Memo-Training für kleine Superhirne Mafioso in der Badewanne

Nur ein entspannter Denker ist ein guter Denker. Das gilt auch für hochbegabte Kinder, die in einem Münchner Verein ihr Gedächtnis trimmen - mit erstaunlichen Erfolgen. Ein Bericht aus einem Trainingscamp für kleine Blitzmerker, geleitet von einem Weltrekordler im Denksport.


Karstens Homepage: Memo-Schlüssel für Anfänger und Fortgeschrittene

Karstens Homepage: Memo-Schlüssel für Anfänger und Fortgeschrittene

Äußerlich unterscheidet sich die Heizung neben der Tür des Seminarraums nicht von anderen weiß lackierten Heizkörpern. Doch in der Vorstellung der anwesenden Kinder ist diese hier beseelt: Minigötter zwängen sich durch ihre Rippen, vorwitzige Fratzen, die sich sogleich in Luft auflösen - weggeschmolzen durch den eifersüchtigen Gott Moses. An dessen erstes Gebot nämlich - "Du sollst keine Götter haben neben mir" - soll die Heizung erinnern.

Fachsprachlich ist sie ein "Routenpunkt", sozusagen eine physische Gedächtnisstütze. Es ist der zweite Tag eines Wochenendkurses für Kinder des Münchner Vereins "Hochbegabtenförderung e.V.". Zwölf Schüler zwischen 9 und 13 mit einem getesteten Intelligenzquotienten über 115 trainieren beim deutschen Denk-Profi Gunter Karsten, selber mit einem IQ über 130 ausgestattet, ihr Erinnerungspotenzial.

Das elfte Gebot: Locker bleiben

Grips-Show mit Jauch: Verona Feldbusch bei einer Gedächtnis-Aufgabe
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Karsten führt seine Zauberlehrlinge in die Methoden einer wenig bekannten Technik ein, deren Grundlagen einst die Griechen entwickelten: Mnemonik, die systematische Steigerung der Gedächtnisleistung.

Gestern haben die Kinder sich die mosaischen Gebote per "Loci-Methode" angeeignet. Dabei wird das, was erinnert werden soll, an auserkorenen Orten (Loci), den Routenpunkten, möglichst phantasievoll "abgelegt": die zehn Gebote also an zehn Gegenständen im Seminarraum.

Seminarleiter Gunter Karsten fragt die Schüler nach dem fünften Gebot. Kopfnickend haken die Kinder im Geiste die Stationen ab - Heizung, Bild, Stuhl, Ledersofa, Fenster. Station 5 ist das Keyboard. "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", platzt Philip heraus. "Nicht auf dem Keyboard Heavy Metal spielen", spult der Junge die vereinbarte Eselsbrücke ab - zur Ehre lärmempfindlicher Eltern.

Schule für Hochbegabte (in Braunschweig): Eselsbrücken helfen
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Schule für Hochbegabte (in Braunschweig): Eselsbrücken helfen

Die Wiederholung der zehn Gebote gehört nur zur Warmdenkphase. Danach herrscht Hochspannung: Wer schafft es, sich sieben achtstellige Telefonnummer innerhalb von fünf Minuten zu merken?

Karstens Eleven starren auf die Zahlenreihen. Leise, sphärische Klänge füllen den Raum: Nur ein entspannter Denker ist ein guter Denker. Noch zwei Minuten, sagt Karsten, noch eine Minute, bingo! "Wie heißt die Hauptstadt von Portugal?" "Lissabon." "Wieviel ist 12 mal 13?" Die Kinder rechnen noch, da winkt der Memo-Guru schon ab: "Okay. Jetzt schreibt alle Nummern auf, die ihr noch wisst."

Wenn ein Ski in der Waschmaschine geschreddert wird

Nach der Unterbrechung mit Geographie und Rechnen gilt der Kurzzeitspeicher des menschlichen Gedächtnisses, der über 20 Sekunden lang etwa sieben Zeichen ("Chunks") speichern kann, als gelöscht. Die Nummern sollen nämlich aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden. Die Kinder legen los.

Fünf Minuten lang herrscht Hochkonzentration, nur die Bleistifte schaben über die Blätter. "Nonne", erinnert sich Christine, und notiert eine 22. Vor Christines innerem Auge kniet die Klosterfrau vor einem "Baum" (93), aus dem eine "Taube" (19) fliegt, die der Nonne erklärt, der Baum sei eine "Tanne" (12).

Die Geschichte zur Memorierung der vierten Telefonnummer hat die 12-Jährige sich selbst ausgedacht, die Begriffe zu den Zahlen - Nonne für 22 - hat Karsten den Kindern beigebracht: das so genannte Mastersystem. Danach wird jeder Zahl von 0 bis 9 ein Konsonant zugeordnet. Für 2 etwa steht das n, weil n zwei Striche hat. 22 ist also nn, und für nn steht im Mastersystem die "Nonne".

Gefühle lassen Erinnerungen länger haften

Dennis hat sich die Masterbegriffe per Loci-Methode gemerkt und dazu schon daheim eine eigene Erinnerungsroute eingeprägt. In seiner Vorstellung hockt jetzt ein Schaf - die 68 - zu Hause auf dem Klo, eine Kette (71) glitzert quer über dem Spiegel, in der Badewanne liegt ein toter Mafioso (Mafia für 38), und ein passend gehackter Ski (06) wird gerade in Mamas Waschmaschine geschreddert.

Grafik: Wie das Gedächtnis funktioniert
DER SPIEGEL

Grafik: Wie das Gedächtnis funktioniert

Je absurder und witziger die Erinnerungshilfen sind, hat Karsten den Kindern eingebläut (und für Erwachsene: je "erregender"), desto leichter seien sie zu merken. Gefühle wecken Erinnerungen - ebenso wie Gerüche, Klänge oder Bewegungen. Weswegen das Gehirn auch alles, von Vokabeln bis hin zu Mathe-Formeln, rythmisiert oder mit einer Melodie versehen besser speichere.

Genauer gesagt bleibt Wissen auf diese Weise besser abrufbar. Entgegen aller menschlichen Erfahrung propagiert Karsten nämlich: "Das Gehirn speichert alles. Für immer. Das Problem ist nur, dass wir die Schlüssel zu unserem Wissen verlieren." Ein Problem, das durch Karstens Methode allerdings auch nicht zweifelsfrei lösbar ist: Das Behalten seiner Memo-Schlüssel mutet anfangs mindestens so aufwendig an wie die zu memorierenden Daten selbst.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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