. Also war ich gewillt, jedes Produkt im Supermarkt wegen ein paar Gramm Eiweiß zurück ins Regal zu stellen.

Aber mein Vater sprach: "Das wirst du nicht tun. Da fürchte ich um deine Gesundheit." Ich kämpfte den pubertären Kampf eines 14-Jährigen gegen die Eltern, nach der Devise: "Sagt, was ihr wollt. Pfeif ich doch drauf." Tage, Wochen, Monate später stand noch immer kein veganes Frühstück auf dem Tisch. Aber in Wahrheit scheiterte ich an mir selbst: Anders als Martin wollte ich in der Pizzeria nicht den Mozzarella vom Teig picken und auch nicht morgens aufs Müsli verzichten. Irgendwann hatte ich sie dann vergessen, die ermordeten Kinder vergewaltigter Milchkühe.

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