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06. Februar 2009, 06:33 Uhr

Mein Leben als Vegetarier

Jetzt geht's um die Wurst

Seit zehn Jahren ist der Passauer Abiturient Raphael Geiger, 18, eingefleischter Vegetarier, sozusagen. Da erlebt man allerhand und ist vor Anfechtungen nie sicher. Zum Beispiel, wenn die lieben Freunde im Wirtshaus eine schurkische Weißwurst-Wette anbieten.

Da liegt sie, die Wurst. Fett suhlt sie sich im heißen Wasser der Porzellanschüssel und will mir etwas sagen: Komm schon, iss mich! Worauf wartest du noch?

Der Proband mit dem Objekt: Bayerisch und bissfest
Raphael Geiger

Der Proband mit dem Objekt: Bayerisch und bissfest

Ich bin mit Freunden im "Bayerischen Löwen", einem Wirtshaus in meiner Heimatstadt Passau. Meine sogenannten Freunde haben zusammengelegt und bieten vier mal 15 Euro, die ich mir wahlweise auch in Alkohol auszahlen lassen kann. Bedingung: Ich muss nach fast zehn Jahren wieder eine Wurst essen. Sie haben alles geplant, eine Weißwurst soll es sein. Nach einer Schrecksekunde denke ich an den Wetteinsatz und ergebe mich meinem Schicksal.

Im letzten Jahr hatte ich als Vegetarier mehrfach seltsame Begegnungen. Einmal wurde ich in einem griechischen Imbiss ausgelacht, als ich "Gyros Pita ohne Fleisch" bestellte - was aber auch doof klingt. Und einmal konnte ich nur mit Mühe einen Bekannten vom Besuch im Fischlokal abbringen: "Wie, Fisch isst du auch nicht?" Wir einigten uns auf eine Pizzeria, aber richtig schön wurde der Abend nicht, denn er mündete in eine langatmige, philosophische Diskussion über das Wesen von Wassertieren.

Und nun im "Bayerischen Löwen" vor mir die Wurst. Ich kann kaum das Messer hinein stoßen. Ist es Nervosität oder fehlende Übung im Fleischverzehr? Meine Freunde amüsieren sich köstlich. Halb so schlimm: Zehn Jahre als Vegetarier in Bayerns Provinz - das erzieht zur Selbstironie. Ein Rückblick.

Wie alles begann - "Fleisch ist mein Gemüse" (Heinz Strunk)

Kein Leben ohne Fleisch. Nicht für mich als Kind von fünf, sechs Jahren. Danach war ich verrückt, behaupten meine Geschwister. Im Kinderbuch las ich von einem Weihnachtsmahl mit Ente und Rotkohl und zwang meine Mutter, genau das am Weihnachtsabend zu kochen. Eine ganz bestimmte Sorte italienischer Salami verschlang ich geradezu und quoll aus meinen Kleidern, wie Kinderfotos beweisen.

Als mir ein von seinen Öko-Eltern infiltrierter Schulfreund einmal an den Kopf warf, Fleisch sei ein anderes Wort für Leiche, war ich wütend: Was für ein Quatsch, schmeckt doch gut - gar nicht nach Leiche. Leiche war eklig, Wurst war lecker. Punkt.

Frühjahr 1999. Im Urlaub mit meinen Eltern in Holland, ein folgenreicher Schwur in der Küche der Ferienwohnung: ab sofort kein Fleisch mehr, auch kein Fisch. Schon länger hatte ich allenfalls dünne Wurstscheiben auf Brot oder Fertig-Fischstäbchen gegessen. Was zu sehr nach Lebewesen aussah, stieß mich ab.

Warum also nicht gleich Vegetarier werden? Ich weiß nicht mehr genau, wie meine Mutter reagierte. Jedenfalls schloss sie sich einige Wochen später an und wollte nur auf Fisch nicht verzichten.

Die militante Phase - "Ich bin der Martin, ne" (Diether Krebs)

In den nächsten Jahren wurde ich militant, wie mein Fleisch-ist-Leiche-Freund aus der Grundschule. Meinen Geschwistern kam ich mit Predigten über tote Tiere, Viehtransporte und böse Schlachthofmenschen. Ich versuchte, meine Familie zum fleischlosen Leben zu zwingen, damit es sonntags Grünkernpflänzchen statt Braten gab. Erfolg hatte ich selten, meine Umgebung brachte viel Geduld auf. Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein und verließ einmal auch den Esstisch, aus Mitleid mit der Feiertagsente.

Mit der Kuh per Du: "Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein"
Raphael Geiger

Mit der Kuh per Du: "Ich muss ein echter Kotzbrocken gewesen sein"

Dann eine vegane Phantasie: Mit 14 lernte ich in der Schule Martin kennen - zwei Jahre älter, überzeugter Veganer. Er behauptete, seit dem vierten Geburtstag weder Fleisch noch Fisch oder Käse gegessen und keinen Schluck Milch getrunken zu haben. Ich hatte enormen Respekt, wollte freilich nicht wahrhaben, dass seine Ernährung Martin ziemlich zugesetzt hatte. Er war abgemagert und im Gesicht schrecklich blass.

Das war mir schnurz, Martin war ein kluger Kopf und überzeugte mich: Damit die Menschen immer Kuhmilch im Überfluss haben, müssen die Kühe, logisch, immer schwanger sein. Und die vielen Kälber werden schnell geschlachtet. Ergo, sagte Martin vorwurfsvoll: "Wenn du Milch trinkst, förderst du damit das massenhafte Umbringen von Kälbern." Ich verstand sofort, was er meinte: Massenmord. Also war ich gewillt, jedes Produkt im Supermarkt wegen ein paar Gramm Eiweiß zurück ins Regal zu stellen.

Aber mein Vater sprach: "Das wirst du nicht tun. Da fürchte ich um deine Gesundheit." Ich kämpfte den pubertären Kampf eines 14-Jährigen gegen die Eltern, nach der Devise: "Sagt, was ihr wollt. Pfeif ich doch drauf." Tage, Wochen, Monate später stand noch immer kein veganes Frühstück auf dem Tisch. Aber in Wahrheit scheiterte ich an mir selbst: Anders als Martin wollte ich in der Pizzeria nicht den Mozzarella vom Teig picken und auch nicht morgens aufs Müsli verzichten. Irgendwann hatte ich sie dann vergessen, die ermordeten Kinder vergewaltigter Milchkühe.

Schluss mit den Vorwürfen - "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" (Stephan Remmler)

Militant war ich jetzt nicht mehr und hörte auf, den Fleischessern Vorwürfe zu machen. Aber Fleisch auf dem Teller wollte ich auch nicht - der Gedanke, ich könnte auf etwas beißen, das ein paar Tage zuvor noch in einem Stall oder auf einer Weide lebte, stieß mich ab.

2008 lernte ich viele neue Leute kennen und hörte oft die Frage: "Du isst kein Fleisch?", und zwei Minuten später: "Fisch auch nicht?" Wegen der Vegetarismus-Debatten stellte ich mir die Sinnfrage wieder selbst. Freunde plauderten über exotisches Fleisch, das sie auf Reisen probiert hatten - Schlange, Krokodil, Känguru. Vielleicht gehört es ja zum Reisen dazu, ortsspezifisch zu essen? Ist das moralisch verwerflich?

Als im April 2008 mein Praktikum bei SPIEGEL ONLINE begann, lud ein Landfrauenverein in Schleswig-Holstein Jungs zum "Boys' Day" inklusive Haushaltskurs ein: putzen, kochen, Knopf annähen. Ich sollte darüber in Form eines Selbstversuchs berichten - und hoffte, beim Kochen Fleisch und Wurst umgehen zu können.

Es kam, wie es kommen musste: Kurz vor Mittag wurde ich zum Wühlen in Hackfleisch bestellt und sollte daraus Frikadellen kneten. Ich kam mir vor wie im Dschungelcamp, wie Bata Illic im Kakerlakensarg. Aber eisern hielt ich durch und formte auch noch brav Fleischklößchen für die Suppe. Nur vorm Kosten der erlesenen Speisen konnte ich mich drücken.

Diese fiese Wette - "Meat is Murder" (The Smiths)

Und dann... einige Monate später in Passau diese Wette. Meine Freunde wollen mich die Weißwurst vertilgen sehen. Und ich mache mit, des Geldes wegen. Obwohl: Vielleicht auch aus Neugier - schaffe ich das, bringe ich eine Wurst runter? Wie schmeckt denn die überhaupt? Ich habe den Geschmack vergessen. Und plötzlich das Gefühl, zehn Jahre lang irre viel verpasst zu haben.

Wurst-Experiment: Danke, eine reicht völlig
Raphael Geiger

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Zur Witzfigur mache ich mich schon, als ich es kaum schaffe, die beiden Würste zu trennen. Und der Darm (das ist nun wirklich eklig: Schweinedarm!) lässt sich nicht gleich ablösen. Meine Begleiter lachen lauthals. Am Anfang kaue ich schnell, schlucke die Stückchen flink hinunter, nehme jeweils einen kräftigen Schluck Wasser.

Aber dann - schmeckt es mir. Ich nehme weniger Senf, zwei Stücke auf einmal, kein Wasser mehr. Als die lieben Freunde mir aber die zweite Wurst auf den Teller knallen, lehne ich ab. Genug ist genug.

Wenn ich vom Wurst-Erlebnis erzähle, ernte ich nur überraschte Blicke. Manche Leute glauben, ich sei jetzt wohl "wieder normal", darum beglücken sie mich mit fleischigen Tipps. Ich lese in Internet-Foren nach und finde auch die Frage: "Kann es nach mehreren Jahren als Vegetarier gefährlich sein, wieder Fleisch zu essen?" Eine Antwort: "Für dich nicht. Für die Tiere schon."

Da ist es wieder, das vegetarische Gewissen. Ich bin immer noch Vegetarier. Mein Bruder, der bald heiratet, wollte mich auf der Menükarte der Hochzeit schon von der "Vegetarierliste" streichen und feixte: "Macht einmal Roggenpflänzchen weniger."

Wurstkoffer, praktisches Grill-Utensil: Geistert auf Humorseiten durchs Web, erfunden von der "Titanic"

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Richard David Precht geht in seinem Buch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" auch der Frage "Dürfen wir Tiere essen?" nach. Nach ein paar Seiten schließt er ziemlich hilflos: "Man wird wohl sagen müssen, dass die Argumente gegen das Fleischessen wahrscheinlich besser sind als die Argumente, die dafür sprechen. Ob man nun ganz auf den Hamburger und das Brathähnchen verzichtet oder einfach nur etwas seltener als bisher Fleisch isst, hängt sehr davon ab, wie sehr man sich in dieser Frage sensibilisieren lässt."

Ich bleibe dann mal lieber sensibel. Vorerst.

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