Meine Wünsche Auf den Verzerrer gelatscht

Der Geist der wilden Herzen: Rocksänger Kurt Cobain hat vielen Jugendlichen durch die Pubertät geholfen. Seit 13 Jahren ist der Nirvana-Frontmann tot. SchulSPIEGEL-Redakteur Markus Flohr wünscht sich trotzdem nichts mehr, als noch einmal ein neues Album von ihm zu verschenken.


Die entscheidende Frage an Heiligabend ist ja nicht: Was bekomme ich geschenkt? Sondern: Was verschenke ich? Für beides wünsche ich mir nichts sehnlicher als ein neues Album der Band Nirvana, ein paar neue Lieder von Kurt Cobain.

Ja, ich weiß. Der Mann ist tot, hat sich erschossen, mit der Schrotflinte. Seine Bandmitglieder haben neue Kapellen aufgemacht. Es wird keine Nirvana-Songs mehr geben. Und über Cobains Selbstmord haben schon andere Menschen viel zu viel geschrieben.

Aber darum geht es nicht. Es geht um etwas Anderes. Um Punkrock.

Ich meine nicht die musikalische Einwegkost à la Sex Pistols. Das Lumpenproletariat in der Bahnhofshalle interessiert mich auch nur am Rande. Die urbanen Extremsport-Versuche des Schwarzen Blocks am 1. Mai in Kreuzberg – die könnte man genauso gut mit irgendwelchem Techno beschallen. Und: Nein, Nirvana haben nie wirklich Punkrock gespielt.

Mir geht es um den Geist, der aus jedem Ton und jeder Zeile spricht, die Nirvana der Welt geschenkt haben, den Geist der wilden Herzen.

Nirvana nach dem Flötenunterricht

Meinetwegen - andere Leute lernen diesen Geist auf irgendeiner Demo gegen irgendetwas kennen; wenn sie Irokesen-Arnes Hund Fiffi das erste Mal streicheln dürfen, oder wenn der zwielichtige Junge aus der Nachbarschaft sie zum Rauchen hinten im Garten auffordert.

Bei mir war es anders. Nach dem Flöten-Unterricht kramte ich im CD-Regal des Sohnes meiner Musiklehrerin. Da stand diese Single: Ein verschwommenes Foto vorne drauf, drei Typen, das komisch-grüne Schwabbelmuster, der Schriftzug: "Nirvana". Drüber stand, noch kleiner: "Smells Like Teen Spirit".

Sören, der Sohn meiner Flötenlehrerin, sagte: "War wohl ein Fehlkauf. Sagt mir irgendwie nichts. Lange nicht in der Hand gehabt". Ich wollte die Single trotzdem hören. Hatte den Bandnamen irgendwo gelesen. In einem dieser Rockmusik-Magazine, für die ich der Frau im Kiosk immer mein ganzes Taschengeld über die Ladentheke schob.

Sören drückte auf "Play".

Zack. Da war diese Gitarre, waren diese vier angehackten Punk-Akkorde, die heute jeder mitsummen kann. Das Schlagzeug rumpelte los. Und dann kam die unfassbar kernig-traurige Stimme von Kurt Cobain. Ich hörte sein Geschrammel, und ich spürte, wie es mir langsam in den Kopf stieg. Nirvana verwandelte alles in einen Strudel aus Rausch und Lärm. Das bedrückte, nervte, erregte einen Teenager wie mich, gerade weil die Lieder so einfach gestrickt sind. Mit 14 ist man eben auch noch einfach gestrickt. Was für ein lustvolles Geschrei, was für ein traumhaft morbider Unterton - ich hätte auf der Stelle lostanzen können, hätte ich schon gewusst, wie man tanzt. Es war, als sei jemand in meinem Leben auf den Verzerrer gelatscht.

Der süße Duft der Verweigerung

Sören gab mir die Single mit. Als ich quer durch unsere Kleinstadt nach Hause radelte, hatte ich das Gefühl, etwas sehr Wertvolles im Rucksack zu haben. Ich überspielte mir die Maxi auf eine Kassette. Eigentlich spielte ich immer wieder nur "Smells like Teen Spirit" aufs Band. Einmal, dreimal, oft.

Ich ließ mir die Haare wachsen, aber nur bis zum Kinn, nicht bis zur Schulter, wie mein Kumpel, der Heavy Metal hörte. Vor meiner Begegnung mit Nirvana beim Sohn der Flötenlehrerin dachte ich auch, ich wäre ein Heavy-Metal-Fan. Was für ein Irrtum!

Ab da waren die schweren Lebens-Prüfungen in den Jahren nach dem ersten Pickel leichter zu ertragen. Dank Kurt Cobain hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass es im Leben um mehr geht, als ein Zeugnis voller Einsen zu haben und den Schrank voller Benetton-Pullis. Nirvana, das war der Duft der Verweigerung, die Band gewordene Geste, dass die erste Liebe nicht auf den Petting-Instruktionsseiten der "Bravo" zu finden war – und dass Klassenlehrer und Eltern zwar immer das letzte Wort, aber nicht zwangsläufig Recht hatten.

Was das heißt? Mein Mathe-Lehrer machte mich vor der ganzen Klasse zur Schnecke, weil ich beim Rechnen ein Vorzeichen falsch gesetzt hatte. Ich hatte die Wahl: Entweder ich würde zurückbrüllen – oder mich meinen heißen Tränen ergeben. Ich habe zurückgeschrien. Er setzte mich vor die Tür. Auf dem Gang summte ich "Smells Like Teen Spirit".

In der Großen Pause lachten die anderen mich aus, weil ich beim Rauchen "auf Lunge" hinter dem Busch am Schulbiotop immer noch husten musste. Es ging ja darum, mit 14 so zu wirken als würde man schon seit zehn Jahren rauchen. Mir war das Gehuste zwar weiter peinlich, aber ich lernte, diese pseudocoolen Idioten zu verachten.

Ich war in ein Mädchen verknallt, wir schrieben uns Briefe, in die sie mit Buntstiften rote Rosen malte – und dann knutschte sie plötzlich mit einem Gewichtheber aus der 10. Klasse! Natürlich tat das weh. Aber ich, ich konnte meinen Liebeskummer in den schwermütigen Liedern Kurt Cobains ersaufen.

Ich klaute meinem Vater seine Gitarre aus dem Arbeitszimmer und fing an, das Zeug nachzuspielen. Einmal spielte ich mich so in Rage, dass ich die Wanderklampfe beinahe auf der Bettkante zertrümmert hätte.

Nirvana waren für einen Moment genau das, woran alle wilden Herzen glauben. Fragen Sie mal jemanden, der noch nicht ganz dreißig ist – und er wird ihnen eine ähnliche Geschichte erzählen wie diese. Nirvana ist die Band, deren CDs unsere Enkelkinder in 60 Jahren aus der Kiste vom Dachboden kramen werden – um dann mit funkelnden Augen zu fragen, wo wir waren, als Kurt Cobain sich erschossen hat. Ich kenne keine Band, die eine solche Magie umgibt. Kann man etwas Besseres zu Weihnachten verschenken?



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