Mein Leben als Vegetarier Jetzt geht's um die Wurst

5. Teil: Diese fiese Wette - "Meat is Murder" (The Smiths)


Und dann... einige Monate später in Passau diese Wette. Meine Freunde wollen mich die Weißwurst vertilgen sehen. Und ich mache mit, des Geldes wegen. Obwohl: Vielleicht auch aus Neugier - schaffe ich das, bringe ich eine Wurst runter? Wie schmeckt denn die überhaupt? Ich habe den Geschmack vergessen. Und plötzlich das Gefühl, zehn Jahre lang irre viel verpasst zu haben.

Wurst-Experiment: Danke, eine reicht völlig
Raphael Geiger

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Zur Witzfigur mache ich mich schon, als ich es kaum schaffe, die beiden Würste zu trennen. Und der Darm (das ist nun wirklich eklig: Schweinedarm!) lässt sich nicht gleich ablösen. Meine Begleiter lachen lauthals. Am Anfang kaue ich schnell, schlucke die Stückchen flink hinunter, nehme jeweils einen kräftigen Schluck Wasser.

Aber dann - schmeckt es mir. Ich nehme weniger Senf, zwei Stücke auf einmal, kein Wasser mehr. Als die lieben Freunde mir aber die zweite Wurst auf den Teller knallen, lehne ich ab. Genug ist genug.

Wenn ich vom Wurst-Erlebnis erzähle, ernte ich nur überraschte Blicke. Manche Leute glauben, ich sei jetzt wohl "wieder normal", darum beglücken sie mich mit fleischigen Tipps. Ich lese in Internet-Foren nach und finde auch die Frage: "Kann es nach mehreren Jahren als Vegetarier gefährlich sein, wieder Fleisch zu essen?" Eine Antwort: "Für dich nicht. Für die Tiere schon."

Da ist es wieder, das vegetarische Gewissen. Ich bin immer noch Vegetarier. Mein Bruder, der bald heiratet, wollte mich auf der Menükarte der Hochzeit schon von der "Vegetarierliste" streichen und feixte: "Macht einmal Roggenpflänzchen weniger."

Wurstkoffer, praktisches Grill-Utensil: Geistert auf Humorseiten durchs Web, erfunden von der "Titanic"

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Richard David Precht geht in seinem Buch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" auch der Frage "Dürfen wir Tiere essen?" nach. Nach ein paar Seiten schließt er ziemlich hilflos: "Man wird wohl sagen müssen, dass die Argumente gegen das Fleischessen wahrscheinlich besser sind als die Argumente, die dafür sprechen. Ob man nun ganz auf den Hamburger und das Brathähnchen verzichtet oder einfach nur etwas seltener als bisher Fleisch isst, hängt sehr davon ab, wie sehr man sich in dieser Frage sensibilisieren lässt."

Ich bleibe dann mal lieber sensibel. Vorerst.

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