Mein Leben als Vegetarier Jetzt geht's um die Wurst

Seit zehn Jahren ist der Passauer Abiturient Raphael Geiger, 18, eingefleischter Vegetarier, sozusagen. Da erlebt man allerhand und ist vor Anfechtungen nie sicher. Zum Beispiel, wenn die lieben Freunde im Wirtshaus eine schurkische Weißwurst-Wette anbieten.


Da liegt sie, die Wurst. Fett suhlt sie sich im heißen Wasser der Porzellanschüssel und will mir etwas sagen: Komm schon, iss mich! Worauf wartest du noch?

Der Proband mit dem Objekt: Bayerisch und bissfest
Raphael Geiger

Der Proband mit dem Objekt: Bayerisch und bissfest

Ich bin mit Freunden im "Bayerischen Löwen", einem Wirtshaus in meiner Heimatstadt Passau. Meine sogenannten Freunde haben zusammengelegt und bieten vier mal 15 Euro, die ich mir wahlweise auch in Alkohol auszahlen lassen kann. Bedingung: Ich muss nach fast zehn Jahren wieder eine Wurst essen. Sie haben alles geplant, eine Weißwurst soll es sein. Nach einer Schrecksekunde denke ich an den Wetteinsatz und ergebe mich meinem Schicksal.

Im letzten Jahr hatte ich als Vegetarier mehrfach seltsame Begegnungen. Einmal wurde ich in einem griechischen Imbiss ausgelacht, als ich "Gyros Pita ohne Fleisch" bestellte - was aber auch doof klingt. Und einmal konnte ich nur mit Mühe einen Bekannten vom Besuch im Fischlokal abbringen: "Wie, Fisch isst du auch nicht?" Wir einigten uns auf eine Pizzeria, aber richtig schön wurde der Abend nicht, denn er mündete in eine langatmige, philosophische Diskussion über das Wesen von Wassertieren.

Und nun im "Bayerischen Löwen" vor mir die Wurst. Ich kann kaum das Messer hinein stoßen. Ist es Nervosität oder fehlende Übung im Fleischverzehr? Meine Freunde amüsieren sich köstlich. Halb so schlimm: Zehn Jahre als Vegetarier in Bayerns Provinz - das erzieht zur Selbstironie. Ein Rückblick.

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